Rückenschmerzen fangen früh an : „Kinder sollten rennen, klettern, springen“

Zu viel Zucker, zu viel Fett, vor allem aber zu wenig Bewegung: Die Rückenschmerzen bei Jugendlichen nehmen zu. Ein Gespräch mit Orthopäde Holger Mellerowicz über junge Wirbelsäulen, Schulranzen und Eltern als Vorbilder.

Floris Kiezebrink
Foto: Getty Images

Herr Mellerowicz, laut Robert-Koch-Institut klagt fast die Hälfte der 14- bis 17-Jährigen über Rückenschmerzen. Das war nicht immer so. Was hat sich verändert?

Rückenschmerzen sind hauptsächlich ein gesellschaftliches Problem. In vielen Familien mangelt es an Bewegung. Dabei sollten die Kinder herumrennen, springen, klettern! Früher liefen sie wenigstens noch zur Schule und spielten danach draußen. Heute werden sie mit dem Auto gefahren, sitzen vor dem Fernseher, spielen mit den Konsolen oder Handys.

Warum ist Bewegung für Kinder so wichtig?

Regelmäßige Bewegung sorgt für eine ausgeprägte Rücken- und Bauchmuskulatur. Sind die Muskeln zu schwach, um die Wirbelsäule zu stabilisieren, hat das Rückenschmerzen oder sogar eine Fehlhaltung zur Folge.

Kann schlechte Ernährung auch ein Grund für Rückenschmerzen sein?

Absolut. Kinder essen zu viel Zucker und Fett. Ich behandele häufig kleine Patienten mit Rückenschmerzen, die auf deren Übergewicht zurückzuführen sind. Das Gewicht drückt auf die Wirbelsäule, die im Kindesalter besonders sensibel ist, und löst so Schmerzen aus.

Gilt das gleiche Prinzip auch für Schulranzen?

Ja, nur in diesem Fall bildet der Schulranzen das Übergewicht. Dazu kommt, dass das Gewicht des Ranzens nicht unbedingt immer gleichmäßig auf dem Rücken verteilt wird. Vor allem Pubertierende tragen die bepackten Ranzen häufig quer über einer Schulter, weil es „cool“ sei. Auf Dauer ist die Belastung dann aber stark einseitig geprägt, was sich auf die Muskeln niederschlägt.

Holger Mellerowicz
Holger MellerowiczFoto: Promo

Lässt sich die Sensibilität der Wirbelsäule im Kindesalter im Vergleich zur erwachsenen Wirbelsäule mit dem Größenunterschied erklären?

Die Größe an sich spielt natürlich auch eine Rolle. Je dünner der Knochen, desto verletzbarer ist er. Der Unterschied lässt sich aber hauptsächlich auf das Wachstum zurückführen, denn die Wirbelsäule befindet sich noch in der Entwicklung. Die sogenannte Wachstumsfuge, eine knorpelige Gewebeschicht an beiden Enden des Wirbels, verknöchert bis zum 20. Lebensjahr immer mehr. Davor ist sie noch verformbar und unter großem Druck sehr empfindlich gegenüber Verletzungen, die im schlimmsten Fall ein fehlerhaftes Wachstum verursachen.

Worauf können Eltern im Alltag achten, damit der Kinderrücken gesund bleibt?

Sie sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Kinder spiegeln das Verhalten der Eltern. Fahren die Großen lieber mit dem Fahrrad, anstatt zum Autoschlüssel zu greifen, beeinflusst das die Kinder. Die Eltern sollten also bewegte Vorbilder sein. Trotzdem lässt sich nicht vermeiden, dass die Kinder mehrere Stunden am Tag sitzen. Dann ist das richtige Mobiliar unverzichtbar. Der Schreibtischstuhl sollte beispielsweise so eingestellt sein, dass die Kleinen mit den Fußflächen den Boden berühren können und die Beine im rechten Winkel stehen. Schulbücher oder iPads sollte man am besten in einem 40 Grad-Winkel abstellen, damit auch der Nacken möglichst geschont wird. Und man könnte zusammen mit den Kindern eine Rückenschule machen. Ich empfehle den Eltern allerdings immer, die Übungen in einem Bewegungsspiel zu verpacken, damit es für die Kinder nicht zu anstrengend wird.

Warum ist die Pubertät eine besonders wichtige Phase für den Kinderrücken?

Einerseits weil das Kind in der Pubertät am schnellsten wächst, andererseits, weil dann meist der Bewegungsdrang nachlässt. In dieser Wachstumsphase sieht man eine auffällige Häufung von Rückenbeschwerden bei Kindern. Mädchen pubertieren durchaus früher und sind deshalb häufiger betroffen als Jungs. Bei ihnen fängt es schon mit neun Jahren an, bei den Jungs erst ab zwölf.

[Das Gespräch führte Floris Kiezebrink. Holger Mellerowicz ist Chefarzt für Kinderorthopädie und Kindertraumatologie am Helios-Klinikum Emil von Behring. Er und sein Team behandeln alle Erkrankungen des kindlichen Skelettsystems, ob angeboren oder durch einen Unfall verursacht. Das Interview und weitere interessante Artikel rund um Rücken und Gelenke finden Sie im Gesundheitsratgeber „Tagesspiegel Orthopädie“. Das Magazin kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop, www. tagesspiegel.de/shop, Tel. 29021-520 sowie im Zeitschriftenhandel]

Sie erwähnten, dass schwerer Druck ein fehlerhaftes Wachstum der Wirbelsäule auslösen kann. Gibt es auch Erkrankungen, die Wachstumsstörungen verursachen?

Wenn ein Kind über länger anhaltende Rückenschmerzen klagt, sollte beim Facharzt abgeklärt werden, ob vielleicht eine wachstumsbedingte Krankheit vorliegt. Oft steckt Morbus Scheuermann hinter den Schmerzen. Man erkennt die Erkrankung an der deutlichen Veränderung der Wirbelsäulenkrümmung im Brust- oder Lendenwirbelsäulenbereich. Seltener kommt es zu Rachitis, eine mit Vitamin- D-Mangel verbundene Erkrankung des wachsenden Knochens, auch Englische Krankheit genannt. Oder eine Skoliose, die sich durch eine dreidimensionale Beugung und Verdrehung der Wirbelsäule äußert, bei der die Ursache in 80 Prozent der Fälle leider unklar bleibt.

Wie werden diese Krankheiten behandelt?

Ich verwende in der Klinik immer eine sogenannte Stufenbehandlung. Das heißt: Der kleine Patient wird zunächst konservativ behandelt, bevor eine Operation überhaupt in Frage kommt. Die erste Stufe beinhaltet Muskelkräftigung und Krankengymnastik, um die Beschwerden zu beheben, manchmal auch unter Begleitung von Medikamenten. Halten die Schmerzen trotzdem an, folgt Stufe zwei. Das Kind bekommt ein Korsett, das es unter der Kleidung trägt. Nicht wie bei den Korsetten aus früheren Zeiten, die vor allem aus Schönheitsgründen getragen wurden, hat das medizinische Korsett den Zweck, Verkrümmungen der Wirbelsäule und gleichzeitig auch den Schmerzen entgegenzuwirken. Um die Wirkung zu erzielen, sollte das Kind allerdings das Korsett fast durchgängig anbehalten.

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