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Asta Maria Krohn (l.) und Helena Giuffrida leiten das Berliner Bestattungsunternehmen Asta & Helena.

© Ufuk Ucta

Tagesspiegel Plus

Bäume als Grab und Schneewittchensärge: Auf diese Konzepte setzen Berliner Bestatter-Start-ups

Der Markt für Bestattungen ist hart umkämpft in Berlin. Junge Unternehmen drängen mit ungewöhnlichen Angeboten in die Branche.

Als 2020 die ersten Querdenken-Proteste gegen die Corona-Maßnahmen durch Berlin liefen, folgte ihnen ein Transporter mit einem Plakat. Darauf zu sehen: Ein gezeichneter Totenkopf mit Aluhut und dem Text: „Liebe Aluhutträger, Querdenker und Maskenverweigerer: Wir sehen uns.“

Ein Schriftzug darunter verriet den Urheber: Mymoria – ein Berliner Bestattungsunternehmen. [Mymoria ist eine Beteiligung der DvH Ventures, die ebenso wie der Tagesspiegel zur Mediengruppe Dieter von Holtzbrinck gehört.] Ein zweites Motiv zeigte Demonstrierende mit dem Slogan „Unsere Mitarbeiter des Monats“.

Mit provokativen Werbekampagnen macht das Start-up Mymoria auf sich aufmerksam, wie hier bei einer Querdenker-Demo in Berlin.
Mit provokativen Werbekampagnen macht das Start-up Mymoria auf sich aufmerksam, wie hier bei einer Querdenker-Demo in Berlin.

© Mymoria

Björn Wolff, Geschäftsführer von Mymoria sagt: „Wir wollten uns gesellschaftlich engagieren, und ein Zeichen setzen in dieser schwierigen Zeit.“ 2016 hat Wolff die Firma gemeinsam mit Felix Maßheimer gegründet. Seither versuchen die beiden, das Bestattungswesen umzukrempeln.

[Transparenzhinweis: MyMoria ist eine Beteiligung der DvH Ventures, die ebenso wie der Tagesspiegel zur Mediengruppe Dieter von Holtzbrinck gehört.]

Anlass für die Gründung sei ein Trauerfall im privaten Umfeld gewesen, sagt der Betriebswirt Wolff. Das Angebot der traditionellen Bestattungsunternehmen habe ihn damals nicht überzeugt.

Digitalisierung im Bestattungswesen

Eine Bestattung müsse sich heutzutage auf einfache Weise von zu Hause aus organisieren lassen, findet Wolff, mit transparenten Kosten. Auf der Online-Plattform von Mymoria könne eine Nutzerin oder ein Nutzer zum Beispiel von Berlin aus eine Bestattung für eine in Köln verstorbene Person planen. Die Beratung gebe es bei Bedarf am Telefon.

Mymoria-Geschäftsführer Björn Wolff (l.) und Felix Maßheimer setzen auf die Digitalisierung im Bestattungswesen.
Mymoria-Geschäftsführer Björn Wolff (l.) und Felix Maßheimer setzen auf die Digitalisierung im Bestattungswesen.

© Mymoria

Wolff legt Wert darauf, ein bundesweit einheitliches Niveau für die Dienstleistungen zu etablieren. Die eigentlichen Leistungen werden in den meisten Fällen von niedergelassenen Bestattungsunternehmen erbracht, mit denen Mymoria zusammenarbeitet. Doch das ändert sich mittlerweile, denn das Unternehmen investiert auch hinter den Kulissen.

Der Tod ist vielleicht das Tabuthema Nummer eins.

Björn Wolff, Geschäftsführer von Mymoria

Seit Jahresanfang 2021 hat Mymoria nach eigenen Angaben mehrere mittelständische Bestattungsunternehmen aufgekauft. Außerdem verfügen Wolff und Maßheimer inzwischen über einen eigenen Fahrdienst. Dessen Fahrzeuge sind keine klassischen schwarzen Limousinen, sondern navyblaue Transporter. In den Innenstädten von Köln und München eröffnete Mymoria außerdem zwei Ladengeschäfte, die eher an die Flagship-Stores von Designermarken erinnern als an Bestattungshäuser.

