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Das Große Stadion im Jahn-Sportpark.

© imago images / Matthias Koch

Tagesspiegel Plus

„Pankow braucht nicht nur ein Stadion“: Kritik an neuem Senatsplan für Berliner Jahn-Sportpark

Der Senat treibt einen Stadion-Neubau in Prenzlauer Berg voran. CDU, Grüne, Linke und Anwohner fürchten um den „Inklusionssportpark“ und fordern Änderungen.

Von Christian Hönicke

Der Streit um den Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg nimmt kein Ende. Pankows Bürgermeister Sören Benn, CDU und Linkspartei des Bezirks sowie die Grünen haben teils scharfe Kritik am Vorgehen des Senats geäußert. Sie bemängeln, dass zunächst nur die Modernisierung des Stadions vorangetrieben werden soll und fordern, wie vereinbart den gesamten Sportpark gemeinsam in einem Bebauungsplan zu entwickeln.

Auch aus der Anwohnerschaft regt sich Widerstand. Die Bürgerinitiative Jahn-Sportpark warf Berlins Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) vor, er breche die Versprechen im Berliner Koalitionsvertrag und im 100-Tage-Programm. Darin heißt es: „Um den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark zu einem Inklusionssportpark zu entwickeln, wird ein Realisierungswettbewerb ausgelobt.“ Auch im Koalitionsvertrag werde versprochen, den Jahn-Sportpark „zum Inklusionssportpark zu entwickeln“.

„Tatsächlich betrifft der von Ihnen angekündigte Realisierungswettbewerb, der am 21. März vorgestellt werden soll, den insbesondere für die Ziele der Inklusion relevanten Sportpark in keinster Weise“, kritisiert die Initiative. Der Realisierungswettbewerb werde stattdessen lediglich für das Stadion ausgelobt „und die behauptete Entwicklung des Sportparks wurde auf die nächste Legislaturperiode (nach 2026) verschoben“.

Vorwurf: Geisel setze sich über Ergebnisse des Werkstattverfahrens hinweg

Geisel solle das Verfahren „auf solide Beine stellen und das Stadion zusammen mit dem Sportpark im Rahmen eines gemeinsamen Realisierungswettbewerbs entwickeln – genauso, wie es im Koalitionsvertrag steht“. Seine Ankündigung, den Sportpark zu einem „Inklusionssportpark“ zu entwickeln, sei „irreführend“ und „völlig unverbindlich“.

Mit dem nur auf das Stadion bezogenen Realisierungsverfahren setze sich Geisel auch über die Ergebnisse des Werkstattverfahrens hinweg, an dem Fachleute sowie Bürger beteiligt waren. „Dessen Ergebnisse sahen eine gemeinsame Entwicklung des Stadions und des Sportparks sowie die Prüfung beider Optionen (Umbau vs. Abriss) vor“, schreibt die Initiative.

Dies bedeute „eine klare Gewichtung zugunsten des Profisports“ und – gegen die Inklusion sowie gegen den Breiten-, Vereins-, Schul-, Kinder- und Jugendsport. Die Handlungsempfehlungen des Werkstattverfahrens würden „ignoriert und die Bürgerbeteiligung mit Füßen getreten“. Stattdessen werde nun „intransparent und hinter verschlossenen Türen beschlossen, Abriss / Neubau zu verfolgen und die Prüfung eines möglichen Umbaus des Stadions zu verwerfen“, wirft die Initiative dem Senator vor.

Verwaltung weist Vorwürfe zurück

Geisels Senatsverwaltung wies das zurück. „Die Vorwürfe der Initiative entbehren jeder Grundlage“, erklärte eine Sprecherin. „Es stand von Anfang an fest, dass das Lenkungsgremium die letzte Entscheidung treffen wird.“ In dem abgeschlossenen Werkstattverfahren seien „durchweg transparent die Rahmenbedingen, Entscheidungsspielräume und vor allem die Entscheidungsinstanzen kommuniziert“ worden.

Der nun startende Realisierungswettbewerb habe in der Tat zunächst nur das Stadion zum Gegenstand „und als Ideenwettbewerb auch den Sportpark“, so die Sprecherin. „Beides muss selbstverständlich zusammen gedacht werden. Das tun wir auch.“

Berlins Stadtentwicklungssenator und früherer Innen- und Sportsenator Andreas Geisel (SPD).

© dpa / Annette Riedl

Der frühere Sportsenator Geisel hat sich bereits mehrfach als vehementer Befürworter eines Komplett-Neubaus des Stadions geäußert. Er lehnt einen Umbau als ungeeignet ab. Zuletzt hatte die neue Berliner Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) von einem „Neubau“ des Stadions gesprochen – dabei sollen die „identitätsstiftenden Merkmale“ wie die Hinterlandmauer auf dem Stadionwall, die Flutlichtmasten und die Haupttribüne möglichst „einbezogen“ werden.

Allerdings fordern Grüne und Linkspartei anders als der Koalitionspartner SPD weiterhin einen Umbau des Stadions. Das erklärten sie bei einer Sitzung des Sportausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus Ende Februar. Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) sagte etwa, die Erhaltung der Haupttribüne und Flutlichtmasten müssten Priorität haben. Außerdem fehle der Nachweis, dass sich die künftige Nutzung des Sportparks mit der Verkehrsanbindung verträgt.

