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Irmtraut Klein
© privat

Nachruf auf Irmtraut Klein: Man kann auch sagen: Sie sind geflüchtet

Von Heidenheim nach Berlin, von Berlin auf die Weltmeere. Aber zu dritt auf einem Boot, vier Jahre lang - kann das gut gehen?

Drei Jahre hatten sie an dem Boot gebaut, hatten es ausgerüstet und hochseetauglich gemacht. Nun gab es kein Zurück mehr. Werner wollte in die Welt, und Irmtraut war dabei. So war das schon immer bei ihnen. Er preschte nach vorne, sie machte mit. 45 Jahre waren sie alt, hatten zwei Kinder großgezogen, hatten gearbeitet wie die Verrückten, nun wollten sie ihr altes Leben und Berlin zurücklassen. Ein Neuanfang. Schon wieder einer.

Sieben Jahre zuvor waren sie aus Heidenheim nach Berlin gezogen in eine Hochhaussozialwohnung in Lübars. Man kann auch sagen: Sie sind geflüchtet. In Heidenheim war Werner in einen großen Börsenskandal verwickelt gewesen, und Irmtraut war beteiligt. Es ging um Investmentzertifikate des Firmen- und Bankenkonglomerats „Investors Overseas Service“. Die Gewinne seien gigantisch, so das Versprechen des schillernden Gründers aus Amerika. „Sei kein Opfer des Kapitalismus – nutze ihn“, lautete ein Werbespruch, ein FDP-Vizekanzler saß im Aufsichtsrat. Werner glaubte daran, investierte, machte seinen eigenen Vertrieb auf, hatte fünf Angestellte. Freunde, Bekannte, Nachbarn, alle investierten. Irmtraut kümmerte sich um den Papierkram, verkaufte auch selber, managte die Mitarbeiter. Das Geld floss, bis das weltweite Schnellballprinzip aufflog und alle ihr Geld verloren, auch Werner und Irmtraut. Noch schlimmer als der eigene Verlust war aber, dass sie die Leute in Heidenheim so enttäuscht hatten.

Als die beiden sich kennen gelernt hatten, war Irmtraut Anfang 20 und in Not. Sie hatte schon einen kleinen Sohn und sich eben von ihrem ersten Mann getrennt, der ihr die Rolle der Hausfrau zugedacht hatte, zuständig für Kind und Wäsche. Sie aber hatte doch nicht mit 16 die Enge des Dorfes verlassen und sich eine Wohnung und eine Ausbildung bei einem Rechtsanwalt in Stuttgart gesucht, nur um sich jetzt unterbuttern zu lassen.

"... oder wir lassen es besser"

Werner nun war ihre große Liebe. Gut sah er aus, ein Frauenschwarm. Er fand toll, dass sie so selbstständig war. Und sie sagte ihm gleich: „Entweder du meinst es ernst, oder wir lassen das besser. Ich hab’ keine Zeit für Spiele.“ Werner meinte es ernst.

Berlin also. Werner arbeitete im Vertrieb für eine Dachdeckerfirma, Irmtraut fing als Verkäuferin in einem Geschenkegeschäft am Ku’damm an. Sie war eine Meisterin des Verkaufsgesprächs. Spürte instinktiv, wie man welche der Kunden ansprach, wie man ihnen die Wünsche entlockte, wann man sie lieber in Ruhe ließ. Nach einem halben Jahr bot ihr der Chef an, den Laden zu übernehmen, und Irmtraut schlug zu. Ein zweiter Laden kam hinzu, sieben Leute stellte sie ein. Sie brauchte aber noch einen, der das Lager organisierte. „Werner“, sagte sie, „was verdienst du? Ich zahle dir das Doppelte.“ Er nahm an. Nun war sie seine Chefin. Und das Geschäft brummte.

Sie traten einem Segelclub bei. Die Jungs fuhren Regatta, und auch Werner und Irmtraut machten ihre Segelscheine. Schließlich kauften sie sich das zwölf Meter lange Boot, bauten es aus und träumten von der ganz großen Törn, davon, noch einmal neu anzufangen. Die Jungs waren inzwischen erwachsen.

„25. April 1982. Die Berliner winken, filmen, Umarmungen, gute Wünsche, einige Tränen. Leinen los. Vier Hände schieben uns aus dem Stand. Auf der Elbe alle Segel gesetzt und tolle Fahrt bis Cuxhaven mit achterlichem Wind.

26. April. Nachts, haben Sturm, achterlicher Wind, 7-8, Baumbremse bricht, hohe Nordseewellen. Ich habe Angst.“

Es war ein schlimmer Sturm. Doch zwei Wochen später sollten es sie noch viel schlimmer erwischen.

