Nachruf auf Dominic Heilig (Geb. 1978) : Du brauchst das doch

Dominic Heilig rannte durch sein Leben, durch die Politik, er rauchte eine nach der anderen, er bekam Schmerzen in der Brust. Die Geschichte einer Verausgabung.

Dominic Heilig (1978 - 2017)
Dominic Heilig (1978 - 2017)Foto: Antje Kind

Keiner weiß, wie oft er alles hinschmeißen wollte. Wenn er es mal tat, glaubte aber auch keiner, dass es für immer sein würde. Ach komm, hieß es dann, du weißt doch, wie’s läuft. Rückschläge gehören dazu. Schwächephasen auch, die haben wir alle. Nimm dir eine Auszeit, tank auf, dann bist du wieder da. Du brauchst das doch. Und wir brauchen dich.

Recht hatten sie, er brauchte das, und sie brauchten ihn. Und sie wissen, dass sie unrecht hatten. Denn so stark, wie sie glaubten, war er nicht. Links schlägt das Herz? Mag sein. Seins allerdings hat aufgehört zu schlagen.

Wenn einer sich verausgabt, dann hoffentlich für eine Sache, für die es sich lohnt. Er war ein Kind des Sozialismus, und was für eins! Der Vater Redakteur beim „Neuen Deutschland“, Sohn Dominic ein ausgesprochen früher Agitator: Im Kindergarten soll er mal einen Vortrag über Angela Davis gehalten haben, amerikanische Kommunistin, die, weil sie im Gefängnis gesessen hatte, Maskottchen „im antiimperialistischen Kampf der fortschrittlichen Kräfte“ geworden war. Als der Sozialistenstaat zusammenbrach, war Dominic elf, ein Alter, in dem man so einen Zusammenbruch noch nicht persönlich nimmt. Mit 14 trat er der Jugendorganisation der PDS bei. Er war auch jung genug, die DDR-kritischen Stimmen in der Partei nicht persönlich zu nehmen. Wer die DDR kritisierte, kritisierte ja nicht ihn. Was sollte schlecht daran sein, für einen anderen, diesmal guten Sozialismus einzutreten?

Ich bin aus dem Osten! Ich bin gegen Nazis!

Wer sich wundert, dass ein Ostdeutscher in Dominics Alter sich in den Neunzigern einer „AG Junger Genossen“ und schließlich den SED-Erben anschloss, der verkennt, dass so ein junger Mensch weniger dazu neigt, zurückzuschauen als um sich herum. Wenn er dort lauter vereinzelte Anpassungswillige und an der Anpassung Scheiternde erblickt, dann wird er sich nicht unbedingt für Vereinzelung und Anpassung entscheiden. Warum also nicht in die PDS? Und das mit Stolz: Ich bin aus dem Osten! Ich bin gegen Nazis! Gegen Fremdbestimmung und für Gerechtigkeit sowieso.

Dominic trug die Haare lang, kleidete sich schwarz, ging in besetzten Häusern ein und aus, fand in den Politstrukturen seinen Familienersatz und studierte Politik, was sonst. In Berlin kann man das an der „Freien Universität“ im tiefen Westen. Dominic fuhr weiter, bis nach Potsdam, denn dort ist wieder Osten. Bezeichnete ihn jemand als Ossi, empfand er das als Beleidigung. Seine Herkunft war doch nichts Niedliches! Wer Ossi sagt, sagt auch: Du kannst nichts dafür. Wofür denn bitte? Für Naivität und Hinterwäldlerei? Dominic war Ost-Berliner, darauf bestand er, West-Berlin war ihm eine andere Stadt. Da kamen die Leute her, die „Ossi“ sagten, alles besser wussten und keinen blassen Schimmer hatten. Das fernere Potsdam lag ihm deutlich näher.

Überhaupt: Je weiter die Ferne, desto heimischer fühlte er sich. Besonders in den Ländern, die hinter West-Deutschland lagen, Frankreich, Spanien, Portugal. Hier sprach man anders, aß man besser, hier war seine Ost-Herkunft kein Makel. Und: Es gab starke linke Bewegungen, die nicht als gestrig galten.

DDR-Nostalgiker gegen jüngere Reformer

Europa und Politik: ein Begriffspaar, das die einen in Tiefschlaf versetzt und anderen die Zornesröte ins Gesicht treibt, sei es aus nationalistischen oder antikapitalistischen Gefühlen. Für Dominic wurde es zum Lebensthema. Seine Diplomarbeit schrieb er über die „Europäisierung nationaler Parteien“, und als er fertig war mit der Wissenschaft, begab er sich gleich in die Praxis. In Brüssel baute Dominic das Büro der „Europäischen Linkspartei“ auf, ein Zusammenschluss von 25 Parteien, Fortsetzung des verwegenen Versuches, der Internationale des Kapitals einen internationalen Antikapitalismus entgegenzusetzen, wenn auch demokratisch und moderat, reformerisch statt revolutionär.