Linke und Grüne fordern Stadion-Umbau

Zahlreiche Experten hätten zudem inzwischen bescheinigt, dass ein barrierefreier Umbau des Großen Stadions möglich sei, so die Initiative Jahn-Sportpark – „nicht zuletzt der berühmte Architekt Jean-Philippe Vassal. Auch der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten, der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten und die Berliner Architektenkammer haben sich für einen Umbau und gegen einen Abriss des Stadions ausgesprochen.“

Ein Neubau sei zudem Geldverschwendung. „Die Berliner Bezirke sollen 78 Millionen Euro einsparen, die Finanzmittel der Schulen wurden drastisch gekürzt, eine humanitäre Katastrophe rollt auf uns zu – und gleichzeitig soll für über 100 Millionen Euro ein Stadion mit 20.000 Sitzplätzen abgerissen und anschließend an derselben Stelle und in gleicher Größe neu gebaut werden?“ Das sei weder ökonomisch noch dem sozialen Zusammenhalt zuträglich: „Kinder, Jugendliche, Umwelt- und Sozialbelange bleiben auf der Strecke für ein aus der Zeit gefallenes Prestigeprojekt.“

Dagegen verwehrt sich die Stadtentwicklungsverwaltung. „Das oberste Ziel ist ein inklusiver Sportpark mit einem inklusiven Stadion“, erklärte die Sprecherin. Hierbei gelte, es die unterschiedlichen Bedarfe zu berücksichtigen – darunter Vereins- und Breitensport, Freizeitsport, Nutzung der Freiflächen für informellen Sport, Raumbedarf und Inklusion im Stadion, Anforderungen der Inklusion im Sportpark, Klimaschutz, Schall- und Emissionsschutz. „Anstatt das Eine gegen das Andere auszuspielen, ist es unsere Aufgabe, die unterschiedlichen Nutzungen und Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Auf dieser Grundlage werden wir jetzt den Realisierungswettbewerb starten.“

Die CDU fürchtet, dass der restliche Sportpark am Ende unter den Tisch fällt

Doch auch aus Pankows Lokalpolitik kommt scharfer Gegenwind. Zwar trage man den wesentlichen Plan mit, einen Inklusionssportpark „unter Einbeziehung der identitätsstiftenden Merkmale“ zu entwickeln, erklärte CDU-Fraktionschefin Denise Bittner am Mittwoch auf der Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Damit sind, wie berichtet, die Flutlichtmasten und die Haupttribüne des Großen Stadions gemeint, dazu die denkmalgeschützte Hinterlandmauer auf dem Stadionhügel. „Wir kritisieren aber das zweistufige Verfahren“, sagte Bittner. „Stadion und Sportpark müssen im Zusammenhang gedacht werden, da die baulichen Änderungen am Stadion auch Auswirkungen auf den Rest haben.“

Die Verschiebung und die weiterhin ungeklärte Finanzierung für den restlichen Sportpark sei problematisch, kritisierte Bittner. Lediglich den Stadionneubau weiterzubetreiben, missachte die Bedürfnisse von Anwohnern, Breitensportlern und insbesondere den betroffenen Sportvereinen. „Pankow braucht dringend nicht nur ein funktionstüchtiges Stadion“, so Bittner. „Die Bürger und die Sportvereine haben die Befürchtung, dass die Realisierung des Sportparks insgesamt auf die lange Bank geschoben wird. Wir können die Sorgen verstehen, dass es dann irgendwann mal gar nichts mehr wird.“

In der letzten Sitzung des Sportausschusses im Abgeordnetenhaus hatte auch Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) erklärt, dass er stellvertretend für den Bezirk die neuesten Pläne nicht unterstütze und dafür seine Zustimmung verweigere. Benn gehört dem behördlichen Lenkungskreis zum Sportpark-Umbau an.

Pankows Bürgermeister Benn verweigerte seine Zustimmung und sieht viele ungeklärte Fragen

Für die Gestaltung der Restfläche gebe es weder eine Finanzierung noch eine Verpflichtungsermächtigung, „dass das dann auch jemals realisiert wird, wenn das Stadion einmal fertiggestellt sein sollte“, begründete Benn. Zudem seien „wesentliche Fragen wie Verkehr, Klimabilanz, Sicherstellung der Realisierung des Sportparks noch nicht geklärt“.

Auch aus der Pankower Linksfraktion in der BVV kam scharfe Kritik am Senatsvorgehen. Ein Stadion-Schnellschuss stelle lediglich einen „Leuchtturm dar, ohne Rücksicht auf diejenigen, die später an dieser Anlage wohnen oder sie nutzen“, sagte die Verordnete Jaana Stiller. Es bedürfe einer integrativen Bedarfsplanung und eines ordentlichen Bebauungsplans. „Auf diesem Weg befand sich die Sportanlage bereits.“

Aber bevor überhaupt Fragen zur verkehrlichen Erschließung, Umwelt-, Klima- und Artenschutz im Rahmen eines B-Planverfahrens geklärt werden konnten, habe der Senat „ohne die Stimme des Bürgermeisters diesen Weg der Partizipation und der integrativen Gesamtplanung durchkreuzt und gestoppt“, so Stiller. Es könne keinen „Inklusionssportpark“ mit einem Stadionbau geben, wenn der Rest des Sportparks unintegriert bleibe.

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