Kurz vor Lissabon, Windstärke 7, dann 8, dann 9. Riesige Wellen, das Schiff war immer wieder kurz davor zu kentern. „Ich dachte, wir sterben“, sagt der jüngere Sohn, der seine Eltern auf den ersten Jahren ihrer Reise begleitete. „Vater war oben, wir waren unten und beteten.“ Als die Wellen kleiner wurden, und die Sonne sich wieder zeigte, fühlten sie sich neu geboren. „Wer sowas übersteht, der versteht, wie schnell so ein Leben vorbei sein kann.“

Erst liefen sie durch Lissabon, staunen über die Palmen und das angenehme Wetter, dann fuhren sie ins Mittelmeer. Schnell hatte sich eine Arbeitsteilung auf dem Boot eingespielt. Werner und Sohn kümmerten sich um das Segeln und die Bootstechnik. Irmtraut machte die Kombüse und knüpfte die Kontakte an Land. Kaum waren sie in einem Hafen angekommen, hatten das Boot vertäut, lernte sie auch schon die ersten Leute kennen, hatte die ersten Einladungen organisiert, wusste, wo es was zu kaufen gab, und was man an Land erleben konnte. Jahr um Jahr lernten sie mehr und mehr Freunde kennen, in jedem Hafen, in jedem Land gab es welche. Zu Weihnachten versandte Irmtraut 200 Briefe, in denen sie berichtete, was im letzten Jahr passiert war. Werner war der Ruhige, der erstmal abwartete, bevor er sich öffnete.

„Diese Art von Leben veränderte Irmtraut und Werner. Es machte sie zufriedener, demütiger vor der großen Welt, ließ sie aber noch lebendiger werden, es war wie ein Lebensrausch. Diese Fahrten über den unendlichen Ozean, ganz allein auf einem kleinen Boot, das verändert. Arbeiten vermissten sie nun überhaupt nicht.“ So erzählt es der Sohn.

Aber Vater, Mutter, erwachsener Sohn auf einem Boot, vier Jahre lang – kann so was gut gehen? „Wir wurden beste Freunde. Das klingt komisch, aber wir haben uns einfach gut verstanden.“ Das Boot hatte auch mehrere Kabinen, mitunter hatten sie Gäste an Bord, die sie für ein paar 1000 Kilometer begleiteten.

Vom Mittelmeer ging es über den Atlantik in die Karibik, dann in die Südsee, Polynesien, Fidschi, Tonga, eine Traumidylle nach der anderen. Segeln, Wetterbericht hören, fischen, lesen, spielen, Menschen kennen lernen, Länder entdecken.

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Irgendwann verließ sie der Sohn und startete sein eigenes Leben. Und Werner und Irmtraut machten weiter. 30 Jahre lang um die Welt. Drei Schiffe hatten sie insgesamt, zuletzt einen Katamaran. Wenn die Sehnsucht nach der Heimat groß wurde, vertäuten sie das Schiff und flogen heim. Nach ein paar Wochen wurden sie hibbelig, dann musste es weitergehen. Bis Werner 2010 einen Schlaganfall bekam, beim Schnorcheln an einem Riff, die Harpune in der Hand. Er überlebte, musste aber alles neu lernen: sprechen, schreiben, für sich sorgen. Irmtraut an seiner Seite, geduldig, fürsorglich, die Liebe so groß wie vor 50 Jahren.

In Berlin zogen sie in eine kleine möblierte Wohnung. Gingen ins Theater, ins Kabarett, machten Reisen, trafen Freunde. Bis Werner Krebs, einen Schlaganfall und einen Herzinfarkt bekam, am Ende so hilflos war wie ein Kind. Schließlich hörte er auf zu essen und zu trinken. 2019 war das. Irmtraut war traurig, dass er sich so entschieden hatte, aber auch erleichtert, dass es nun vorbei war.

Sie lebte noch ein bisschen, las in den dutzenden Tagebüchern, die sie auf ihren Reisen geschrieben hatten. Fuhr mit Freundinnen in den Urlaub. Schenkte der Fußpflegefrau 500 Euro, als diese in einer Notlage war. Und nötigte ihre Ergotherapeutin, die sie zweimal die Woche besuchte, nicht nur, Sport mit ihr zu machen, sondern sie auch bei Erledigungen zu begleiten. Das war Irmtraut, der niemand etwas abschlagen konnte. Ein großes Ziel hatte sie noch, ihren Sohn und ihre Enkel in Florida besuchen. Aber die Zeit reichte nicht mehr. Im April ist sie gestorben.

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