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Der 41-jährige Rolex stammt aus Stuttgart und lebt seit acht Jahren in der Hauptstadt.
©  Florian Reischauer/Pieces of Berlin

„Pieces of Berlin“: Mit der Kamera von Kiez zu Kiez

Für seinen Blog „Pieces of Berlin“ fotografiert Florian Reischauer zufällige Straßenbekanntschaften. Jetzt hat er eine Sammlung seiner Porträts als Buch veröffentlicht.

„Theater ist nicht mehr“, klagt die Frau mit der roten Hundeleine. Zu DDR-Zeiten hatte sie ein Jahresabo, doch heute sind die Kulturangebote der Hauptstadt zu teuer für die Rentnerin geworden, von der wir nur erfahren, dass sie Ingrid mit Vornamen heißt. Mit ihrer Leine steht sie in einem Park in Prenzlauer Berg und wartet auf ihren Hund, als Florian Reischauer mit ihr ins Gespräch kommt und ein Foto macht. Später ist das Bild in seinem Blog „Pieces of Berlin“ zu sehen, in wenigen Sätzen erfährt der Leser, wie wohl sich „die Ingrid“ in Berlin fühlt.

Seit fünf Jahren zieht der 28-Jährige mit einer alten analogen Kamera von Kiez zu Kiez, trifft Studenten, junge Mütter, Migranten und Rentner. Die auffälligen Szenegestalten überlässt Reischauer gerne den Modeblogs – er interessiert sich mehr für Menschen, an denen viele jeden Tag vorübergehen und die sie schnell wieder vergessen. „Toll, diese Leute kennenzulernen“, sagt er und drückt bei jedem Treffen nur einmal auf den Auslöser. Wenn ein Bild missrät, weil Kratzer oder Löcher auf dem alten Film sind, stört es ihn nicht – im Gegenteil: Reischauer gefällt das Vergängliche daran.

„Pieces of Berlin“ strickt diese Porträts und Geschichten der Bewohner Berlins schier endlos weiter, bis in alle Ecken der Hauptstadt. Das stößt auf Interesse. Mehr als 9000 Facebook-Fans hat der Blog mittlerweile. Ist es schwer, Passanten für das Projekt zu gewinnen? „Es hat mich anfangs Überwindung gekostet, doch inzwischen macht jeder Zweite mit“, sagt Reischauer. „Am schwierigsten sind Migranten, denn die sind häufig misstrauisch und wollen nicht fotografiert werden.“ Von Rentnern hört er sich dagegen ganze Lebensgeschichten an.

Im Selbstverlag hat der gebürtige Oberösterreicher, der vor sechs Jahren nach Berlin gezogen ist und in Neukölln lebt, nun einen Bildband zu seinem Blog herausgebracht. Darin lässt er die ersten fünf Jahre Revue passieren und zeigt eine zweite Fotoleidenschaft: Freiflächen mit verfallenen Fabriken, überwucherte Fußballfelder, auf denen die Ruhe bald vom Bagger gestört wird.

„Pieces of Berlin“, 208 Seiten, Hardcover, Fadenbindung, Deutsch/Englisch, auf 1000 Exemplare limitiert, nummeriert und vom Fotografen signiert, mit einem Vorwort von JM Stim, 27 Euro, zu bestellen unter www.piecesofberlin.com

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