zum Hauptinhalt
Immer nur das eigene Kind anschubsen? Auch das daneben will geschaukelt werden!
© Jens Kalaene/dpa

Helikopter-Eltern im Prenzlauer Berg: „Schubst doch mal mein Kind an!“

Viele Mütter und Väter sind die reinsten Glucken auf dem Spielplatz. Doch der Nachwuchs verdient mehr Vertrauen – und andere Eltern auch, findet unsere Autorin.

Ein sonniger Samstagvormittag auf einem Spielplatz im Prenzlauer Berg. Die Große strolcht durchs Gebüsch, die Kleine klettert auf der Holz-Rutsch- Kombi herum. Ich freue mich von einer Bank aus über Vorsicht und Geschick der Anderthalbjährigen, über die perfekte Kombination aus ihrer Selbständigkeit und meinem Kaffee.

Plötzlich kommt eine Frau auf mich zu, das Gesicht zur Faust geballt. Ohne Einleitung raunzt sie los: „Passen Sie eigentlich noch alleine auf Ihr Kind auf, oder sollen das die anderen Eltern machen?“ Ich bin überrumpelt, sage sinnloserweise: „Die kann das alleine!“ – „Ja, sich das Genick brechen auch!“ Kopfschüttelnd zieht sie ab.

„Du kannst mich mal, du blöde Helikopter-Mutti“, denke ich sofort, während ich pflichtschuldig aufstehe und betont lässig zum Klettergerüst gehe. Als das Kind mich erblickt, macht es übermütige akrobatische Bewegungen am Abgrund, dem es sich vorher – ohne mich – nur vorsichtig genähert hat. Uijuijui, das ist aber hoch, denke ich, verbiete mir diesen Gedanken aber sofort. Was das Kind natürlich merkt, die Stimmung schlägt um. Von meiner Anwesenheit erhofft sie sich nun Hilfe bei Abenteuern, die vorher ihren Horizont überstiegen. Ich bin genervt, sie quengelt, ich quengele. Danke, Prenzlmutti. Die ignoriert mich jetzt, ihr Kind jammert: „Ich kann das nicht alleeeeiiiiine.“ Kurz Schadenfreude.

Am Abend finde ich kaum Ruhe, ich muss mich noch fertig aufregen. Aber worüber zuerst? Über diese dreisten Eltern, die denken, alle Erziehungsratgeber mit Löffeln gefressen zu haben und andere Leute maßregeln zu müssen? Über das, was sie mit ihrem Verhalten ihren eigenen Kindern antun? Drei Väter klebten auch dort am Gerüst, immer eine Hand an ihren Kindern.

Habt Ihr wirklich Angst, die brechen sich ein Bein auf der Wackelbrücke? Eher ihr Selbstvertrauen, wenn Ihr so weitermacht. Am wütendsten macht mich aber dieses „Sollen etwa andere Eltern auf ihr Kind aufpassen?“

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Der Vorwurf lässt tief blicken, und zwar nicht nur in Prenzlmuttis Überbesorgtheit, sondern auch in – Achtung, es wird groß! – unsere Gesellschaft. Ist es wirklich so absurd, auf anderer Leute Kinder ein Auge zu haben? Da kann ein Kind auf der Schaukel zehn Mal nach Papa brüllen, der es bitte anschubsen möge – geschaukelt wird stoisch nur das eigene daneben. (Aus dem wird später dann übrigens eins dieser kleinen Arschlöcher.)

Die richtige Antwort auf Prenzlmuttis dämliche Ansage wäre wohl gewesen, Ja, genau! Du passt jetzt mal zehn Minuten auf mein Kind auf, danach wechseln wir. Dann haben du und Vaddi mal wieder ein paar Minütchen quality time. Ihr habt doch in den letzten Jahren sowieso über nichts anderes als euer Kind gesprochen.

[Den Tagesspiegel-Newsletter für Pankow gibt's hier - voller Debatten, Ideen, Tipps und Terminen: leute.tagesspiegel.de]

Und nächstes Mal, wenn du dir netterweise Sorgen um mein Kind machst, sagst du einfach: „Entschuldigung, ich möchte nicht übergriffig sein, aber kommt die Kleine klar da oben? Ist echt hoch.“ Dann lässt du mir Raum für Zugeständnisse und ich kann entweder sagen „Danke, das ist nett, aber keine Sorge, ich hab‘ sie im Blick“ oder „Oh, stimmt, ich geh mal nachgucken, vielen Dank.“ Das wär toll. Für dich, mich, dein Kind, mein Kind, und, ja! die Gesellschaft. Ich würde dann dein Kind auch mal auf der Schaukel anschubsen. Wenn es nicht heulend wegrennt.

Zur Startseite