„Der Tod ist vielleicht das Tabuthema Nummer eins“, sagt Wolff. Er wünsche sich, dass der Umgang mit dem Sterben ein normaler Teil des Lebens werde. Deshalb biete sein Unternehmen auch die Möglichkeit, für den eigenen Todesfall vorzusorgen. So könne die Familie von dieser Verpflichtung befreit werden und habe Zeit und Ruhe für die Trauer.

Bestattung im Baum

Auch Jonas Miebach gehört zu den Neuen in der Branche. Von einem unscheinbaren Büro in der Kreuzberger Katzbachstraße aus koordiniert sein Unternehmen Funeria Bestattungen in ganz Deutschland. Seit 2016 vergibt das Start-up Aufträge an niedergelassene Firmen. Inzwischen haben sich Miebach und sein Geschäftspartner Andreas Zeiser auf „naturnahe Bestattungen“ spezialisiert.

Jonas Miebach bietet mit seinem Start-up Funeria Bestattungen in der Natur an.
Jonas Miebach bietet mit seinem Start-up Funeria Bestattungen in der Natur an.

© Christoph M. Kluge

In Deutschland ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass Beerdigungen nur auf ausgewiesenen Friedhofsgeländen erlaubt sind. Die Rechtslage kennt nur zwei Ausnahmen vom Friedhofszwang: die Seebestattung und die Naturbestattung in einem dafür vorgesehenen Wald.

In der Region gibt es einige solcher Flächen, zum Beispiel in Pankow, bei Fürstenwalde, bei Bernau und im Nuthetal bei Potsdam. Nicht erlaubt ist hingegen, dass die Angehörigen die Asche der Verstorbenen im eigenen Garten vergraben.

Funeria bietet aber eine spezielle Form der Bestattung an, die einen privaten Trauerort schaffen soll, den „Baumfrieden“. Das Verfahren: Die Asche der verstorbenen Person wird in den Niederlanden, bei einem Partnerunternehmen, mit Erde vermischt. Darin wird ein Baumsetzling angepflanzt. Der Baum wächst und nimmt dabei die Asche in sich auf. Nach etwa sechs bis neun Monaten bringt ihn Funeria zurück nach Deutschland.

Die Kund:innen könnten dann selbst entscheiden, wo sie den Baum einpflanzen möchten. Das ist legal, denn rechtlich handelt es sich nicht mehr um einen verstorbenen Menschen, sondern um eine Pflanze. Funeria habe bereits 150 solcher Bäume verkauft im ersten Halbjahr.

Ein letzter Blick auf die Verstorbenen

Die Corona-Pandemie erschwert den Abschied von Verstorbenen. Bei Trauerfeiern gelten Abstandsregeln, Umarmungen sind nicht möglich. War der oder die Verstorbene an Covid-19 erkrankt, verwenden die Bestattungsunternehmen zum Transport eine Leichenhülle. Eine Trauerfeier mit offenem Sarg ist dann aufgrund des Infektionsrisikos in der Regel nicht machbar.

Die Geschäftsführerinnen Asta Maria Krohn (links) und Helena Giuffrida mit dem
Schneewittchensarg. 
Die Geschäftsführerinnen Asta Maria Krohn (links) und Helena Giuffrida mit dem Schneewittchensarg. 

© Ufuk Ucta

„Viele Angehörige sind bestürzt, wenn sie die Verstorbenen nicht mehr sehen dürfen“, sagt Asta Maria Krohn. „Das ist ein wichtiger Punkt der Trauerbewältigung.“ Anfang 2021 hat Krohn zusammen mit Helena Giuffrida das Bestattungsunternehmen Asta & Helena gegründet. Mit einem eigens entwickelten „Schneewittchensarg“ möchten die Unternehmerinnen den Hinterbliebenen die Annäherung trotz Pandemie ermöglichen. Dabei handelt es sich um einen luftdichten Sarg mit einer Plexiglasscheibe im Deckel, erläutert Krohn.

