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Wer bei der Schuldnerberatung klingelt, ist oft verzweifelt. Die Armut in Berlin könnte durch die aktuellen Preissteigerungen noch größer werden.

© dpa

Tagesspiegel Plus

Energiekosten treiben Berliner in Schulden: „Nicht mehr viel, auf das verzichtet werden kann“

Die Entlastungen der Regierung kommen bei den Armen der Stadt noch nicht an. Eine Expertin befürchtet Gassperren und Wohnungskündigungen.

Wer mit Rechnungen, die er nicht bezahlen kann, mit Schulden und finanziellen Sorgen belastet ist, weiß oft nicht mehr weiter. Durch die aktuell steigenden Preise und Kosten verschlechtert sich die finanzielle Lage Vieler zusätzlich. Halt und Hilfe geben Beratungsstellen – seit 2005 berät Anne Wistuba aus Zehlendorf Menschen mit Schulden. Die 47-jährige Juristin arbeitet in der Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle des Deutschen Familienverbands Landesverband Berlin in der Berlinickestraße 13 am U- und S-Bahnhof Rathaus Steglitz.

Sie befürchtet, dass in den nächsten Monaten mehr Menschen von der Schuldenlast erdrückt werden könnten, weil sie ihre Energiekosten nicht mehr bewältigt werden können – dann könnten Strom- und Gassperren oder gar der Verlust der Wohnung drohen.

Frau Wistuba, die Inflation treibt die Preise in die Höhe, die Energiekosten steigen. Kommen aktuell mehr Menschen zu Ihnen in die Schuldner- und Insolvenzberatung Steglitz-Zehlendorf als im vergangenen Jahr?
Die Nachfrage nach Beratungen ist bei uns derzeit relativ konstant auf hohem Niveau. Die Inflation belastet unsere Klientel sehr stark, das ist ganz häufig Thema in der Beratung. Betriebskostenabrechnungen der Vermieter und Jahresabrechnungen der Energieanbieter stehen ja noch aus. Dann wird mit Sicherheit der Beratungsbedarf noch steigen.

Die steigenden Energie- und Lebenshaltungskosten werden die Armut in Berlin noch vergrößern, fürchtet die Juristin Anne Wistuba.

© privat

Wie viele Menschen haben sie im ersten Halbjahr 2022 beraten, wie viele im ersten Halbjahr 2021?
In den beiden genannten Zeiträumen war die Anzahl der Beratungen ähnlich: Wir haben jeweils rund 2800 Beratungsgespräche geführt, viele davon natürlich mit Klientinnen und Klienten, die mehrfach die Beratung aufsuchen. Es kommen etwa gleich viele Männer wie Frauen. Die Mehrheit derer, die bei uns die Beratung aufsuchen, hat Unterhaltsverpflichtungen. Bei den Alleinerziehenden ist der Anteil der Frauen deutlich höher.

Mit welchen Problemen kommen Ratsuchende konkret zu Ihnen?
Beispielsweise kommen Menschen zu uns, deren Einkommenssituation sich geändert hat und die nun nicht mehr in der Lage sind, ihre laufenden Verbindlichkeiten zu bezahlen. Das sind dann zum einen Ratenzahlungen von Krediten, oder aber auch die Miete oder Kitakosten und vieles mehr. So eine Veränderung der Einkommenssituation tritt oft durch den Verlust des Arbeitsplatzes ein. Gründe können aber auch eine Trennung oder Scheidung sein, eine langfristige Erkrankung oder auch schlichtweg der Wechsel von der Arbeitstätigkeit in die Altersrente.

Leiden vor allem Beziehende von Sozialleistungen und Geringverdiener unter der aktuellen Situation?
Die Klientel bei uns in der Beratungsstelle besteht ohnehin mehrheitlich aus Menschen, die wenig Einkommen zur Verfügung haben oder Sozialleistungen beziehen. Bei denen macht sich die aktuelle Situation bei ganz elementaren Bedürfnissen stark bemerkbar, da beispielsweise die gestiegenen Kosten für Lebensmittel oder Energie im Verhältnis zum zur Verfügung stehenden Einkommen einen größeren Anteil ausmacht als bei Menschen mit höheren Einkommen.

Kommen die bisherigen Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung bei Ihren Klienten an?
Die bisher in die Wege geleiteten Entlastungsmaßnahmen kommen bei uns in der Beratungsarbeit noch nicht spürbar an. Das liegt auch daran, dass sich die Maßnahmen ja teilweise erst noch auswirken werden – und dann durch die Inflation wieder kassiert werden. Auch werden die Entlastungsmaßnahmen nicht die gesamte Belastung ausgleichen. Die Auswirkungen der Inflation sind für die Mehrheit unserer Klientinnen und Klienten bereits jetzt eine starke Belastung.

Was ist zum Beispiel ganz konkret mit dem Heizkostenzuschuss?
Die künftige tatsächliche Heizkostenhöhe ist eine Black Box: Zwar steht die Höhe der Energie-Umlage seit Montag fest, aber die individuellen tatsächlichen Kosten sind noch unbekannt. Es ist also noch völlig offen, welchen Anteil der Heizkostenzuschuss abdecken wird.

