Judith Butler im HAU : Popstar der Wissenschaft zu Besuch in Berlin

Bei der Veranstaltungsreihe „Fearless Speech“ ruft die Philosophin Judith Butler zum Widerstand gegen Rechts auf. Und äußert sich zu dem Vorwurf, sie sei antisemitisch.

Rahel Jaeggi (l-r), Judith Butler und Sabine Hark im HAU.
Rahel Jaeggi (l-r), Judith Butler und Sabine Hark im HAU.Foto: André Wuntsorf

Es ist eine beliebte Taktik der Neuen Rechten, sich als eine von der „linksliberalen Mehrheit“ unterdrückte Gruppe darzustellen. Öffentliche Meinungsäußerungen und Demonstrationen werden als mutige Widerstandhandlungen gegen das vorherrschende System deklariert. Ist es in Zeiten von Pegida & Co überhaupt noch als grundsätzlich positiv zu sehen, wenn Menschen gemeinsam demonstrieren? Und wie unterscheidet man demokratische von antidemokratischen Versammlungen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die US-amerikanische Philosophin Judith Butler am Sonntagabend im Berliner Hebbel am Ufer (HAU). Im Rahmen der Reihe „Fearless Speech“ hielt sie einen Vortrag und diskutierte mit Rahel Jaeggi, Professorin für Praktische Philosophie an der HU, und Sabine Hark, Leiterin des Zentrums für Geschlechterforschung an der TU.

Der Ticketverkauf begann schon vor Wochen, doch bereits nach zwei Stunden war die Veranstaltung am HAU ausverkauft. Die rund 800 Plätze waren überwiegend von jungen Studierenden belegt. Das zeigt: Judith Butler ist ein Popstar der Wissenschaft. Butlers wegweisende Bücher „Das Unbehagen der Geschlechter“ und „Körper von Gewicht“ haben sie in den 90er Jahren zu einer der wichtigsten Denkerinnen der Gender- und Queer-Theorie gemacht. Nach den Anschlägen am 11. September beschäftigte sich die in Berkeley lehrende Professorin mit Fragen der Ethik. 2016 ist ihr Buch „Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung“ erschienen - auf diesem Werk basiert auch ihr Vortrag im HAU.

Angesichts der Strategien der Neuen Rechten dürfen Versammlungen keinesfalls romantisiert werden, so Butler in ihrem Vortrag. Sie können sowohl rassistisch als auch antirassistisch sein. Dennoch haben bestimmte Versammlungen ein utopisches Potential, indem sie aufzeigen, wie eine gerechtere und demokratischere Welt aussehen könnte. Um zwischen rechten und linken Versammlungen zu unterscheiden, gilt es erst einmal, die Ziele der Gruppe zu analysieren. Gleichzeitig sollte untersucht werden, wie ihre Struktur aussieht: ist sie antiautoritär oder versammeln sich Menschen unter einem Anführer? Auch gegen welches Weltbild eine Gruppe demonstriert, ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal.

Mut und Angst schließen sich nicht gegenseitig aus

Butler versucht, Fragen nach Formen des Widerstands mit Foucaults Konzept von furchtloser Rede zusammenzubringen, nach dem die Berliner Veranstaltungsreihe benannt ist. Es erfordere keineswegs Furchtlosigkeit, um mutig zu sein und sich politisch zu äußern, so die Philosophin. Vielmehr treten Mut und Angst oft gleichzeitig auf: Man kann Angst vor den Konsequenzen haben und sich trotzdem entschließen, aufzubegehren und öffentlich Kritik zu üben. Als Beispiel führt Butler Demonstrationen von Geflüchteten an, die Abschiebung oder Verhaftung zu fürchten haben, wenn sie von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlung Gebrauch machen.

Aber auch für die Rechte der Palästinenser auf die Straße zu gehen, erfordere vor allem in Deutschland Mut, so Butler. Damit geht sie auf Kontroversen um ihre Person ein. Als sie 2012 als erste Frau den Theodor-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt erhielt, wurde diese Entscheidung unter anderem vom Zentralrat der Juden kritisiert. Butler habe zuvor die Hamas und Hisbollah als Teil einer „globalen Linken“ bezeichnet und die von vielen als antisemitisch kritisierte BDS-Kampagne unterstützt. Butler, die selbst Jüdin ist, verteidigte sich daraufhin in mehreren öffentlichen Schriften und bestritt eine Unterstützung von Hamas und Hisbollah.

Im HAU betont sie, dass sie nicht aus Angst, als antisemitisch beschimpft zu werden, aufhören könne, ungerechte Situationen als ungerecht zu bezeichnen. Viele Jüdinnen und Juden würden Israel nicht als ihren Staat wahrnehmen und auch die Linke in Israel siehe die Politik Israels sehr kritisch. Butler fragt sich, warum die deutsche Linke nicht enger mit der israelischen Linke zusammenarbeitet. Gleichzeitig spricht sie sich klar gegen Antisemitismus aus, den es genauso zu bekämpfen gilt wie jede andere Form von Rassismus. Butler ruft zum Widerstand gegen jene auf, die sich die Sprache der Unterdrückten aneignen, um selbst zu unterdrücken. Alle Rechten also, die sich als die Opfer von demokratischen Bemühungen um mehr Gleichheit und Gerechtigkeit sehen. 

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