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Stromausfall

© Julius Geiler

„Man kann von Glück reden, wenn es keine Toten gibt“: Tagesspiegel-Community zum Stromausfall in Berlin

Ein Brandanschlag auf die Stromversorgung hat große Teile des Berliner Südwestens lahmgelegt. In der Community wächst Wut über Täter, Politik und die Verletzlichkeit der Infrastruktur. Betroffene berichten.

Stand:

Ein mutmaßlicher Brandanschlag auf eine zentrale Stromanlage lässt große Teile des Berliner Südwestens für Tage ohne Strom. In Zehlendorf, Lichterfelde und angrenzenden Ortsteilen sind zehntausende Haushalte betroffen – mit ausgefallenen Heizungen, Aufzügen und teils auch Mobilfunk. Die Bezirke richteten Wärmestuben ein, Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW und Hilfsorganisationen unterstützten ebenfalls vor Ort.

Kurz nach der Tat bekannte sich eine linksextreme Gruppierung zu dem Anschlag. Die Ermittlungen wegen schwerer Sabotage laufen, zugleich rückt erneut der mangelhafte Schutz kritischer Infrastruktur in den Fokus. Erinnerungen an frühere Stromausfälle in Berlin werden wach.

Unsere Leserinnen und Leser reagieren mit Empörung, Angst und Fassungslosigkeit. Sie schildern persönliche Notlagen, kritisieren Politik und Sicherheitsbehörden, fordern Konsequenzen – und machen Vorschläge, wie solche Ausfälle künftig verhindert werden könnten. Lesen Sie hier eine redaktionelle Auswahl von Stimmen aus der Tagesspiegel-Community.


Petcat
Wir mussten gestern meinen Vater aus einer Senioreneinrichtung holen, die Treppe runtertragen, weil über die Notstromversorgung die Fahrstühle nicht betrieben werden konnten.

Alle alten Menschen saßen im Dunkeln in ihren Räumlichkeiten

Tagesspiegel-Nutzer Petcat

Die Einrichtung hat für 24 Stunden Notstrom, alle alten Menschen saßen im Dunkeln in ihren Räumlichkeiten. Wenigstens war es noch halbwegs warm. Die Terroristengruppe muss für viele Jahre ins Gefängnis. Ich hoffe, sie kriegen diese völlig asozialen Kreaturen.


Byk
Wie wohl auch die meisten anderen Menschen im In- und Ausland habe ich noch bis vor einigen Jahren mit der Illusion gelebt, dass Deutschland, bei allen Problemen, im Grunde eine solide und krisensichere Infrastruktur besitzt, auch als Ergebnis der Erfahrung aus den beiden Weltkriegen und dem Kalten Krieg, während dessen man jederzeit auf das Schlimmste vorbereitet sein musste.

Dass es ausreicht, eine einzelne Kabelbrücke anzuzünden, um einen ganzen Berliner Stadtbezirk von der Stromversorgung zu trennen

Tagesspiegel-Nutzer Byk

Dass es in Wirklichkeit ausreicht, eine einzelne Kabelbrücke anzuzünden oder ein einzelnes Kabel zu durchtrennen (wie in Köpenick), um einen ganzen Berliner Stadtbezirk von der Stromversorgung zu trennen, hatte ich mir nicht vorstellen können. Bleibt zu hoffen, dass das große, schöne „Sondervermögen“ mindestens(!) genauso sehr in die Sicherung unserer Infrastruktur und in den Zivilschutz investiert wird wie in Waffen und militärische Infrastruktur.


Zehlendorfer
Tiefkühler -> Müll, Kühlschrank -> Müll, Zimmerpflanzen -> Müll. Raumtemperatur ist 14 °C, fallend, ich bin geflohen. Die Rentner im Haus isoliert, kein Telefon/Internet, die Aufregung gesundheitsschädlich, keinen Notruf, nichts. Sollten die Brandstifter wie die letzten beiden Male aus der üblichen Ecke kommen, erwarte ich von der Justiz eine Ermittlungsoffensive.

Der S-Bahn Verkehr auf der Line S1 am Bahnhof Wannsee wurde nach dem Stromausfall eingestellt, Busse fahren als Ersatzverkehr.

© dpa/Michael Kappeler


Das_Grauen
Völlig kontraproduktiv, was diese vorgeblich linken Spinner machen. Wenn die sich mal den betroffenen Werktätigen stellen müssten, die jetzt tagelang ohne Heizung aushalten müssen, könnten die froh sein, wenn sie mit dem Leben davonkämen.

