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Das geplünderte Schwanen-Nest am Weißen See.

© Herbert Schwenk

Tagesspiegel Plus

Nach Angriff auf Schwanennest in Berlin: Jetzt soll ein neuer Zaun die Natur am Weißen See schützen

In Pankow herrscht Entsetzen, nachdem Pflastersteine statt Eier im Nest entdeckt wurden. Der Bezirk reagiert — doch darf man den Ausflugssee absperren?

Von Christian Hönicke

Erschütternd und traurig: Unbekannte haben in der Nacht zum 1. Mai das Schwanennest am Weißen See geplündert. „Man findet dafür nur schwer Worte: Unfassbar! Abscheulich! Barbarisch! Vandalisch! Frevelhaft! Es gibt kaum eine Steigerung“, schreibt der Naturschützer und Fotograf Herbert Schwenk.

Er hatte das Drama am Sonntagmorgen entdeckt. „Schon bei der Annäherung an das Schwanennest fiel auf, dass die Schwäne nicht an der Brutstätte waren“, berichtet er. „Dann der Schock: Statt des Eigeleges lagen Pflastersteine im Nest!“

Insgesamt 18 Steine seien im Nest und Umfeld entdeckt worden, die offenbar aus dem Wegpflaster am See herausgerissen wurden. Einige Schalenreste deuten darauf hin, dass zumindest zwei Eier zerstört wurden. Und die restlichen sechs? Manche Naturschützer vermuten, dass sie illegal verkauft wurden. Immer wieder würden Schwaneneier etwa auf Ebay angeboten.

Schwenk informierte direkt nach seiner Entdeckung die Polizei. Der Tathergang ist bisher ungeklärt. Dem Vernehmen nach will die Polizei über ihre Social-Media-Kanäle nach Hinweisen zu Verdächtigen fragen. Angeblich gebe es erste Hinweise auf zwei Männer, die sich mehrfach in der Nähe aufgehalten hätten.

„Eventuell haben die Täter die brütende Schwänin mit Steinen vertrieben“, mutmaßt Ralf Gräfenstein, der sich seit 15 Jahren ehrenamtlich für Schwäne einsetzt und zur „Schwanenschutz-Initiative“ gehört. Die besteht im Kernteam aus vier Leuten und ist an mehreren Berliner Seen aktiv.

Vermutlich seien die Täter vom Wasser aus gekommen, sagt Gräfenstein, schließlich ist die Brutstätte neben dem Strandbad mit einem Zaun geschützt. Die Täter hätten in jedem Fall viel Aufwand betrieben: „Man hätte das Nest ja einfach zerstören können.“ Doch dass sie statt der Eier Steine im Nest ablegten, zeige ihre „massive kriminelle Energie“, sagt Gräfenstein. „Die Steine sollen offenbar einen Triumph signalisieren. Den Tätern muss bekannt sein, dass viele Leute sich an den Schwänen erfreuen.“ Er konstatiert: „Die einen erfreuen sich an Schönheit, die anderen leider an Zerstörung.“ Und fügt traurig hinzu: „In einer Woche wären die Jungschwände geschlüpft.“

„Der Bezirk verurteilt solche Verhaltensweisen“, sagt die zuständige Stadträtin Manuela Anders-Granitzki (CDU) zum Angriff auf das Schwanennest. „Hoffentlich beginnt das Schwanenpaar nochmal eine neue Brut.“ Zum Schutz des Brutpaares werde der Zugang zum Ufer bereits durch Zäune abgesichert, sodass keine stöbernden Hunde die Vögel aufscheuchen können. Leider gebe es hier keine einfachen Lösungen für noch mehr Schutz.

Dennoch sagte die Stadträtin zu, den Bereich nun zusätzlich durch einen weiteren Zaun und dorniges Gestrüpp zu sichern, „um Besucher auf mehr Abstand zu halten und den Schwänen möglichst mehr Ruhe zu verschaffen“. Am Mittwoch wurden bereits rote Absperrbänder mit Warnungen des Bezirksamts angebracht.

Einige Naturschützer fordern nun weitere Maßnahmen. „Die Meinungen dazu gehen auch bei uns auseinander“, sagt Gräfenstein. „Gegen kriminelle Energie ist kaum etwas zu machen - wir können hier keinen Hochsicherheitstrakt bauen.“ Aber er schlägt vor: „Wir würden gern eine Überwachungskamera installieren.“ Dies sei auch in der sachsen-anhaltinischen Stadt Staßfurt geschehen, wo es vor fast einem Jahr einen ähnlichen Fall gab. „Die Kamera würden wir notfalls selbst finanzieren.“

Gräfenstein fordert zudem, bei der anstehenden Sanierung und Umgestaltung des Parks am Weißen See einen guten Mittelweg zwischen Naturschutz und kompletten Umbau zu finden. „Wir würden gern die Pläne des Bezirksamts sehen“, sagt er. „Damit es nicht so wird wie am Orankesee, wo erstmal 35 Bäume gefällt wurden.“

Der Naturschützer spricht sich auch gegen Spundwände oder „riesige Gesteinsbrocken wie am Biesdorfer Baggersee“ aus: „Das Ufer kann und sollte naturnah bleiben.“ Die Öffentlichkeit müsse dabei mitreden können, wie es am Weißen See weitergeht, so Gräfenstein: „Es braucht eine Bürgerbeteiligung.“

Ein solches Beteiligungsverfahren sei geplant, sagt Stadträtin Anders-Granitzki. Der Masterplan für die Sanierung sei „in Grundzügen“ bereits 2016/17 entwickelt und 2018 der Öffentlichkeit vorgestellt worden. „Die Konzeption wurde seither weiterentwickelt und wird am Tag der Städtebauförderung am 14. Mai im Rahmen eines Rundgangs im Park vor Ort erläutert.“

Ein Schwerpunkt der Parksanierung sei, die Ufer gegen Erosion zu sichern, erklärt die Stadträtin. Teilbereiche sollen dazu (wieder) begrünt werden. „Zum Schutz der Anpflanzung und der Uferböschung ist vorgesehen, Teilbereiche unter Umständen durch eine (temporäre) Einzäunung zu schützen“, sagt Anders-Granitzki.

Die Parksanierung soll abschnittsweise ab 2023 beginnen und Ende 2025 abgeschlossen sein. Laut Anders-Granitzki prüft man nun, ob zu Naturschutzzwecken ein Teil der Arbeiten vorgezogen werden können. Großflächige Absperrungen am Ufer zum Schutz der Natur sieht die Stadträtin skeptisch: „Es bleibt abzuwarten, inwieweit Schutzzäune tatsächlich ein Mittel der Wahl sind.“

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