Londoner Bischöfin im Berliner Dom : Eine Predigt für Europas Zusammenhalt

Am Sonntag hat die Londoner Bischöfin Sarah Mullaly im Berliner Dom über den Brexit und die ihm zugrunde liegenden gesellschaftlichen Spannungen gesprochen.

Sarah Elisabeth Mullally ist seit zwei Jahren Londoner Bischöfin.
Sarah Elisabeth Mullally ist seit zwei Jahren Londoner Bischöfin.Foto: Stefan Rousseau/PA

Großbritannien und Europa halten auch in unsicheren Zeiten zusammen – was immer auch passieren wird. Das war die zentrale Botschaft der Predigt von Sarah Mullally am Sonntag im Berliner Dom. Die Londoner Bischöfin der anglikanischen Kirche war der Einladung ihres Berliner Kollegen Markus Dröge gefolgt, der am kommenden Sonntag bei seinem Gegenbesuch in der Londoner St. Paul’s Cathedral die Predigt halten wird.

Wenige Tage vor dem ursprünglich für den Brexit angesetzten Termin am 29. März demonstriert der gegenseitige Besuch die Verbundenheit der Diözesen. Gerade in Zeiten, in denen nationalistische Bewegungen erstarkten, müsse man deutlich machen, dass Christen über Ländergrenzen hinweg Partnerschaften hielten und vertieften, so der evangelische Landesbischof Markus Dröge.

„Wir wollen ein vereintes und friedliches Europa und beten füreinander.“ Begleitet wurde der Gottesdienst im fast voll besetzten Dom vom English Choir Berlin sowie dem Kapellchor des Staats- und Domchors.

Zentral sei die Liebe zum eigenen Nachbarn

Die Londoner Bischöfin sprach in ihrer Predigt aktuelle Probleme offen an. Bei aller Vielfalt und Offenheit sei London auch eine Stadt der Ungleichheit und Entbehrungen. Und man befinde sich dieses Jahr in „turbulenten Zeiten. Die andauernden Debatten über den Brexit bedeuten, dass viele von uns mit einem tiefen Gefühl der Unsicherheit leben“. Gesellschaftliche Spaltungen seien offengelegt worden, die durch den politischen Prozess weiter vertieft werden könnten.

Wie Sarah Mullally sagte, resultierten solche Spaltungen aus Fragen von Sinn, Zugehörigkeit und Identität. Die aktuelle Herausforderung sehe sie darin, „anzuerkennen und in kleinen Schritten überwinden zu lernen, was an unserer inneren Natur andere abstößt, wenn wir versuchen, Raum exklusiv für uns selbst abzugrenzen. Wir sollten erkennen, dass wir mehr Gemeinsames als Trennendes besitzen.“

Am Beispiel der biblischen Geschichte von Kain und Abel, an der tödlichen Eifersucht des einen Bruders auf den anderen machte Bischöfin Mullally auf die Berufung der Christen „zusammen mit anderen Leuten des Glaubens und guten Willens“ aufmerksam, der Gemeinschaft zu dienen und dabei Unterschiede zu überwinden. Zentral sei dabei die Liebe zum eigenen Nachbarn.

Den Nächsten zu lieben wie sich selbst, verlange Mitgefühl

In der heutigen Zeit sei es möglich, dass dieser eine andere Sprache spreche und einen anderen Glauben habe. Durch die moderne Technologie könnten Menschen zudem überall auf der Welt Nachbarn sein. Den Nächsten zu lieben wie sich selbst, verlange Mitgefühl.

Man müsse anerkennen, dass andere, auch Feinde, Mitgefühl überbringen könnten. „Wenn wir unsere eigene Verletzlichkeit verstehen und Mitgefühl empfangen müssen, dann öffnet das die Möglichkeit von Beziehungen auf der Grundlage von Gleichheit und Gegenseitigkeit.“

Im christlichen Verständnis der sozialen Beziehung mache erst diese das Individuum komplett, so Mullally. Sie erinnerte daran, dass Gemeinschaft aufzubauen heißt, „Unterschiede anzunehmen und zu begreifen, dass wir dadurch ebenso viel zu gewinnen haben, wie wir geben“.

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