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Einkauf mit Maske

© Rolf Poss / IMAGO

Tagesspiegel Plus

Psychologe zum neuen Corona-Alltag: Kritik wegen der Maske? Da muss man drüberstehen

Wie gehen wir mit den neuen Corona-Freiheiten um? Was tun, wenn Menschen jede Vorsicht verlieren? Das sagt ein Psychologe.

Herr Rief, in Berlin ist die Maskenpflicht in vielen Bereichen entfallen. Beim Einkaufen, im Restaurants und Schulen ist grundsätzlich kein Mundschutz mehr nötig – falls es das Hausrecht nicht vorschreibt. Gleichzeitig bleiben die Ansteckungszahlen hoch, Corona ist nicht verschwunden. Wie gehen wir mit den neuen Freiheiten um?
Die Gefahr ist groß, dass sich Menschen an der Masse orientieren und alle Vorsichtsmaßnahmen außer Acht lassen. Ich habe das beim Urlaub in Österreich so erlebt, als an einem Sonntag die Maskenpflicht fiel. Im Hotel lief das genauso ab, wie man es von einem „Freedom Day“ befürchtet hat. Von einem Moment zum anderen waren die Masken verschwunden, von „Hundert auf Null“. Eine Woche später kam ich mit Corona zurück.

Wie lässt sich dieses Verhalten psychologisch erklären?
Wir sind jetzt in einer Phase, wo wir von kollektiver zur individuellen Regulierung wechseln. Davor hat der Staat durch das Pandemiegesetz den Menschen in einzelnen Bereichen vorgeschrieben, wie sie sich verhalten müssen.

Was lässt sich dagegen tun, dass Menschen jede Vorsicht verlieren?
Jetzt müssen wir den Prozess schaffen, von der Fremdsteuerung zur Selbstverantwortung überzugehen. Da ist die Versuchung groß, sich erst mal an der Masse zu orientieren, nicht aufzufallen. Die Gefahr ist da, dass zu viele Menschen in zu vielen Situationen keine Maske mehr tragen. Es wäre auch eine Aufgabe der Politik, jetzt stärker zu appellieren, zum Beispiel mit einer Botschaft wie: „Leute, jetzt seid ihr wieder dran – bitte zeigt Verantwortung!“

Funktioniert Selbstverantwortung anderswo auf der Welt besser?
Als ich vor 15 Jahren in China und Japan war, liefen damals bereits Leute mit Maske herum. Wir Europäer haben diese Menschen als Hypochonder belächelt. Wir müssen dahin kommen, wo diese Völker schon früher waren.

Wenn ich einen Verdacht auf eine Infektion habe, muss ich einen Mund-Nasenschutz tragen, auch wenn andere das nicht tun. In der Kultur dieser Länder ist die Selbstverantwortung schon drin, auch zum Schutz Anderer. Das ist eine Art von Höflichkeit. Wenn ich Schnupfen im Winterhalbjahr habe oder mit vielen Menschen Kontakt habe, trage ich die Maske.

© Oesalzity/commons.wikimedia.org/wiki/File:Winfried_Rief.jpg/CC: BY-SA 4.0

Wie ist es mit Menschen, die sich jetzt aus Angst vor Infektionen zurückziehen?
Es ist naheliegend, dass wir in der Bevölkerung derzeit alles vorfinden: Menschen, die gut damit umgehen und andere, die kein Konzept haben für diese Situation und in Übervorsicht verharren. Oder das Extrem von Leuten, die so tun, als sei jetzt alles egal, weil Corona vorbei sei – was natürlich falsch ist.

Wie finden Menschen den Weg zurück zur Normalität?
Es ist wie immer mit der Angst: Man muss den Weg finden, mit der Angst zu leben und sich nicht hypnotisieren lassen. Wir brauchen alle ein bisschen mehr Mut, um uns Situationen mit geringem Risiko zu stellen. Wir werden unterschiedlich damit umgehen. Wenn ich der Einzige bin, der den Schutz trägt, dann ist es für mich richtig und ich muss darüberstehen, wenn man mich deswegen kritisiert.

Wie können Kinder damit umgehen, wenn sie in der Schule als Maskenträger alleine sind?
Kinder und Jugendliche in der Pubertät sind besonders abhängig von der Meinung Anderer. Man sollte sie ermutigen, zu ihren Ansichten zu stehen, auch beim Thema Maske. Zum Beispiel dann, wenn gefährdete Menschen mit im Haushalt leben.

Es geht nicht darum, andere zu missionieren, sondern den eigenen Weg zu finden. Auch wenn es bedeuten kann, dass man mit der Maske alleine dasteht. Man kann sich das vorstellen wie bei jemandem, der sich rote Haare färben lässt und das auch durchstehen will – und muss.

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