Nachruf auf Tjwan Hwie Sie (Geb. 1933) : Mit jeder schwingenden Bewegung

Seine Tanzschule in Indonesien musste er schließen. Drum ließ er in Berlin weiter tanzen.

Tjwan Hwie Sie (1933-2019)
Tjwan Hwie Sie (1933-2019)Foto: privat

Ein Junge hat die Wahl: Möchte er Arzt werden oder Tänzer? Er wägt ab. Für den Arzt lernt er nicht ausdauernd genug. Das Tanzen fällt ihm viel leichter: die fließenden Bewegungen, die eleganten Drehungen, der Rhythmus, die Musik. Sie strömt durch seinen Körper, erfüllt ihn, lässt ihn größer werden, ist ein Ausblick in eine ferne, weite Welt. Tänzer also. Das Ziel seines Lebens ist gesetzt. Und so soll es ein Leben werden, das ihn aus dem kleinen Dorf auf der indonesischen Insel Java in die besten Tanzsäle der Welt und nach Berlin führen wird.

Februar 2020, Doris Sie sitzt im „Café Lebensart“ in Zehlendorf. Hier haben sie auch die Trauerfeier ihres Mannes Tjwan Hwie Sie gefeiert. Bei Kaffee und Kuchen, bloß nicht zu pompös.

Sie und er, das hat gepasst. Er sorgte selbst dafür, dass er elegant genug war für diese Welt des Tanzes, in der die besten Trainer hofiert werden wie Stars. Sie sorgte dafür, dass er bei all dem Glitzer, der Bewunderung und den Komplimenten auf dem Boden blieb. Traurig ist sie, dass sie nun all seine feinen Anziehsachen, die Fracks und Smokings, Kaschmir-Pullis und Seidenhemden weggeben musste. Aber was soll’s. Sie trinkt ihr Kännchen Kaffee und erinnert sich lieber an die vielen kleinen Momente, die sie zusammenführten.

Da waren die ersten Unterrichtsstunden: Standardtänze wollte sie lernen. Der neue Lehrer aus Indonesien sprach Englisch mit ihnen. Streng konnte er sein, wer nicht auf seine Anweisungen hörte, wurde schon mal des Kurses verwiesen. Aber laut wurde er nie. Und vor allem: Er konnte anstecken. Seine Liebe zum Tanz übertrug er mit jedem federnden Schritt und mit jeder schwingenden Bewegung. Es gibt Schüler, mit denen war er auch Jahrzehnte später noch befreundet. Doris nahm irgendwann Privatstunden. Sie wollte mehr lernen, wollte weiterkommen – und sie wollte ihn kennenlernen, diesen eleganten und höflichen Herrn aus dem fernen, damals völlig fremden Land. Das war aufregend. Schließlich nahm sie all ihren Mut zusammen und fragte ihn, ob er sie in ein chinesisches Restaurant führen würde. Sie war noch nie beim Chinesen gewesen. Er führte sie aus. 1969 war das.

Tanzschulen wurden verboten

Tjwan Hwies Familie gehörte in Indonesien zu den sogenannten „Auslandschinesen“. Seine Eltern waren Händler, er war das älteste von drei Kindern. Er nahm Tanzunterricht, kaufte Tanzbücher, sah sich die Skizzen an, las die Beschreibungen, übte so lange, bis er es konnte. Dann mietete er sich einen Raum und war Tanzlehrer. So einfach ging das. Und die Schüler strömten herbei.

1965 dann der Putsch unter General Suharto, die blutige Diktatur mit den Massakern, denen Hunderttausende Menschen zum Opfer fielen, darunter viele Chinesen. Tanzschulen wie die von Tjwan Hwie wurden verboten, zu westlich. Was sollte er tun? Er arbeitete für einen Teehändler und schleppte tagein, tagaus schwere Teesäcke. Dann schrieb er einen Brief an den bekannten britischen Tanzpädagogen Alex Moore und bat um Hilfe. Er wollte das Land verlassen, er wollte endlich wieder tanzen. Alex Moore vermittelte ihm eine Stelle in der „Tanzschule Dieter Keller“ in Berlin.

So stieg im Mai 1968 ein frierender Chinese aus Indonesien im Sommeranzug in Berlin aus dem Flugzeug. Er war allein, er kannte niemanden, und er verstand niemanden. Doch in der Tanzschule funktionierte es anfangs auch auf Englisch. Erst gab er Kurse für Anfänger, dann für Fortgeschrittene, und schließlich trainierte er nur noch die Tanzclubmitglieder, also die, die es wirklich ernst meinten. Und immer wieder bereitete er Spitzensportler auf Tanzwettbewerbe vor. Da drehten sich am Anfang 20 Paare, dann zehn und in der Endrunde nur noch fünf. Er gab die letzten, kleinen Hinweise, bloß nicht zu viele, er wollte niemanden verunsichern: „Heb den Kopf höher, richte die Frisur!“ Gewann eines seiner Paare, war er so stolz, als ob er selbst gewonnen hätte. Jahr um Jahr wuchs sein Ruf, er war ein gefragter Mann, er bekam Einladungen in die ganze Welt.

1977 heirateten Doris und Tjwan Hwie. Die Hochzeitsreise ging nach Java, 14 Tage Rundreise, 132 Verwandte, die zu besuchen waren. Doris lacht, als sie sich an das Spektakel erinnert, das um sie veranstaltet wurde. Große Essen, viele Feste, Doris verstand kein Wort, für sie sahen die Menschen alle ähnlich aus. Doch willkommen fühlte sie sich überall.

Die Zeit verging, das Leben war schön. „Nur ganz selten wurde er wütend, dann haute er auf den Tisch, das sah so niedlich aus, dass ich immer lachen musste.“ Doris’ Kinder aus ihrer ersten Ehe wurden groß, Enkelkinder kamen, und auch Tjwan kümmerte sich um sie. Mit Doris reiste er um die ganze Welt, überall gab er Tanzkurse. Sie sah ihm zu und erfreute sich an ihm.

Dann kam der Krebs, Tjwan Hwie musste ins Krankenhaus, infizierte sich und fiel ins Koma. Doris saß an seiner Seite, spielte ihm seine Musik vor, sprach mit ihm, und als sie einmal in der Mensa essen war, verließ er diese Welt.

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