• Radfahrer und Unfallforscher streiten über Straßendesign: Radaktivisten halten an holländischem Modell für Kreuzungen fest

Radfahrer und Unfallforscher streiten über Straßendesign : Radaktivisten halten an holländischem Modell für Kreuzungen fest

Der Unfallforscher Siegfried Brockmann hatte das Modell sicherer Kreuzungen kritisiert. Der Verein "Changing Cities" reagiert empört.

Unfallforscher Siegfried Brockmann (mit Helm) diskutiert mit Lkw-Fahrern.
Unfallforscher Siegfried Brockmann (mit Helm) diskutiert mit Lkw-Fahrern.Foto: Jörn Hasselmann

Vor einer Woche hatte ein Praxistest zu sogenannten holländischen Kreuzungen der Unfallforschung der Versicherer Aufsehen erregt: "Die Kreuzung funktioniert nicht, und der Assistent funktioniert auch nicht", hatte der Berliner Unfallforscher Siegfried Brockmann festgestellt. Er leitet die Unfallforschung der Versicherer.

Mit Sattelschleppern hatte Brockmann getestet, ob die bei Daimler Benz angebotenen Abbiegeassistenten auch an den holländischen Kreuzungen Radfahrer erkennen. Das Ergebnis lautete: Nein. 

Fahrradaktivisten hatten Brockmann sofort nach dem Bericht vorgeworfen, nur aus Autofahrerperspektive zu urteilen. Der Verein "Changing Cities", der aus dem Volksentscheid Fahrrad hervorging, nannte den Praxistest am Mittwoch "wenig aussagekräftig". „Will Herr Brockmann sagen, dass die Holländer bisher so ziemlich alles falsch gemacht haben, nur weil der Abbiegeassistent eines Herstellers mit dieser Form der Infrastruktur nicht zurechtkommt?“, kritisierte Inge Lechner von Changing Cities. 

Bei dem holländischen Modell werden Radfahrer mit deutlichem seitlichen Abstand auf einem Radweg an die Kreuzung herangeführt. Derzeit sind in Deutschland die Radwege direkt an der Straße. 

Der Verein nannte drei Gründe, wieso holländische Kreuzungen sicherer seien: Radfahrer können die Gefahr eher erkennen und zur Not bremsen, weil sie den abbiegenden Lkw sehen. Zudem ist das Tempo sowohl von Fahrzeugen als auch von Radfahrern durch das Kreuzungsdesing geringer - beide können also bremsen. "Im deutschen Modell sehen Radfahrende bestenfalls das Blinken und sind beim ersten Lenkereinschlag im schlimmsten Fall unter den Rädern", teilte der Verein am Mittwoch mit. "Nach einem einzigen Test wird also das niederländische Kreuzungsdesign als unzureichend abgestempelt", bilanzierte der Verein.

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Fahrradaktivisten hatten sofort kritisiert, dass Brockmann die Frage der Ampelschaltung völlig ausgespart habe. "Bei konfliktfreien Ampelphasen ist eine Kreuzung immer sicherer, egal wie die Sichtverhältnisse sind", sagte Ragnhild Sørensen von Changing Cities.

Leicht zurückversetzt statt an der Einmündung einfach geradeaus: Radwege an "holländischen" Kreuzungen.
Leicht zurückversetzt statt an der Einmündung einfach geradeaus: Radwege an "holländischen" Kreuzungen.Grafik: Böttcher/Tsp

Nach dem Test hatte Siegfried Brockmann dem Land Berlin davon abgeraten, Kreuzungen nach diesem Muster zu gestalten. Die Verkehrsverwaltung will am Test mit zwei Kreuzungen festhalten. "Wir werden das niederländische Modell an die Berliner Gegebenheiten anpassen und dabei auch alle bisherigen Erfahrungen und Tests mit einbeziehen", sagte eine Sprecherin der Verkehrsverwaltung.

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Brockmann hatte bei dem Test eine holländische Kreuzung auf einer Freifläche nachstellen lassen und mit Sattelschleppern von Mercedes befahren lassen. Die Firma bietet Abbiegeassistenten als Zusatzausstattung an. „Dass Mercedes kein Interesse hat, seine Abbiegeassistenten neu zu entwickeln, ist verständlich", kritisierte Changing Cities. Wie berichtet, sind die Geräte für deutsche Kreuzungen entwickelt worden, bei denen Radfahrer dicht neben den Lkw fahren.

Für Fahrradfahrer sind nach rechts abbiegende Lastwagen eine der größten Gefahren im Verkehr, jedes Jahr sterben mehrere Menschen in Berlin bei einem solchen Unfall. Die entscheidende Ursache ist die Gleichzeitigkeit der beiden sich kreuzenden Verkehrsströme: Während der Lkw rechts abbiegt, darf das Fahrrad geradeaus fahren.

„Es ist im wahrsten Sinne des Wortes kreuzgefährlich, wenn ein solcher Status quo schöngeredet wird“, sagte Yvonne Hagenbach von Changing Cities.

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