• Ordnungsamt will Übernachtungen nicht dulden: Berliner setzen sich für einen Obdachlosen in ihrem Park ein

Ordnungsamt will Übernachtungen nicht dulden : Berliner setzen sich für einen Obdachlosen in ihrem Park ein

Micha übernachtet in einem Charlottenburger Park. Das Ordnungsamt will das nicht länger tolerieren. Dabei haben die Nachbarn den Mann ins Herz geschlossen.

Tausende Menschen in Berlin sind obdachlos. Im nächsten Jahr sollen genauere Zahlen erfasst werden (Symbolbild).
Tausende Menschen in Berlin sind obdachlos. Im nächsten Jahr sollen genauere Zahlen erfasst werden (Symbolbild).Foto: Jonathan Rados

Micha will hier bleiben in diesem kalten, zugigen Park in Charlottenburg. Ob er friert? Alles eine Frage der Ausrüstung, findet er. Zwei Schlafsäcke hat er für die Winternächte. Um Micha zu schützen, sollen sein tatsächlicher Name und sein Aufenthaltsort geheim bleiben.

Das Ordnungsamt hat Micha aufgefordert, den Park zu verlassen. Der sei nun einmal eine geschützte Grünanlage, sagte der Charlottenburger Ordnungsstadtrat Arne Herz (CDU) dem Tagesspiegel.

Klaus Helbig wohnt in der Nähe und setzt sich für Micha ein. „Es wäre toll, ihn einfach in Ruhe zu lassen. Wir Anwohner kümmern uns gerne um alles andere“, schrieb er dem Tagesspiegel. Helbig ist nicht der einzige in der Nachbarschaft, der sich hilfsbereit zeigt.

„Eine Frau hat ihm erlaubt, seine Sachen im Keller unterzustellen“, erzählt Helbig. „Eine andere bringt warmes Essen vorbei, Kinder schenken Micha selbst gebackene Kekse.“

Micha selbst hat genug von diesen rührseligen Geschichten über Einzelschicksale wie das seine, erklärt er gleich, als wir ihn am Rand des Parks treffen. Es müsse endlich um die Ursachen gehen. Warum so viele Menschen krank würden zum Beispiel, nach Jahren der Arbeitslosigkeit. „Micha sagt oft: Du musst mir nicht helfen. Was ist mit dem System?“, erinnert sich Anwohner Klaus Helbig.

Eine feine Gegend

Der Charlottenburger Park liegt in einer gutbürgerlichen Gegend, wo die Straßen sauber sind und die Fassaden reich verziert. Hier fühlt Micha sich ein wenig sicherer als woanders in Berlin. Die Leute kennen Micha, grüßen ihn. Da drüben im Café lassen sie ihn die Toilette benutzen, für 50 Cent, erzählt er. Auch das ist nicht überall so.

Helbig versteht nicht, warum das Ordnungsamt so hart vorgeht. „Wenn du mitbekommst, was hier im Sommer los ist: Die Leute sitzen bis spät im Park, hören laut Musik und werfen Pizzakartons in die Gegend. Bis da was passiert, da wartest du ewig“, sagt er.

„Micha krakeelt nicht rum, ärgert keine Leute, macht keinen Müll“, sagt Helbig. „Er hat eine soziale Kompetenz, das merkt man eindeutig.“

Nicht überall in Berlin läuft es so gut mit dem Zusammenleben. Es gibt Gewalt unter Obdachlosen, Anwohner beschweren sich über vermüllte Parks. Die Stadt räumt immer wieder Camps, wie im vergangenen Januar im Ulap-Park in Moabit. Die Obdachlosen weichen dann aus und lassen sich andernorts nieder. Das Grundproblem bleibt bestehen. Sozialverbände fordern nachhaltige Veränderung: etwa durch zusätzliche Streetworker und Unterstützung bei der Wohnungssuche.

Niemand kennt genaue Zahlen

Tausenden Menschen in Berlin geht es wie Micha. Niemand weiß genau, wie viele es sind, es gibt nur Schätzungen. Im nächsten Jahr sollen genauere Zahlen erfasst werden. Schon mehr als 3200 Freiwillige haben sich gemeldet, um in der Nacht vom 29. Auf den 30. Januar zu zählen, wie viele Berliner kein Dach über dem Kopf haben.

Helbig unterhält sich oft mit Micha. Er bietet ihm an, Essen mitzubringen. „Micha fragt nie nach irgendwas. Er sagt immer, dass er nur das nehmen will, was ich sowieso übrighabe. Er hat mich noch nie nach Geld gefragt.“

Für die Nachbarn ist es nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, wenn sie mit Micha sprechen. „Da sind Schwierigkeiten, weil man den Umgang nicht kennt. Man fragt sich, wie man selber behandelt werden möchte“, sagt Helbig.

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Manchmal weiß er zum Beispiel nicht, wie er sich von Micha verabschieden soll. „Ich wünsche ihm dann noch einen schönen Tag. Aber das ist schwierig: Kann er überhaupt einen schönen Tag haben, wenn er hier draußen lebt?“ Immer wieder erfrieren im Winter Menschen, die unter freiem Himmel die Nacht verbringen.

Natürlich weiß Helbig, dass es Regeln gibt, die das Übernachten in Parks verbieten. „Besser wäre aber Großzügigkeit, denn woanders nächtigen auch Obdachlose auf der Straße im Bezirk“, schreibt er in seiner Mail an den Tagesspiegel. An den Bezirk habe er sich auch gewandt, aber keine Antwort erhalten.

Wenn das Amt hart bleibt, muss Micha sich einen anderen Park suchen. Dabei ist diese Nachbarschaft bei Helbig und den anderen hilfsbereiten Anwohnern doch sein Zuhause geworden.

Aber vielleicht nimmt die Geschichte noch eine ganz andere Wendung. Kurz vor Weihnachten hat Klaus Helbig von Micha gehört, ihm sei nun eine Wohnung angeboten worden. „Ich habe ihn jetzt drei Tage nicht gesehen“, sagt Helbig. „Wäre ja ein dolles Ding.“

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