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Seit zehn Jahren wächst an Berliner Schulen der Lehrkräftemangel. Durch die Pandemie hat sich die Situation noch verschärft.

© mauritius images / Westend61 / Phillip Waterman

Tagesspiegel Plus

Lehrermangel an Berliner Schulen: Verband der Grundschulleitungen warnt vor Gefahr der Stundenreduzierungen

Die Personalkrise verschärft sich. Erste Schulen wissen noch nicht, wie sie ihren Schülerinnen und Schülern im kommenden Schuljahr vollständige Stundenpläne anbieten sollen.

Der Berliner Lehrkräftemangel erreicht eine neue Dimension: Erstmals seit der Babyboomer-Generation vor knapp 50 Jahren könnte es dazu kommen, dass nicht mehr alle Pflichtstunden erteilt werden können – beispielsweise nur sechs statt acht Stunden Deutsch oder Musik und Kunst jeweils nur ein halbes Jahr.

Davor warnt die Vereinigung Berliner Grundschulleitungen angesichts von 2600 zu besetzenden Stellen. Ihnen stehen nur knapp 600 frisch ausgebildete Referendare gegenüber. Die Bildungsbehörde wollte die Gefahr einer Stundenreduzierung nicht bestätigen. Allerdings wird sie an diesem Sonnabend erneut mit einer großen Bewerbermesse, dem „Berlin-Tag“, gegen den Mangel ankämpfen.

Der „Berlin-Tag“ findet zum neunten Mal statt: Im Jahr 2014 war der Lehrkräftemangel erstmals derart gravierend, dass offiziell und massenhaft um Quereinsteiger geworben werden musste – für nahezu alle Fächer.

Verglichen mit der aktuellen Lage war Berlin damals allerdings noch wesentlich besser aufgestellt, denn es mussten nur 1700 Stellen besetzt werden, und es gab wesentlich mehr Bewerberinnen und Bewerber als heute, die eine volle Lehramtsausbildung vorweisen konnten. Dass die damalige Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) dennoch eine Werbeaktion wie den Berlin-Tag starten musste, hing nicht zuletzt damit zusammen, dass viele ausgebildete Kräfte in andere Bundesländer abwanderten, die verbeamteten.

Sandra Scheeres selbst war es, die 2014 den Lehrkräftemangel verstärkte

Zwar wird ab diesem Sommer auch in Berlin wieder verbeamtet – erstmals seit 18 Jahren. Aber es gibt zu wenige Absolventen, als dass bereits die personelle Wende möglich wäre: Die Pandemie hat dazu geführt, dass viele Studierende und Referendare ihre Examina hinausschoben. Zudem führt der inzwischen bundesweite Mangel dazu, dass weniger fertig ausgebildete Lehrkräfte aus anderen Bundesländern nach Berlin kommen.

Das war viele Jahre anders: Seit dem Ende der Lehrkräfteverbeamtung im Jahr 2004 hatte es noch viel Nachwuchs aus anderen Bundesländern gegeben. Darunter waren auch Berliner, die nur vorübergehend in andere Länder gewechselt waren, um sich dort verbeamten zu lasen. Das änderte sich aber 2013/14 schlagartig: Da verbot Scheeres diese so genannte Drehtürverbeamtung und verkündete, dass Zuziehende, deren Verbeamtung weniger als fünf Jahre zurücklag, ihren Beamtenstatus nicht mitbringen dürften. So blieb es bis 2022.

Als direkte Folge der Scheeres-Entscheidung blieb der Nachschub aus und zwar derart abrupt, dass im selben Jahr die Idee des Berlin-Tages entstand. So sollten junge Kräfte, die noch keinen Beamtenstatus hatten – ihn daher auch nicht verlieren konnten –, in die Hauptstadt gelockt werden.