Der Schneewittchensarg hat eine Plexiglasscheibe im Deckel. Angehörige können die verstorbene Person sehen.
Der Schneewittchensarg hat eine Plexiglasscheibe im Deckel. Angehörige können die verstorbene Person sehen.

© Ufuk Ucta

Der Leichnam werde „unter großen Schutzvorkehrungen“ darin aufgebahrt, der Leichensack ein Stückweit geöffnet, so dass das Gesicht zu sehen sei. Vor der eigentlichen Bestattung werde der Deckel wieder getauscht, sodass das Plexiglas nicht in die Erde gelange. „Der Schneewittchensarg wird auch nach Corona bleiben“, sagt Helena Giuffrida. Er sei auch bei anderen infektiösen Krankheiten einsetzbar.

Ein hart umkämpfter Markt

Der Konkurrenzkampfes um die Kundschaft ist stark. Die Zahl der Firmen am Berliner Markt steigt seit Jahren. Doch unbeeindruckt davon behauptet sich das Fuhrunternehmen Gustav Schöne bereits seit 1894, mittlerweile in der sechsten Generation. Auf ihrem etwa 7000 Quadratmeter großen Gelände in Rixdorf hielt die Familie bis vor Kurzem noch Pferde. Die wurden vor historische Fuhrwerke gespannt, für Beerdigungen, aber auch Hochzeiten und andere Feste.

Doch 2019 erließ der Senat strenge Regeln für den Betrieb von Pferdekutschen in der Großstadt. Seither befinden sich die Tiere in der Lüneburger Heide. Das Unternehmen besorgte sich stattdessen mehr Autos und konzentriert sich seither komplett auf das Bestattungsfuhrwesen. Etwa 100 Todesfälle pro Woche bearbeite die Gustav Schöne OHG, sagt Martina Rosenthal-Schöne, die die Geschäfte mit ihren Enkeln Benjamin und Hendrik Rosenthal führt.

Das Bestattungsfuhrunternehmen Gustav Schöne in Rixdorf besteht seit 1894. Heute leiten Martina Rosenthal-Schöne (l.) und ihr Enkel Hendrik Rosenthal die Geschäfte.
Das Bestattungsfuhrunternehmen Gustav Schöne in Rixdorf besteht seit 1894. Heute leiten Martina Rosenthal-Schöne (l.) und ihr Enkel Hendrik Rosenthal die Geschäfte.

© Christoph M. Kluge

„Wir arbeiten für etwa 80 Bestatter in Berlin, sagt Hendrik Rosenthal. Davon gehörten etwa 35 Prozent zu dem Marktsegment, was er „die neuen Bestatter“ nennt. Diese Firmen sind sehr medienaffin, und nutzen aktiv die sozialen Netzwerke. Neben dem Transport bietet das Unternehmen Gustav Schöne den Geschäftskunden bei Bedarf auch das Ankleiden oder Herrichten der Leichen an.

Aber die Neuen würden vieles davon selbst erledigen, sagt Rosenthal. Ihre eigenen Leistungen stellten sie den Kunden selbstbewusst in Rechnung. Im Gegensatz zu klassischen Bestattern, die die Margen einkalkulierten, zum Beispiel in die Kosten des Sarges.

Auf dem Rixdorfer Gelände befindet sich ein Kühlhaus, in dem Leichname bis zu drei Wochen untergebracht werden können. Es gibt eine Halle für Trauerfeiern und einen Raum für individuelles Abschiednehmen. Diese Räume vermietet das Unternehmen an die Newcomer, die in der Regel keine eigenen Immobilien haben. Man müsse offen bleiben für das Neue, sagt Martina Rosenthal-Schöne.

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