...haben mit wirklicher linker Gesinnung gar nichts zu tun.

Tagesspiegel-Nutzer Das_Grauen

Solche Terrorakte, die idiotischerweise hart arbeitende Menschen treffen, haben mit wirklicher linker Gesinnung gar nichts zu tun. Der Verdacht liegt daher nahe, dass etwas anderes dahintersteckt, z. B. gezielte Destabilisierung durch den russischen Geheimdienst.



matbhm
Es ist und bleibt ein Skandal, dass solche Objekte von solch herausragender Bedeutung nicht ausreichend gesichert sind. Es kann nicht sein, dass man an solche Kabel einfach herankommt und diese anzünden kann. Gerade auch nach dem Anschlag in Adlershof musste klar sein, wie verletzlich solche herausragend wichtige Infrastruktur ist.

Nach dem Septemberanschlag hätten sich sofort alle Verantwortlichen an einen Tisch setzen und die Objekte klären müssen, die besonders wichtig sind, sodann, ob diese gegen solche Anschläge hinreichend gesichert sind. Wenn die Politik das nicht hinbekommt, dann mögen die Verantwortlichen, der Regierende Bürgermeister, die Innensenatorin und die Wirtschaftssenatorin zurücktreten (m. E. alles ohnehin Fehlbesetzungen).

Mir ist völlig unverständlich, dass die Systeme nicht redundant ausgelegt sind

Tagesspiegel-Nutzer matbhm

Es ist übrigens bezeichnend, dass – wie die Berliner Zeitung in einem Artikel zutreffend anmerkt – der Regierende Bürgermeister sich erstmals zehn Stunden nach dem Anschlag mit einer schlappen schriftlichen und völlig inhaltsleeren Pressemitteilung erklärt. Persönlich hat er den Betroffenen offensichtlich nichts zu sagen!

Im Übrigen ist mir völlig unverständlich, dass die Systeme nicht redundant ausgelegt sind, dass der Ausfall der Versorgung über ein Kraftwerk und eine Leitung nicht durch andere – auch überregionale – Kraftwerke und Leitungen aufgefangen werden kann.

Und den Landesverfassungsschutz – wie auch aus der Politik und von Sicherheitsexperten schon lange gefordert – kann man abschaffen. Bundes- und Landesverfassungsschutzämter sind weltweit ein Unikat, sie werden politisch geführt – und erfüllen ihre eigentliche Sicherheitsaufgabe nicht!

Kai Wegner (CDU, M), Regierender Bürgermeister von Berlin, spricht während eines Stromausfalls im Südwesten Berlins an einer Notunterkunft zwischen Franziska Giffey (SPD, l), Berliner Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, und Iris Spranger (SPD), Berliner Senatorin für Inneres und Sport.

© dpa/Sebastian Gollnow


anrainer
Wo sind die Aktionen geblieben, die nach Adlershof für einen besseren Schutz der wichtigen Infrastruktur versprochen wurden, wieder alles vergessen. Ein Wellblechhäuschen ohne jegliche Absicherung ist ein Witz, hier hätte sicherlich einfach eine Absicherung installiert werden können. Woher haben eigentlich die Akteure die Informationen, wo es am meisten weh tut?

Als Betroffener in Zehlendorf kann ich nur sagen, dass hier weder groß informiert wurde noch erkennbar etwas passiert.

Tagesspiegel-Nutzer anrainer

Als Betroffener in Zehlendorf kann ich nur sagen, dass hier weder groß informiert wurde noch erkennbar etwas passiert. NINA hat nicht funktioniert, und der Hinweis der Feuerwehr, sich doch in den Medien zu informieren, war ja auch irgendwie daneben. Selbst das Radio brachte nur sehr vereinzelt dürftige Informationen.

Polizei, Feuerwehr oder THW habe ich in Düppel auch noch nicht gesehen. Wo sind die Punkte, an denen man mal das Handy aufladen kann? Zu Mexikoplatz kommt man von uns sehr schlecht, zumal an der Kreuzung Lindenthaler Allee / Potsdamer Chaussee die Ampeln ausgefallen sind und niemand den Verkehr regelt. Alles in allem typisch Berlin: Chaos pur, aber Politiker, die sich in den wenigen bescheidenen Erfolgen sonnen.

pr198fe @anrainer
Kann ich als Lichterfelder Südler so nicht bestätigen. Es wurden hier diverse sogenannte Leuchttürme aufgebaut, Feuerwehr, Polizei, THW waren vor Ort und die Turnhalle an der Osdorfer Straße sollte als Notunterkunft vorbereitet werden. Da gab es bei uns nichts zu meckern.