Seit 2018 reichen auch die Quereinsteiger nicht mehr

Dabei war die Lage 2014 viel einfacher als heute: Es gab nicht nur weniger Bedarf und mehr gelernte Bewerber, sondern auch 5600 interessierte Quereinsteiger – eine Zahl, die danach nie mehr erreicht wurde. Denn längst ist auch das Quereinsteiger-Reservoir geschrumpft. In der Folge werden seit 2018 auch Personen eingestellt, die nicht mehr die passenden Studienfächer mitbringen, um mittels Quereinsteiger-Qualifizierung zu regulären, unbefristeten Lehrkräften fortgebildet werden zu können.

Daher greifen seit 2018 bzw. 2019 weitere Notmaßnahmen. Dazu gehört die Einstellung „sonstiger“ Lehrkräfte ohne geeignete Studienfächer, die Umwandlung von Lehrerstellen in Stellen anderer Professionen wie Verwaltungskräfte oder Logopäden sowie die Heranziehung von Pensionären und Studierenden. Da auch dies 2021 nicht mehr reichte, blieben Hunderte Stellen frei, sodass es noch weniger Förder- und Teilungsstunden gibt. An diesem Punkt sind die Schulen aktuell.

Aber auch diese Notlage dürfte 2022 wegen des Missverhältnisses zwischen Bedarf und Absolventenzahlen noch getoppt werden. „Es herrscht eine tiefe Verzweiflung“, sagt denn auch Stefan Witzke, der Vorsitzende der neu gegründeten Grundschulleitungsvereinigung. Er sieht eine neue Dimension des Mangels, weil es Schulen gebe, die nicht einmal wüssten, woher sie ihre Klassenleitungen nehmen sollen. Die aber seien für Grundschulen elementar. Bei der letzten Einstellungsrunde habe es für alle rund 40 Neuköllner Grundschulen nur elf gelernte Bewerber gegeben.

Schulleitungen bitten um Unterstützung von der Verwaltung

„Wir müssen an die Stundentafel ran“, lautet Witzkes Schlussfolgerung. Er appelliert an die Verwaltung, jenen Schulen „Rückendeckung“ zu geben, die ab Sommer weniger Stunden als eigentlich vorgeschrieben werden anbieten können. Anders, so Witzke, könnten manche Schulen nicht mit ihrem Personal auskommen.

Witzke ist mit diesem Szenario nicht allein. Auch weitere Schulleitungen sagten dem Tagesspiegel, dass sie sich außerstande sähen, den vollen Unterricht anzubieten, da sie derart viele Kräfte an die Pensionierung, Krankheit oder Burn-out verlören: „Ich brauche acht neue Vollzeitlehrer. Da Quereinsteigende nicht voll unterrichten können, benötige ich also 15 Kräfte. Bisher habe ich erst sieben“, rechnete ein Schulleiter vor. In mehreren Schulen seines Bezirks sei die Lage ähnlich. Aus einem anderen Bezirk wird berichtet, dass Schulleitungen das Handtuch werfen und wieder als Lehrkraft arbeiten wollen, weil der Lehrermangel sie zermürbt habe. Schulleiter jenseits der sozialen Brennpunkte sowie Oberschulen berichteten hingegen, sie würden absehbar genug Personal haben.

Die neue Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) hatte unlängst im Tagesspiegel-Interview angekündigt, dass sie den Mangel nicht verschleiern, sondern die wahren Zahlen nennen wolle. Noch ist es allerdings nicht so weit: Offenbar will ihre Behörde erst mal abwarten, was die neue Verbeamtung und der Berlin-Tag bewirken. Ihr Sprecher trat auch bereits Witzkes Befürchtung in Bezug auf die schwindende Stundentafel entgegen: „Nach unseren Planungen wird die Stundentafel abgedeckt werden können“, sagte er auf Anfrage.

Eine gut vernetzte Lehrerin berichtete, es werde parallel und ohne Öffentlichkeit anderweitig versucht, den Lehrkräftebedarf zu dämpfen: Diese Woche sei in ihrer Schule verkündet worden, Sekundarschulen in Mitte verlören je 1,5 Stellen, weil die Sprachförderstunden neu zugemessen würden. Eine Bestätigung der Verwaltung gab es dafür aber bisher nicht.

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