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Mitsingen und springen: Publikum auf dem Tempelhof Sounds Festival.

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Tagesspiegel Plus

Magnitude 1,4 auf dem Tempelhofer Feld: Können Musik-Festivals die Erde zum Beben bringen?

„3, 2, 1, hops!“ Nach gemeinsamen Freudensprüngen auf einem Konzert berichten Anwohner von wackelnden Häusern. Ist das möglich? Experten geben Antwort.

„Lasst uns was gemeinsam probieren – „3, 2, 1, hops!“ Luftsprünge mit dem Publikum gehören seit Jahren zur Live-Performance eines Songs von „Florence + the Machine“. Ein wichtiges Ritual nennt das Leadsängerin Florence Welch, und bislang hat sich niemand daran gestört. Bis zum vergangenen Freitag, als die Band auf dem „Tempelhof Sounds“-Festival auftrat – vor 30.000 Menschen an den Hangars des alten Flughafens.

Gegen 20.58 Uhr sollen im Umkreis von zwei Kilometern Häuser gewackelt haben. „Das ist nicht lustig“, schrieb eine Frau aus Neukölln, die im vierten Geschoss eines Altbaus wohnt: „Das Haus schwankte, meine Stehlampe schwankte auch“, hieß es auf Twitter. Ähnlich lauteten weitere Einträge auf der Seite volcanodiscovery.com.

Ist das möglich? Können Sprünge vieler Menschen im Takt der Musik Erschütterungen auslösen, die einem kleinen Erdbeben gleichkommen und Häuser schwanken lassen? Tatsächlich decken sich Beschwerden aus der Anwohnerschaft mit Angaben des Geowissenschaftlers Jens Skapski, der auf seinem Portal erdbebennews.de Erdstöße beobachtet. Drei tremolierende Ausschläge sind auf den Diagrammen privater Messstationen aus der Nähe zu sehen, Uhrzeit und Ort passen zum Konzert.

Epizentrum Tempelhofer Feld. Der Geowissenschaftler Jens Skapski erstellte mit Daten von drei privaten Messstationen diese Grafik auf seinem Portal www.erdbebennews.de.

© erdbebennews.de

Zur fraglichen Zeit hat auch Marco Bohnhoff, Professor am Geoforschungszentrum GFZ Potsdam, etwas bemerkt. Der Forscher hat sich die Daten des nächsten regulären Messzentrums am Wannsee angeschaut und „ein ganz leichtes Grummeln“ bemerkt, vergleichbar mit dem Pegel einer vorbeifahrenden U-Bahn – untypisch für den spitzen Ausschlag eines natürlichen Bebens. Eine Magnitude von 1,4 auf der Erdbebenskala, wie sie von Hobby-forschern gemessen wurde, hält er für plausibel.

„Man kann ausschließen, dass dabei Risse im Putz entstehen“, sagt Bohnhoff. Auch an merklich schwankende Häuser glaubt er nicht. Nur wenn in polnischen Kupferminen das Gestein in den Tunneln absacke, könne man auch im aseismischen Berlin diesen Effekt beobachten: „Wenn das nachts passiert, die Umgebungsgeräusche fehlen und die Leute ruhig im Bett liegen, kann in den oberen Stockwerken durchaus ein leichtes Schwanken wahrgnommen werden.“ Bohnhoff spricht von wenigen Zentimetern.

Sängerin Florence Leontine Mary Welch von „Florence + the Machine“ auf dem Tempelhof Sounds Festival.

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Unterhalb der Magnitude von zwei blieben Erschütterungen in der Regel unbemerkt. Ein leichtes Gläserklirren im Schrank oder das Wackeln einer Lampe will der Geophysiker nicht ausschließen.

Auftritt der britischen Band Muse.

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Spürbare, natürliche Erdbeben sind laut Umweltverwaltung in Berlin in den letzten Jahrhunderten nicht dokumentiert. Zu lokalen Erschütterungen komme es dagegen häufig an Baustellen, oder beim Vorbeifahren von S- und U-Bahnen.

Das Beton-Rollfeld des Flughafens könnte geholfen haben, die Erschütterungswellen besser zu übertragen. Die Wirkung habe sich wohl herumgesprochen, meint Jens Skapski: Am Sonntag hätte es noch stärkere Ausschläge beim Auftritt einer anderen Band gegeben.

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