Wenn die Zahlungen nicht erbracht werden können, können Stromsperren, Gassperren und Wohnungskündigungen drohen.

Schuldnerberaterin Anne Wistuba

Sie klingen wenig optimistisch: Reichen die Entlastungen der Regierung aus?
Sämtliche Entlastungsmaßnahmen zielen auf Entlastung der Gesamtbevölkerung, unser Klientel ist aber bereits auch ohne die aktuellen Krisen finanziell überlastet. Problematisch ist ferner, dass bei sehr vielen unserer Klientinnen und Klienten die Sparpotentiale ausgeschöpft sind. Da gibt es nicht mehr so viel, auf das noch verzichtet werden kann.

Für Menschen mit einem ansonsten noch funktionierenden Einnahmen-Ausgaben-Budget sind die künftigen Energiekosten ein kritischer Faktor. Wenn die Zahlungen nicht erbracht werden können, können Stromsperren, Gassperren und Wohnungskündigungen drohen. Wir erwarten einen Anstieg des Beratungsbedarfs. Und zurück zu Ihrer Frage: Nein, die bisherige Maßnahmen werden voraussichtlich nicht ausreichen.

Aktuell wird um die Einführung des Bürgergelds gestritten: Arbeitsminister Heil (SPD) möchte den Regelsatz so um 40 bis 50 Euro im Monat aufstocken. Würde das helfen?
Ich würde es so auf Berlin gemünzt in etwa so formulieren: Mit einem überproportional höheren Anteil an alleinerziehenden, erwerbslosen und sozialhilfeempfangenden Personen als im Bundesdurchschnitt sind auch Berliner Familien von den aktuellen Preissteigerungen besonders stark betroffen. Jede Unterstützung und die Anpassung der Regelsätze beziehungsweise die Erhöhung des künftigen Bürgergelds hilft die Not derer, die es besonders nötig haben, zu lindern.

Das trifft auch die ehemals gut Verdienenden: Irgendwann sind die Reserven aufgebraucht.

Schuldnerberaterin Anne Wistuba

Jetzt gibt es die Schuldnerberatung nicht erst seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine: Wie wichtig ist die Beratungsstelle in dem vermeintlich reichen Bezirk Steglitz-Zehlendorf?
Die Nachfrage unseres Angebotes ist seit je her hoch. Eine gemeinnützige Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle ist in jedem Bezirk, unabhängig von der Bevölkerungsstruktur, von Bedeutung. Auch in unserem Bezirk gibt es viele Menschen mit geringem Einkommen beziehungsweise Menschen, die in Zahlungsschwierigkeiten geraten.

Es gibt viele Gründe, warum das so ist: Arbeitslosigkeit, Erkrankung, Trennung, Scheidung, gescheiterte Selbständigkeit, gescheiterte Immobilienfinanzierung, Finanzierung nunmehr zweier Haushalte, Zahlung von Unterhalt, starke Einkommensverluste… Das trifft auch die gut Verdienenden: Irgendwann sind die Reserven aufgebraucht. Ein ehemals höheres Einkommen hat auch häufig zur Folge, dass die Kredite deutlich höher sind.

Wie hat sich die Pandemie auf Ihre Arbeit ausgewirkt? Ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder die andere Selbständige bei Ihnen angerufen hat…
Ja, insbesondere Kleinselbständige, die mit Handel, Gastronomie, Tourismus zu tun haben, sind ins Trudeln geraten. Nicht alle hatten Rücklagen, Corona-Hilfen sind oftmals nicht zeitnah angekommen. Nicht wenige mussten ihre Selbständigkeit aufgeben. Es haben sich aber auch Menschen an uns gewandt, die ihren Arbeitsplatz durch die Krise verloren haben, da Arbeitgeber trotz staatlicher Unterstützung nicht mehr alle Arbeitnehmer behalten konnten beziehungsweise ihre Betriebe schließen mussten.

Wer einen Minijob für 450 Euro hatte, hatte ohnehin schlechte Karten. Sehr viele wurden gekündigt. Aber auch viele Beschäftigte, die die Betriebe gehalten haben, konnten trotz Kurzarbeitergeld nicht mehr all ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen, Kreditraten konnten nicht mehr bedient werden.

Die Hilfe in der Beratungsstelle erfolgt kostenlos, unabhängig und vertraulich.

© Deutscher Familienverband, LV Berlin

Wo sehen Sie in der Beratungspraxis aktuell die größten Probleme?
Wir haben es in der Beratung zunehmend mit einer Primärverschuldung zu tun. Elementare Verträge können nicht mehr vereinbarungsgemäß bedient werden, die Klientinnen und Klienten haben Miet- oder Energieschulden. Dadurch besteht die Gefahr des Wohnungsverlustes oder des Abschaltens der Energie.

