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Protestzug zum Brandenburger Tor : Tausende Demonstranten fordern mehr Kitaplätze in Berlin

Zahlreiche Eltern, Kinder und Beschäftigte protestieren am Brandenburger Tor gegen die Berliner Kita-Politik und fordern familienfreundlichere Bedingungen.

Helena Piontek
Auf dem Weg zum Brandenburger Tor: Der Protestzug am Samstagvormittag.
Auf dem Weg zum Brandenburger Tor: Der Protestzug am Samstagvormittag.Foto: Helena Piontek

Sie kamen mit Trillerpfeifen, Vuvuzela-Tröten und gelben Luftballons mit der Aufschrift „Kita-Krise“: Einige tausend Eltern und Kinder gingen am Samstagmorgen in Berlin auf die Straße, um gegen den Mangel an Kitaplätzen und eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf zu demonstrieren. Sie versammelten sich gegen 10 Uhr am Dorothea-Schlegel-Platz vor dem Bahnhof Friedrichstraße. Von dort ging der Protestmarsch über Unter den Linden zum Brandenburger Tor gehen, wo gegen 11 Uhr eine Abschlusskundgebung begann.

Angemeldet waren 1800 Teilnehmer. Eine Polizistin schätzte gegen 10.30 Uhr die Zahl der Demonstranten auf 2000, nach Ende der Demo wollte sich ein Pressespreche der Polizei auf keine Teilnehmerzahl festlegen und sprach lediglich von "einer unteren vierstelligen Teilnehmerzahl". Die Veranstalter schätzen die Zahl der Teilnehmer gegen Ende der Kundgebung auf 3500 - etwa in dieser Größenordnung fehlen in Berlin Kitaplätze.

Eine der Demonstrierenden ist Corinna Mehling. Sie ist in der 36. Schwangerschaftswoche nach Berlin gezogen. Als ihr Sohn sechs Wochen alt war, begann sie mit der Suche nach einem Kitaplatz. Zu spät, wie sie merkte: jetzt ist der Kleine ein Jahr alt und Mehling immer noch auf der Suche. Andere Eltern suchten wohl bereits während der Schwangerschaft. „Ich bin Biologin und kann nicht arbeiten gehen, weil ich keinen Kitaplatz finde“, sagt sie. „Mit einem Einkommen können wir uns die Wohnung aber kaum leisten. Mittlerweile weiß ich wirklich nicht mehr, wie es weiter gehen soll.“ 

Suchen eine Kita seit einem Jahr: Corinna Mehling mit Mann und Sohn.
Suchen eine Kita seit einem Jahr: Corinna Mehling mit Mann und Sohn.Foto: Helena Piontek

Anna Ohrt und ihr Mann überlegen sich mittlerweile gemeinsam mit anderen Eltern eine Nanny anzustellen, die die Kinderbetreuung übernehmen kann. Seit September suchen sie bereits erfolglos nach einem Kitaplatz, ihr Sohn ist mittlerweile acht Monate alt. „Es ist wahnsinnig frustrierend“, sagt Anna Ohrt, „einem Kitaplatz zu suchen ist wie ein Vollzeitjob.“ Sie beschreibt Szenen, bei denen die Kitas am Infoabend irgendwann die Türen verschließen mussten, weil zu viele Eltern gekommen waren. Diejenigen, die draußen warten mussten, den Tränen nahe. Sie kenne kaum Eltern, die über den normalen Weg an einen Kitaplatz gekommen sind, viel laufe intransparent und über Beziehungen.

Samstag, kurz nach 11: Der Pariser Platz ist mit Demonstrationsteilnehmern gefüllt.
Samstag, kurz nach 11: Der Pariser Platz ist mit Demonstrationsteilnehmern gefüllt.Foto: Helena Piontek

Unter den Protestierenden ist auch Babette Kalthoff. Sie leitet seit 30 Jahren eine Kita. „Es reicht“, sagt Kalthoff und hat sich das auch auf ihr Plakat geschrieben. „Wenn uns die Bildung unserer jüngsten Kinder etwas wert ist, müssen wir dafür Geld in die Hand nehmen.“ Als sie vor 20 Jahren eine neue Kitagruppe gründete und per Kleinanzeige nach Erziehern suchte, meldeten sich 250 Bewerber, heute könne sie werben so viel sie wolle, es gibt einfach nicht genügend Kräfte.

Eine von Hunderten: Kita-Leiterin Babette Kalthoff beim Auftakt der Demonstration.
Eine von Hunderten: Kita-Leiterin Babette Kalthoff beim Auftakt der Demonstration.Foto: Helena Piontek

Zahlreiche Rednerinnen und Redner machten bei der Kundgebung ab 11 Uhr am Brandenburger Tor ihrem Ärger Luft. „Es kann nicht sein, dass wir immer mehr Geld für Rüstung ausgeben und kein Geld für unsere Kinder haben“, sagte Anne Isakowitsch, eine betroffene Mutter. „Die Chancen einer ganzen Generation werden kaputt gespart. Die Kitakrise kann man nicht lösen indem man noch mehr Kinder in überfüllte Kitas stecken, wir müssen die Erzieher besser bezahlen und mehr ausbilden. Ein Kitaplatz kann kein Luxus sein, er muss selbstverständlich sein.“

Christine Kroke hat eine Petition eingereicht und fragt die Demoteilnehmer in ihrer kurzen Rede, wer alles noch nach einem Kitaplatz sucht. Viele Hände schnellen in die Luft. Jetzt ist ihr Kind acht Monate alt, erzählt sie, und erst seit wenigen Tagen hat sie eine Tagesmutter gefunden. Es sei kaum möglich seine Zukunft zu planen, gerade Frauen würden ausgebremst und landen in Teilzeitfallen.

Organisiert hatte die Demonstration die aus den USA stammende Berlinerin Elise Hanrahan, die trotz des Betreuungsanspruches keinen Kitaplatz für ihre Tochter bekam.

Deutscher Städtetag fordert kostenfreie Erzieherausbildung

In den vergangenen Jahren hat sich der Kita-Mangel in Berlin drastisch zugespitzt, viele Eltern - vor allem Mütter - sind dadurch vor allem in ihren beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten massiv eingeschränkt. Eine Ursache liegt auch in fehlendem Personal. In diesem Zusammenhang häuft sich in jüngster Zeit die Kritik an den Ausbildungskosten für Erzieher in Deutschland.

Der Deutsche Städtetag stimmt jetzt darin ein. „Dass angehende Erzieherinnen und Erzieher für ihre Ausbildung bezahlen müssen, ist ein Anachronismus, der abgeschafft gehört“, sagte Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Bei der Kinderbetreuung fehlten mehrere Tausend Fachkräfte. Deshalb seien neben Gebührenfreiheit auch die höhere Attraktivität der Ausbildung und mehr Plätze nötig. Um mehr Menschen für den Beruf zu gewinnen, hatte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) zuletzt gefordert, die Ausbildung, Arbeitsbedingungen und die Bezahlung für Erzieher zu verbessern. (mit dpa)

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