Das war 2004, 2005. Dass er dann wieder nach Berlin kam und als Mitarbeiter der Bundestagsfraktion arbeitete, bedeutete nicht, dass er von seinen Auslandskontakten abließ. Für sein Befinden brauchte er sie umso mehr, je stärker er ins deutsch-linke Kleinklein verwoben war. Denn der Kampf für Gerechtigkeit und Sozialismus war seit je zu allererst ein Bruderkampf Solinks gegen Anderslinks gegen Nochganzanderslinks. In der PDS, dem Ostverein, war das noch halbwegs überschaubar: DDR-Nostalgiker gegen jüngere Reformer. Als 2007 durch den Zusammenschluss mit der WASG die Westdeutschen dazukamen, wurde es viel komplizierter – und für die Reformer, zu denen gehörte Dominic Heilig, besonders hart: Sie hatten sich so halbwegs gegen die Betonköpfe durchgesetzt, da kamen die kampferprobten Gewerkschafter, Sektierer und Superlinken aus dem Westen – und wussten sehr viel viel besser.

Sie mochten in ihren Altbundesländern keine großen Wahlerfolge feiern, aber auf Linken-Parteitagen waren sie eine Macht. Für viele aus der alten PDS fühlte es sich an wie eine zweite Okkupation: Erst übernehmen die Kapitalisten aus dem Westen unser Land, jetzt übernehmen die Kommunisten aus dem Westen unsere Partei. Wie wohltuend war es für Dominic Heilig, da hinaus zu kommen! Wie schön war es in Portugal, dem Land der Nelkenrevolution! Jedes Jahr fuhr er zur „Festa do Avante“, einem Sozialistenfestival, gegen das sich alle Feiern der Linken in Deutschland ausnehmen wie brave Kindergeburtstage. Dominic verteilte Freischnaps im Namen seiner Partei und erweckte den Eindruck, die Deutschen könnten feiern.

Absprachen, Loyalitäten

So ausgelassen wie im Ausland war er im Inland selten. Hier herrschten Alltag, Stress und Kampf. Dominic war ein Berufspolitiker der zweiten Reihe, in der Partei aber recht bekannt. Gut aussehend, immer schwarz und ein bisschen besser als die anderen gekleidet, längst wohl frisiert, vor allem aber wohl informiert. Wenn er über Europa redete, dann nicht mit Schaum vorm Mund. Lasst uns die Strukturen besser machen, lasst sie uns nutzen. Dass er damit auf Parteitagen weniger gut ankam als jene, die die EU allein als Instrument der Ausbeuter beschimpften, lag in der Logik solcher Versammlungen. Dass er scheiterte, als er sich um einen Listenplatz fürs Europaparlament bewarb, lag aber an der Machtkampflogik im Parteivorstand. Geeignet war er allemal, dann aber schickte Katja Kipping – ausgerechnet sie! – einen anderen ins Rennen, und er hatte keine Chance mehr. Bei so etwas spielen Absprachen und Loyalitäten eine weit wichtigere Rolle als Einstellungen und Reden.

Für Dominic war das ein herber Rückschlag, ein zweiter folgte noch im selben Jahr, 2014. Er sollte als Vertreter der Reformer Stellvertretender Parteivorsitzender werden. Und wieder kam ein anderer zum Zuge, entgegen aller Absprachen, allein nach machtarithmetischem Kalkül.

Dominic war wochenlang für niemanden erreichbar. Und plötzlich war er wieder da. War was? Es geht weiter, oder? Wie denn auch, ohne mich? Er arbeitete für den Fraktionsvorstand, bekleidete Ehrenämter im Bundesvorstand, in der Internationalen Kommission, war Sprecher des Reformerflügels, schrieb Reden und Aufsätze, Artikel fürs „Neue Deutschland“, wenn es schnell gehen musste, und das musste es eigentlich immer, gern auch über Nacht. Er kümmerte sich um seine Kinder, drei hatte er aus zwei Beziehungen. Er kämpfte um die Kinder, er rannte durch sein Leben, durch die Politik, er rauchte eine nach der anderen, er bekam Schmerzen in der Brust.

Im April 2017 schmiss er mal wieder alles hin. Er ging zum Arzt und bekam eine Überweisung zum Kardiologen, Termin Mitte August.

Und die Genossen sagten: Nimm dir ein paar Tage frei, dann kommste wieder. Wir brauchen dich!

Er kam wieder. Es standen doch die Wahlen an.

Am 22. Juli fiel Dominic Heilig nach einem Herzanfall ins Koma. Am 31. Oktober starb er an einem zweiten.

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