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Eschenallee an der Werneuchener Wiese.

© Björn Seeling

Tagesspiegel Plus

Kurioser Streit um 26 Bäume: Ist das Berlins gefährlichster Schulweg?

In Prenzlauer Berg wird eine neue Schule gebaut – für den Gehweg soll eine Eschenallee gefällt werden. Anwohner fragen: Muss das sein? Ja, sagt die Politik.

Von Christian Hönicke

Würden Sie Ihre Kinder freiwillig auf diesen Weg schicken? Was wie eine Bullerbü-Idylle aussieht, ist in Wirklichkeit einer der gefährlichsten Schulwege Berlins. Das meinen jedenfalls Bezirksamt und Bezirksverordnetenversammlung in Pankow. Sie befürchten schlimme Unfälle von Schulkindern auf dem unbefestigten Sandweg auf der sogenannten Werneuchener Wiese. Eine Reihe von 26 Eschen am Nordrand des Volksparks Friedrichshain soll deshalb für den geplanten Gehweg vor der neuen temporären „Schuldrehscheibe“ abgeholzt werden.

Vertreter der Bürgerinitiative „Pro Kiez Bötzowviertel“ wollen das verhindern und kamen zur vergangenen Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Sie gewannen die Grünen dafür, sich für den Erhalt der Baumallee auszusprechen. Die Fraktion legte einen Antrag mit zwei baulichen Alternativvorschlägen eines Ingenieurbüros vor. Demnach kann ein sicherer Gehweg und ein Radweg entlang der Kniprodestraße „mit der Erhaltung der vorhandenen vitalen Eschenallee kombiniert werden“.

Die amtlich prognostizierten Schülerströme würden anderswo verlaufen, in der Kniprodestraße selbst erwarte sogar das Bezirksamt kaum Schüler, befand die Initiative. Ein Schulweg dort sei daher aktenkundig als „von nachrangiger Bedeutung“ eingestuft worden. Die Baumallee sei zudem Teil des Berliner Grünen Hauptwanderweges Nr. 7 („Hönower Weg“). Die zuständige Senatsumweltverwaltung habe auf Nachfrage bestätigt, dass sie die Erhaltung der Baumallee dort befürworte, hieß es in der Antragsbegründung.

Bezirksamt: Schotterweg „nicht realisierbar“

Auf der anderen Seite der Allee präsentierten SPD und CDU mit Unterstützung der Linkspartei einen Antrag unter der Überschrift: „Keine Kompromisse zu Lasten der Schüler:innen: Schulwegsicherheit an der Werneuchener Wiese gewährleisten“. Sie verteidigten die Planungen des Bezirksamts, da es auf einem nicht befestigten Weg unter Erhaltung der Bäume zu „witterungsbedingten Unfallgefahren“ kommen könne. „Kompromisse bei der Schulwegsicherheit verbieten sich von selbst und sind nicht, auch nicht in geringem Maße, akzeptabel.“

Das Bezirksamt selbst hatte bereits Mitte März argumentiert, ein von der Initiative geforderter Schotterweg mit „wassergebundener Decke“ sei aufgrund der flachen Wurzeln durch die Schutt- und Fundamentreste im Boden „nicht realisierbar“. Daher werde der Gehweg „normgerecht“ geplant, dazu müsste eine Reihe der Bäume gefällt werden.

Dem schloss sich der SPD-Politiker Mike Szidat an. „Ich finde es unverantwortlich, Schülerinnen und Schüler über einen Trampelpfad mit Wurzeln zu schicken, nur um ein paar Eschen zu retten“, erklärte er und warf dem Bürgerverein „die Gefährdung von Schulkindern“ vor. Für eine weitere Prüfung von Alternativen sei keine Zeit – die Drehscheibe solle zum kommenden Schuljahr mitsamt dem Weg fertig sein. Man dürfe nicht jeden einzelnen Baum für „sakrosankt“ erklären, sondern müsse den Bezirk gestalten, so Szidat.

Eine „große Mehrheit der BVV“ wolle jedenfalls „keinesfalls die Schulwegsicherheit der Kinder den Eigeninteressen weniger opfern, sei es auf einem aufgeweichten und im Winter glattgefrorenen ‚wassergebundenen‘ Schlammpfad schlitternd oder auf der Hauptverkehrsstraße radelnd“, sagte Szidat. In der Tat befürwortete die BVV die Pläne des Bezirksamts am Ende eindeutig per Beschluss.

Die Bürgerinitiative gibt jedoch nicht auf. Die Vorsitzende von „Pro Kiez Bötzowviertel“ wurde nun vom Ordnungsamt mit einem Ordnungsgeld von 50 Euro belegt. Grund: Der Verein habe „fahrlässig ohne Erlaubnis mehrere geschützte Bäume durch das Plakatieren von Flyern mit dem Aufruf ‚Bezirksamt Pankow will die Eschenallee fällen‘ beschädigt“.

Außerdem wird der Initiative zur Last gelegt, sie hätte auf dem Arnswalder Platz „fahrlässig mehrere Sitzbänke und Einfassungen“ sowie auf dem Spielplatz in der Liselotte-Herrmann-Straße „fahrlässig mehrere Sitzbänke durch das Plakatieren von Flyern mit dem Aufruf ‚Bezirksamt Pankow will die Eschenallee fällen‘ verschmutzt“.

Die Initiative findet das Bußgeld „grotesk“. Schließlich „handelt sich bei diesen ‚geschützten Bäumen‘ um ebenjene, die das Bezirksamt so gerne fällen möchte“.

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