McSchreck
Der größte Denkfehler dieser Leute ist die Hoffnung, dass sich das Volk erhebt und gegen die ungerechten Verhältnisse kämpfen wird (die sie ja angeblich transparent machen möchten) – das Gegenteil passiert regelmäßig.

Sie werden als Kriminelle wahrgenommen

Tagesspiegel Nutzer McSchreck

Sie werden als Kriminelle wahrgenommen und ein Staat, der mit ihnen nicht fertig wird, als schwach. Das Volk rückt nicht in ihre Nähe, sondern nach rechts, weil es sich davon mehr Sicherheit erhofft.

Ehrenamtliche Mitarbeiter des DRK bauen während eines Stromausfalls im Südwesten Berlins in einer Notunterkunft Feldbetten auf. Vom Brand einer Kabelbrücke sind 50.000 Haushalte und 2.000 Gewerbebetriebe betroffen.

© dpa/Sebastian Gollnow


x-Nemesis-x
Wohl dem, der neben einer Zentralheizung noch funktionierende Kachelöfen (vom Kaminkehrer abgenommen) von 1900 in seiner Wohnung hat. Ich sammle verwertbares, möglichst unbehandeltes Holz und staple es im Keller. Im letzten Jahr fiel dreimal die Heizung aus – und mein Pfadfinder-Abenteuerherz frohlockte beim Anzünden des Ofens ;-)


Utukurt
Zum Glück bin ich nicht betroffen, aber im Winter eine Woche ohne Strom, ohne Klospülung, Heizung und Handyempfang macht schon nachdenklich. Man stelle sich mal vor, wenn das ganz Berlin beträfe und die Leute nicht so einfach in einen Nachbarbezirk zum Einkaufen fahren könnten. Man kann von Glück reden, wenn es keine Toten gibt.

Ich hoffe, dieser Stromausfall ist ein Weckruf für alle Verantwortlichen

Tagesspiegel-Nutzer Utukurt

Eindeutig haben wir uns in unserer hochtechnisierten Welt viel zu abhängig von einem ständig funktionierenden Stromnetz gemacht. Ich hoffe, dieser Stromausfall ist ein Weckruf für alle Verantwortlichen und auch jeden Betroffenen persönlich, sich mal Gedanken zu machen.

Dinge, die meiner Meinung nach nicht sein dürfen: Dass man ohne Strom die Wohnung nicht verlassen kann, weil man auf den Fahrstuhl angewiesen ist. Dass man ohne Strom seine Rolläden nicht öffnen oder sein Auto nicht aus der Garage befördern kann. Dass direkt der Handyempfang ausfällt. Fehlt eigentlich nur noch, dass man seine elektronisch gesteuerte Haustür nicht mehr öffnen kann. Die Leute vor hundert Jahren hätten uns ausgelacht.


Context
Der „Datenschutz“ verhindert Videoüberwachungen, weil gewisse Kreise die Belange des Individuums über das Allgemeinwohl stellen. Kritische Anlagen, Bahnhöfe usw. sollten endlich videoüberwacht werden. Und Alarmanlagen in solche superkritischen Anlagen. Maximalschutz. Und Stromnetz resistenter machen. Oje, ich fürchte, viele viele Hausaufgaben wurden nicht gemacht …


stereotonie
Im Februar 2019 dauerte ein Stromausfall in Köpenick 30 Stunden, im September 2025 ebenfalls 30 Stunden, jetzt sind 45.000 Haushalte (mit Ausnahmen) bis Donnerstag ohne Strom.

...kaum ein Learning für einen echten ‘Notfallplan’

Tagesspiegel-Nutzer stereotonie

Was mich wundert: Trotz der Erfahrungen aus 2019 und September 2025 scheint es kaum ein Learning für einen echten „Notfallplan“ zu geben, also z. B. das besagte „oberirdische Starkstromkabel“, das man zur vorübergehenden Überbrückung einsetzen kann.

Frau Giffey verkündet stolz im RBB, dass man bereits im Dezember einen neuen „Resilienzplan“ verabschiedet habe. Für die Politik sind Entscheidungen binnen drei Monaten offenbar schnell. Nie zuvor waren wir so abhängig von Strom. Ist es da sinnvoll, Stromnetze so zu gestalten, dass ein beschädigter Kabelstrang gleich eine ganze Kleinstadt lahmlegt?

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