Madame Nielsen im Literaturhaus Berlin : „Vielleicht werde ich mal ein Reiher"

Die dänische Autorin und Performance-Künstlerin Madame Nielsen stellt etablierte Identitäten infrage. Am Freitag kommt sie nach Berlin. Ein Interview.

Lea Diehl

Ihr Roman „Der endlose Sommer“ hat sie als Autorin in Deutschland bekannt gemacht. In dem vielgelobten Buch lässt die dänische Performance-Künstlerin Madame Nielsen Grenzen aufweichen und Lebensgeschichten durcheinanderfließen. Auch die Künstlerin selbst ist schwer greifbar. Sie mag sich nicht auf eine Identität festlegen und bedient sich unterschiedlicher Kunstformen. Von außen scheint es, als ob Kunst und Leben auch in ihrer Person verschwimmen. Man fragt sich, wo das Leben endet, die Inszenierung anfängt. An diesem Freitag ist Madame Nielsen im Berliner Literaturhaus zu erleben. Lea Diehl hat sie vorab interviewt.

Madame Nielsen, eine Zeitlang wusste man nicht, wie man Sie ansprechen soll. Claus Beck-Nielsen, wie Sie von Geburt an hießen, hatten Sie 2001 für tot erklärt. Warum?

Ein Mensch ist ein Wesen mit einem ziemlich großen Potenzial. Ich wurde ja nicht als Claus Beck-Nielsen geboren, sondern so getauft. Ich wollte sehen, inwieweit man namenlos sein kann und damit nicht identifizierbar. Jetzt weiß ich, dass es geht. Aber es ist ziemlich schwierig.

Was ist das Schwierige daran?

Die Menschen sind von Identitäten besessen. Eigentlich hätte man denken sollen, dass es konsequent gewesen wäre, namenlos zu bleiben. Aber ich wurde irgendwann als „der Namenlose“ bekannt. Die Idee, namenlos zu sein, war verloren. Ich habe dann später einmal das Kleid von der Mutter meines Sohnes angezogen und sah, dass ich als Frau besser aussah. Jetzt bin ich eben eine Frau, Madame Nielsen.

Und jetzt bleiben Sie Madame Nielsen?

Vielleicht werde ich mal ein Reiher, einer dieser merkwürdigen, nervösen Vögel, die hier auf dem Land bei Kopenhagen, wo ich wohne, an dem See sitzen. Ich weiß nicht warum, aber ich glaube, da gibt es eine Art Schwesternschaft. Wenn man es sich leisten kann, ist es unsere Verantwortung, das Leben zu erforschen, in dem ganzen Potenzial, das es in sich birgt. Die meisten Menschen wollen nur ein bisschen davon, sagen: Ich will endlich bei mir ankommen und dortbleiben. Aber das Große und Schöne am Leben ist die Tatsache, dass es offen ist.

Auch in Ihrem Roman „Der endlose Sommer“ geht es um diese Offenheit. Man kann sich als Leser förmlich verlieren darin. Ist es dieses Gefühl, das Sie als endlosen Sommer beschreiben?

Für die Menschen in dem Roman ist er ein Ereignis. Etwas, das niemand vorhersagt oder plant. Es passiert einfach, weil Menschen zu einer bestimmten Zeit zusammenkommen. Und es ist etwas Kollektives, Berauschendes. Es scheint endlos – aber plötzlich ist der endlose Sommer vorbei und das ist eine Tragödie.

Die meisten Protagonisten sind jung. Ist der endlose Sommer etwas, das man vor allem in der Jugend erlebt?

Es passiert auch der Mutter des Mädchens in dem Roman, die sich in einen viel jüngeren Mann verliebt. Aber den meisten Menschen passiert es, wenn sie jung sind, wenn alles offensteht, man nur ein bisschen aus dem vorgeschriebenen Weg heraustritt. Sein Leben nicht führt, wie die Gesellschaft sich das vorstellt. Die Leute in dem Buch stehen an dem Punkt, wo sie ihr Leben endlich entfalten sollten. Dabei soll es nicht um Effizienz gehen, Karriere oder Narzissmus.

Am Freitag kommen Sie ins Literaturhaus Berlin. Was erwartet die Besucher?

Auch der Madame Nielsen-Abend soll ein Ereignis werden, nicht nur für mich, sondern für alle Menschen, die kommen. Sodass es vielleicht ganz Berlin verwandelt.

Was verbinden Sie mit der Stadt?

Als ich ganz jung war habe ich einmal eine Gruppe Menschen getroffen, die in Berlin wohnten und mich mitnahmen. Das war 1990. Ich glaube, dass diese Jahre zwischen1990 und 1995 der endlose Sommer Berlins waren.

Weshalb?

Da stand alles offen. Prenzlauer Berg war nicht nur für die Reichen da, mit diesen Tiefgaragen und Mac-Laptops. Die Kunst war eine Möglichkeit und nicht nur ein Business. Das war wunderbar. Aber ich glaube auch, dass Berlin sich immer noch transformiert, offenbleibt. Die Stadt ist nicht festzuhalten und das ist schön.

Vielleicht fühlen sich auch deswegen viele Transgender in der Stadt zuhause.

Es ist nicht so, dass ich mich jetzt, wo ich eine Frau bin, der Transgenderszene zugehörig fühle. Ich habe mich nicht aus meiner Identität als Mann befreit, um zu einer neuen Gruppe zu gehören. Man begegnet sich selbst ja oft dann, wenn man Leuten begegnet, die merkwürdige, andere Meinungen haben, andere Leben führen als man selber. Ich komme auch einfach gern nach Berlin, um an die Reiherseen zu fahren.

16.11., 18-24 Uhr: Werkschau Madame Nielsen, Literaturhaus, Fasanenstr. 23.

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