Nachruf auf Willi Hoffmann (Geb. 1915) : Aufgeben? Niemals!

Im Internet lautet das Schlagwort: #willibleibt. Und er spielt seine Rolle perfekt, weil er sie gar nicht spielen muss. Der Nachruf auf einen Kämpfer.

Die Friedhöfe am Halleschen Tor am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg.
Die Friedhöfe am Halleschen Tor am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Im Sommer 1979 grub Willi Hoffmann ein Loch in seinen Hinterhof. Drückte einen Kastaniensetzling rein, schaufelte Erde drauf und freute sich. Würde bald kommen, das Bäumchen, und dann würde es endlich grünen in der Reichenberger 55, mitten in Kreuzberg. Konnte ja keiner ahnen, dass der Baum 40 Jahre später nicht nur riesengroß, sondern auch wichtig werden würde.

Willi starb im März 2018. Wollte nichts mehr essen, war zu schwach. Kann ja mal vorkommen, mit 103 Jahren. Auf der Beerdigung waren sieben Leute vom Pflegedienst und seine Nachbarn. Die ihn am längsten kannte, kannte ihn seit 40 Jahren. Über die Zeit davor weiß man bis auf das Geburtsdatum, dass er aus Schlesien kam und mal Maurer war, nichts. Keine Geschwister, keine Frau, keine Kinder.

Schon verrückt, da lebt einer über 100 Jahre lang, und am Lebensende erinnern sich die Trauernden nur an die letzten 40. Und woran eigentlich? Er hatte eine rasselnde Stimme, sagt eine Nachbarin, vermutlich wegen einer Kriegsverletzung. Er fluchte gern, sagt ein anderer. Und noch einer stellt fest, er habe ihn anhand seiner Schritte im Treppenhaus nicht von den jüngeren Nachbarn unterscheiden können, so schnell sei er trotz seines hohen Alters hinaufgelaufen.

Alles änderte sich vor eineinhalb Jahren. Da wurden aus Nachbarn Gefährten. Und aus dem alten Willi wurde das Maskottchen einer Revolte.

„Den Garten wollen sie vollbauen, die Lumpen!“

Im November 2016 kauft ein bayerischer Investor das Mietshaus in Berlin-Kreuzberg. 3,35 Millionen Euro bezahlt er, viel Geld für ein Haus, dessen Mieter nur fünf Euro pro Quadratmeter zahlen. Wie soll der das Geld, das er reingesteckt hat, wieder reinholen, fragen sie sich, und sie fürchten die üblichen Instrumente: Sanieren, Nachverdichten, Teurermachen, Entmieten, Verkaufen.

„Mit ihren Lackschuhen waren sie bei mir in der Wohnung“, sagt Willi bei „SpiegelTV“ über die neuen Eigentümer. So beginnt der Kampf. „Den Garten wollen sie vollbauen, die Lumpen! Und das Dach über mir woll’nse auch ausbauen. Seitdem ruft regelmäßig einer an und legt wieder auf. Die wollen doch prüfen, ob ich noch lebe, damit sie anfangen können!“

Gemeinsam demonstrieren Willi und die Nachbarn vor dem Haus, recherchieren, was es mit dem Investor auf sich hat, sprechen mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller und mit der Kreuzberger Grünenabgeordneten Canan Bayram, die im September 2017 in den Bundestag gewählt wird – auch von Willi. Zuvor saß Bayram bei ihm am Küchentisch und aß seinen Baumkuchen.

Der Kampf schweißt sie zusammen

Im Kampf lernen die Nachbarn einander kennen. Kriegen mit, wie Willi statt mit dem Rollator lieber mit einem Penny-Einkaufswagen rumläuft. Erfahren, dass er seit Jahren der Kita unten im Haus Weihnachtsbäume bringt. Dass er selbst Weihnachten allein feiert, aber immer mit Gänsebraten. Dass er zu seinem Geburtstag stets in ein Schnitzellokal am Richardplatz fährt. Dass er Eierlikör liebt, den er manchmal mit Weinbrand streckt. Sie erleben, wie er für kurze Zeit ins Altersheim geht, dann aber wieder heimkehrt. Er habe mit denen ausgehandelt, dass der Pflegedienst sich um ihn kümmere, sagt Willi.

Als er einmal zu schwach zum Einkaufen ist, schickt er den Nachbarn los, mit dem er sonst gegen die Entmietung demonstriert. Er solle ihm Ananas, Nackensteak und Fleischsalat kaufen, weist Willi an, bevor der Pflegedienst mit Hühnersuppe anrücke. Der Nachbar macht sich auf den Weg und trifft den Pfleger an der Supermarktkasse – mit Hühnersuppe in der Hand. Willi mischt dann alles in der Pfanne zusammen.

Willis Kastanie muss bleiben

Das Haus in Kreuzberg wird bekannt. Nach „SpiegelTV“ kommen „Spiegel Online“, der Tagesspiegel, die „Berliner Zeitung“, die „Süddeutsche“. Das liegt am Fall und natürlich an Willi. Ein Hundertjähriger, der vertrieben werden soll, die Geschichte zieht. Im Internet lautet das Schlagwort: #willibleibt. Und Willi spielt seine Rolle perfekt, weil er sie gar nicht spielen muss.

Kurz vor seinem Tod messen die Nachbarn die Bäume im Hinterhof aus. Ab 80 Zentimeter Durchmesser darf der Eigentümer sie nicht mehr so einfach fällen, das hat ihnen das Grünflächenamt bestätigt. Willis Kastanie ist dicker.

Zu seiner Beerdigung gehen sie geschlossen. Legen einen Kranz nieder mit Blumen und viel Grünzeug. Für Willis Geburtstag im nächsten Jahr haben sie einen Plan: Schnitzelessen am Richardplatz.


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