Ein anderes Problem sind die deutlich gestiegenen Mietkosten und der kaum zur Verfügung stehende Wohnraum. Ein Wohnungswechsel in eine kleinere Wohnung, die auch tatsächlich günstiger ist, um so die finanzielle Situation zu stabilisieren, ist derzeit nahezu unrealistisch.

Problem Nummer drei: Selbständige haben oft Schwierigkeiten, ihre Krankenversicherung zu bezahlen. Wenn die Schulden bei der Krankenkasse zu hoch werden, fallen sie aus der üblichen Versorgung raus und haben nur noch einen sehr basalen Versicherungsschutz. All diese Situationen sind für die Betroffenen psychisch extrem belastend.

Der Einzelhandel wirbt mit Ratenkäufen, Kreditkarten werden in Mengen feilgeboten, Überziehungskredite gehören zum normalen Angebot der Banken: Wir leben in einer Gesellschaft, die das Schulden machen begünstigt. Frustriert Sie das?
Ja, manchmal. Aber um das zu ändern, machen wir ja diese Arbeit. Wir wünschen uns eine stabile Finanzkompetenz, die schon in den Schulen gelehrt wird. Heranwachsenden sollen die nötigen Werkzeuge an die Hand gegeben werden, starke und mündige Verbraucher zu sein – sie sollten mit Kompetenzen für eine verantwortungsbewusste, mittel- und langfristige Finanzplanung ausgestattet sein.

Geld können auch Sie nicht drucken: Wie sieht Ihre Hilfe konkret aus?
Nach einer Sondierung besprechen wir mit den Ratsuchenden die bestehenden Lösungsmöglichkeiten. Es ist richtig, Geld können wir nicht drucken, aber wir helfen den Klientinnen und Klienten bei Verhandlungen mit den Gläubigern um Vergleiche und Ratenzahlungen zu erzielen. Ist das erfolglos, kann ein Insolvenzverfahren eine Möglichkeit bieten, die Schulden zu regulieren. Hier helfen wir bei der Vorbereitung, der Antragstellung und stehen bei Bedarf auch während des Insolvenzverfahrens zur Beratung zur Verfügung.

Was passiert, wenn weder Vergleiche noch eine Insolvenz die Probleme lösen?
Wenn weder das eine noch das andere eine möglich ist, dann helfen wir, dass die Ratsuchenden mit ihren Schulden leben können. Dass sie wissen, wie und in welchem Umfang sie sich bei Pfändungen schützen können, wie sie auf welche Post zu reagieren haben. Was passieren kann und was nicht.

Angenommen ich würde akut in eine finanzielle Schieflage rutschen, wie lange müsste ich auf einen Termin bei Ihnen warten?
Gar nicht, man braucht keinen Termin bei uns, weil wir jeden Tag eine offene Sprechstunde von 9 bis 12 Uhr anbieten. Vorrangig telefonisch und wenn das nicht ausreichend ist vor Ort. Je nach Sachverhalt reichen weitere Beratungen zu den Sprechstundenzeiten aus oder man kommt auf eine Warteliste für die Aufnahme in die laufende Beratung, wenn es zum Beispiel in Richtung Insolvenzverfahren gehen soll. Die Wartezeit beträgt etwa drei bis vier Monate.

Wenn ich bei Ihnen anrufe, muss ich zugeben, dass etwas bei meinem Geldverhältnissen nicht stimmt und ich verzweifelt bin. Wie groß ist das Problem der Scham bei der Arbeit mit verschuldeten Menschen?
Das Thema „Schulden“ ist für viele Menschen sehr belastend und auch mit Scham behaftet. Leider ist das auch der Grund, dass der eine oder andere erst sehr spät die Beratung bei uns aufsucht. Wer sich jedoch entschließen konnte, Kontakt zu uns aufzunehmen, hat einen ersten wichtigen Schritt getan. Erste Informationen im Gespräch helfen, so dass Unsicherheit und Ängste einer Perspektive weichen können.

Was war im vergangenen halben Jahr für Sie ein bewegender Moment in der Beratungspraxis?
Ich konnte für einen Klienten, der anfänglich mit seiner Situation überfordert war und den Überblick verloren hatte, sehr gute Vergleiche erzielen. Er hat zwei Gläubiger bezahlt, für den dritten und letzten Gläubiger haben wir eine Ratenzahlung vereinbaren können, die er sich trotz seines geringen Einkommens leisten kann. Parallel dazu haben wir eine Haushaltsplanung gemacht. Er hat nun einen guten Überblick über seine Finanzen und kann wieder selbstbestimmt mit ihnen haushalten. Das war für ihn sehr entlastend.

Und welcher Fall hat Sie nicht schlafen lassen?
Es gibt immer wieder mal wieder schwierige Situationen. Wir können ja auch nicht jedes Problem lösen. Gerade wenn sich die Probleme nicht nur auf die finanzielle Situation beschränken, sondern beispielsweise noch gesundheitliche dazukommen. Dann geht es eher darum, weitere Hilfsangebote für die Ratsuchenden zu vermitteln.

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