• Kurfürstenstraße in Berlin-Tiergarten: Projekt will Nachbarschaft von Sexarbeiterinnen und Anwohnern verbessern

Kurfürstenstraße in Berlin-Tiergarten : Projekt will Nachbarschaft von Sexarbeiterinnen und Anwohnern verbessern

In der Kurfürstenstraße gehören Prostituierte zum Straßenbild. In das Projekt „Nachbarschaft im Kurfürstenkiez“ sollen sie gezielt miteinbezogen werden.

Viele Nachbarn ärgern sich über Müll, Lärm und Sex in der Öffentlichkeit.
Viele Nachbarn ärgern sich über Müll, Lärm und Sex in der Öffentlichkeit.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ihr Arbeitsplatz ist die Kurfürstenstraße. Prostituierte gehören hier zum Straßenbild und treffen auf Nachbarn, die sich über Müll, Lärm und Sex in der Öffentlichkeit ärgern. Gerade vor Schulen und Kindertagesstätten kommt es zu Konflikten. Das Projekt „Nachbarschaft im Kurfürstenkiez“ unter der Leitung des Frauentreffs Olga arbeitet seit Anfang 2017 daran, das Miteinander zu verbessern.

Das sei auch im Interesse der Sexarbeiterinnen, sagt Monika Nürnberger, Leiterin von Olga. „Schlechtes Miteinander bedeutet für sie schlechte Arbeitsbedingungen.“ Die Mitarbeiter von Olga sprechen die Prostituierten an, auch tagsüber, und erzählen ihnen von den Beschwerden der Nachbarn. Gemeinsam mit den Frauen und Männern sammeln sie Müll.

In den nächsten Wochen sollen zudem Piktogramme auf der Straße vor Schulen und Kitas aufgesprüht werden, die anzeigen, dass hier Kinder ein und aus gehen. Die Prostituierten sollen aktiv miteinbezogen werden, sagt die zuständige Sozialarbeiterin Lilli Böwe, damit sie wissen, welche Orte sie besser vermeiden, auch wenn sie legal vor Schulen stehen dürfen.

„Wie erkläre ich meinem Kind, dass die Frau einen kurzen Rock anhat?“

Böwe bietet in Nachbarschaftszentren und Schulen Fortbildungen für Eltern und Erzieher an. „Wie erkläre ich meinem Kind, dass die Frau einen kurzen Rock anhat?“, sei eine häufig gestellte Frage. Die Beschwerden der Nachbarn sollen ernst genommen werden, gleichzeitig soll ihnen die Angst genommen werden. Die Prostituierten seien auch Menschen und keine „homogene Masse“, sagt Böwe.

Das Projekt läuft so gut, dass sich auch der Bezirk Mitte angemeldet hat, es auf Tiergartener Seite auszuprobieren. Startdatum war der 1. Oktober. Tempelhof-Schönebergs Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) freut das sehr. Die Kurfürstenstraße ist die Bezirksgrenze zwischen Mitte und Tempelhof-Schöneberg. Eine nachhaltige Arbeit ist also nur möglich, wenn die Bezirke kooperieren. Zuvor hatte es starke Meinungsunterschiede gegeben. Im Sommer sprach sich Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) für ein Sperrgebiet für Prostituierte im Kurfürstenkiez aus, die Bezirksverordnetenversammlung stimmte aber dagegen. Schöttler ist ebenfalls gegen eine Sperrzone.

Prostituiertenschutzgesetz soll helfen

Das zum 1. Juli 2017 eingeführte Prostituiertenschutzgesetz sollte das Geschäft besser regulieren. Alle Sexarbeiterinnen mussten zum 1. Januar 2018 eine Registrierung vorweisen, die die Betroffenen als „Hurenpass“ kritisierten. Die Umsetzung ist zäh: Prostituierte können sich erst seit 1. Juli 2018 regulär im Rathaus Schöneberg registrieren und verpflichtend beraten lassen. Bisher sind 272 reguläre Anmeldungen vergeben worden. 2.265 vorläufige Anmeldungen, die zuvor erteilt wurden, müssen noch abgearbeitet werden. Pro Woche bearbeiten die Mitarbeiter laut Schöttler 70 Anträge. Es dauert also, bis die geschätzt 8.000 Prostituierten in Berlin registriert sind.

Zudem ist noch nicht entschieden, ob sich die Ordnungsämter oder die Polizei um die Überprüfung der Registrierung kümmern. Auch Bordelle brauchen neue Erlaubnisse, aber bisher wurden von 171 Anträgen berlinweit erst vier genehmigt. Jeder Einzelfall müsse von den Ordnungsämtern geprüft werden, das erfordere erheblichen Zeit- und Personalaufwand, begründet die Senatsverwaltung für Wirtschaft den Rückstau.

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