Nachruf auf Jürgen Thielemann (Geb. 31. März 1947) : Weltgebäude mit Störfaktoren

Er befasste sich mit den Katastrophen dieser Welt selbst dann noch, als alle meinten, er hätte mit sich selbst genug zu tun.

Jörg Machel

Von der Auflösung seines Architekturbüros blieben nur die Ordner übrig, zu deren Aufbewahrung er gesetzlich verpflichtet war. Das Aufräumen tat ihm gut. Es war viel Kleinkram zu entsorgen, ein paar schlechte Erinnerungen auch. Ein Bauherr etwa stellte in der Auftragsbeschreibung unsinnig hohe Qualitätsansprüche. Von Jürgen Thielemann darauf angesprochen, erklärte er, dass das ein Irrtum des Planers sei, und selbstverständlich nur das Sinnvolle zu tun sei. Bei der Abnahme verweigerte er die Zahlung, denn der unterschriebene Standard sei verfehlt worden. So etwas ärgerte Jürgen natürlich, aber einzelne miese Charaktere konnten ihm das Leben nicht vergiften. Gelitten hat er eher unter den großen Katastrophen dieser Welt, Hunger, Krieg, Umweltzerstörung. Mit ihnen befasste er sich selbst dann noch, als alle meinten, er hätte mit sich selbst genug zu tun.

Nach mehreren Operationen übernimmt die Arbeit seines Herzens eine Apparatur in einem nachttischgroßen Kasten neben dem Krankenhausbett. Zwei Schläuche transportieren das Blut hin und zurück. Die restlichen Kabel sind für den Laien nicht so leicht zu identifizieren. Eine Vielzahl von Ärzten und Helfern sorgt dafür, dass das System stabil gehalten wird. Jürgen hofft, dass die große Herzpumpe der Intensivstation irgendwann durch ein koffergroßes Gerät ersetzt wird, mit dem er wieder zurück kann in sein Zuhause am Lausitzer Platz. Dann wird er sich wieder ins „Kattelbach“ setzen, einen Tee trinken und den Leuten zuwinken, die ihm seit Jahren vertraut sind und immer wieder nachfragen, ob es endlich besser um ihn steht. Und dann wird er endlich an jenen Fragen weiterdenken, die ein bisschen größer sind als sein kleines Stückchen Wohlbefinden. Er muss seine Aufzeichnungen noch ordnen, die sich in den letzten Jahren angesammelt haben. Wie im Rausch hat er sie oft niedergeschrieben. Konzepte, wie die Welt zu retten sei.

Dass manch einer geneigt ist, auf seine Schaffensperioden und die stets folgende Schwermut den Stempel „manisch-depressiv“ zu drücken, das versteht er schon, aber es geht hier um mehr. Im Vergleich zu dieser verqueren Welt sind doch die meisten seiner Überlegungen überaus vernünftig, selbst wenn im Hintergrund ein paar Botenstoffe verrücktgespielt haben mögen. Deshalb geht es ihm jetzt darum, das alles nochmal zu sortieren: Was ist Erkenntnis und was Spinnerei? Jetzt zum Beispiel ist er klar, jetzt kann er das selbst unterscheiden. Er braucht halt noch etwas Zeit, und die lässt er sich nicht stehlen, nicht von diesem Körper, der außer Kontrolle gerät.

„Wasser für alle“, eines seiner Themen: Über Meerwasserentsalzungsanlagen hat er sich kundig gemacht und Strategien entwickelt, dass das Wasser auch dort fließt, wo es knapp wird. Für die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer wollte er Kreuzfahrtschiffe einsetzen, auf denen die Registrierung und die Verteilung in der Europäischen Union organisiert werden könnte. Gedanken hat er sich gemacht, wie die Menschen in Ausbildung kommen und mit welchen Programmen man die qualifizierten Leute motivieren kann, als Aufbauhelfer in ihre Heimat zurückzukehren. Bei ihm passten immer alle Puzzleteile zusammen, seine Ideen hörten sich absolut schlüssig an, und man fragte sich nach seinen Vorträgen, warum es eigentlich so chaotisch auf der Welt zugeht. Sein Weltgebäude war perfekt, es stand fest gegründet – wenn man nur die Störfaktoren ausblendete, von denen es leider ein paar gibt.

Weltrettung, Weltladen, Weltladenmesse

Dass er sich so intensiv mit der Weltrettung befasste, lag sicher auch an seinem Engagement im „Weltladen“ der Kreuzberger Emmauskirche. Zunächst hatte er die Gemeinde in Bauangelegenheiten beraten, später stieg er ehrenamtlich in das Fair-Trade-Projekt ein, saß dann mehrmals im Monat an der Kasse und verkaufte Produkte aus Afrika, Asien und Südamerika. Begierig las er sämtliche Infoblätter, die den Lieferungen beilagen.

Ihm war klar, dass die paar Euro, die in dem Geschäft umgesetzt werden, die Probleme im Großen nicht ansatzweise lösen würden. Warum sollte er sich aber damit abfinden? Der Laden war für ihn eine Ideenbörse, ein Ort des Austauschs mit den anderen Ehrenamtlern, mit den Kunden, der Gemeinde.

Als Höhepunkte empfand er die Weltladenmessen im Kirchenschiff, zu der sich Produzenten, Zwischenhändler und Käufer trafen. Da wurden Bestellungen aufgegeben, Wünsche geäußert, Erfahrungen ausgetauscht. Da passierte mehr für die Romafamilien, die sich jeden Sommer vor der Kirche auf ihren Matratzen einrichten, als durch die hilflosen Bemühungen des Bezirksamtes, fand er. Die Arbeit im ganz Kleinen ist der Anfang, die großen Themen kommen gleich danach, so schwärmte Jürgen und agitierte so leidenschaftlich, dass selbst Unterstützer skeptisch wurden. Begierig nahm er jeden Widerspruch auf, um nach kurzem Nachdenken eine Lösung anzubieten, alles unter Hochdruck.

Der Euphorie folgte Katerstimmung. Dann zog er sich zurück, war wochenlang kaum ansprechbar. Hatte weder an der Welt noch an sich selbst Interesse. Ganz ausgeglichen war sein Energiehaushalt selten.

Am Ende kalkuliert er recht sachlich: Die Chancen stehen schlecht. Aber was heißt das schon? Für ihn ist das Glas immer noch halb voll, und diesen letzten Schluck will er sich nicht nehmen lassen.

Auf das Kunstherz neben seinem Bett ist Verlass, seine Lebenskraft aber ist aufgebraucht, am Ende muss die Maschine abgeschaltet werden. Er stirbt in der Klinik, die Aufzeichnungen bleiben unsortiert.

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