Gegen Diskriminierung an Berliner Schulen : „Lehrkräfte sind meine wichtigsten Verbündeten“

Der neue Antidiskriminierungsbeauftragte spricht über Benachteiligungen an Berliner Schulen - und über die Verdienste seiner Vorgängerin. Ein Interview.

Dervis Hizarci ist seit August Antidiskriminierungsbeauftragter für Berliner Schulen.
Dervis Hizarci ist seit August Antidiskriminierungsbeauftragter für Berliner Schulen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Dervis Hizarci, 36, ist Antidiskriminierungsbeauftragter für Schulen. Der Lehrer für Politik und Geschichte ist Mitglied des Beraterkreises des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung. Im Interview spricht er über Arten von Diskriminierung, den Umgang mit dem Thema Religion an Schulen und die Kopftuch-Debatte.

Herr Hizarci, seit August sind Sie Antidiskriminierungsbeauftragter für Berliner Schulen. Mit welchen Problemen werden Sie konfrontiert?
Das umfasst die ganze Bandbreite, die die Vielfalt des Berliner Lebens mit sich bringt. Es gibt Fälle, da werden schwarze Kinder rassistisch diskriminiert, oder Mädchen, die Kopftuch tragen. Es betrifft Eltern, die aufgrund ihrer Herkunftssprache ausgegrenzt werden, genauso wie auch Lehrkräfte. In gerade mal drei Monaten ist mir leider keine Diskriminierungsdimension erspart geblieben.

Wenden sich viele Menschen an Sie?
Ja, täglich mehrere. Aber die reinen Fallzahlen allein sagen nicht so viel aus. Diskriminierungen finden dauernd statt und sind eine alltägliche Realität.

Von wem geht Diskriminierung aus?
Wenn man von Diskriminierung spricht, geht es vor allem um eine Benachteiligung. Dass Schüler andere Schüler benachteiligen, ist seltener der Fall. Schüler beleidigen einander, grenzen sich aus, aber Benachteiligung im eigentlichen Sinne geht sehr oft von einer machthierarchischen Position aus. Es sind also eher Lehrkräfte, die Kinder, Jugendliche oder Eltern diskriminieren.

Können Sie Beispiele geben?
Ein gängiges Beispiel ist, dass Schulen wenig Sensibilität mit Mehrsprachigkeit zeigen. Das ist der Fall, wenn zum Beispiel das Sprechen anderer Sprachen auch in unterrichtsfreien Momenten nicht geduldet wird. Oder wenn Eltern, die nicht gut deutsch sprechen, keine Übersetzungshilfe bekommen. Es gibt auch Fälle, wo Lehrkräfte in guter Absicht den Schülern Unterstützungsmaßnahmen zukommen lassen, aber die Eltern nicht mitnehmen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Diagnosen. Einem Kind mit recht frischer Fluchterfahrung wird eine Lese-Schwäche attestiert, dabei hat es diese Schwierigkeiten in der Herkunftssprache nicht.

Welche Rolle spielt das Thema Religion?
Auch da kommt es häufig zu Diskriminierungen. Schulen versuchen Konflikte, die tatsächlich oder vermeintlich religiös motiviert sind, zu lösen, indem sie Schulen zu religionsfreien Orten machen möchten. So vermittelt man jedoch eher den Eindruck, dass man Religionen und Religionsgruppen ablehnt. Und das führt oft zu einer deutlichen Verschlechterung des schulischen Klimas. Abgesehen davon, dass es verfassungswidrig ist, löst man so keine Konflikte. Besser wäre es, einen guten Umgang mit religiöser und weltanschaulicher Vielfalt zu vermitteln.

Wie gelingt das?
Indem man eine wertschätzende Toleranz vorlebt und für die Anerkennung von Vielfalt wirbt. Das geht mit Begegnung auf Augenhöhe, Respekt und Akzeptanz. Eine Elternarbeit, die aus solch einer Haltung erfolgt, kann hierbei auch sehr helfen. Eltern müssen als Mitstreiter gesehen und angesprochen werden.

Über das Kopftuch wird viel gestritten. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Was Lehrkräfte angeht, gilt in Berlin das Neutralitätsgesetz. Bei Kindern und Jugendlichen plädiere ich für Offenheit und Verständnis. Wenn sich ein Lehrer Sorgen macht, ob ein Mädchen das Kopftuch freiwillig trägt, wäre es zunächst wichtig, ihr zu vermitteln: „Du bist mir wichtig, deshalb mache ich mir Gedanken darüber“. Wenn man das nicht macht, kommt bei der Schülerin nur an, dass man ein Problem mit ihr hat.

Es gibt ja auch Befürchtungen, dass Kinder, die kein Kopftuch tragen, unter Druck gesetzt werden.
Das muss man pädagogisch lösen, zum Beispiel mit Workshops, in denen Verständnis füreinander vermittelt wird. Darum geht es in Demokratien: Räume schaffen, in denen man unterschiedliche Standpunkte austauschen kann und versucht, sich zu verstehen, voneinander zu lernen und sich näherzukommen.

Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?
Vor allem bin ich als Ansprechperson und Unterstützung für die Betroffenen da. Zum Beispiel muss viel zu häufig die diskriminierte Person die Schule verlassen. Das möchte ich ändern! Ein solcher Schulwechsel ist nämlich keine Lösung, sondern ein Versagen, da die Leidtragenden weiter die Diskriminierten sind. Hier möchte ich diese schon fast etablierte Norm umkehren. Es ist meine Aufgabe, Menschen vor Diskriminierung zu schützen. Dazu zählt auch die Bekämpfung von struktureller Diskriminierung.

Was meinen Sie genau?
Es ist durch Studien nachgewiesen, dass ein Tobias für die identische Arbeit eine bessere Bewertung bekommt als ein Mahmoud. Da eine solche Benachteiligung im Einzelfall schwer nachzuweisen ist, müssen sich die Strukturen verändern. Diskriminierungssensibilität gehört in der Verwaltung wie auch in Schulen zur zeitgemäßen Professionalität. Allerdings ist das bedauerlicherweise nicht die Ausgangslage, sondern mein Ziel. Deshalb ist ein Großteil meiner Arbeit auch die Sensibilisierung dafür.

Viele reagieren abwehrend, wenn man ihnen Diskriminierung vorwirft. Wie kann man diese Haltung bei Lehrkräften aufbrechen?
Ich gehe mit einem positiven Ansatz auf sie zu. Die Lehrkräfte sind meine wichtigsten Verbündeten. Ich versuche bei Rückmeldungen sensibel zu sein. Man muss einen Unterschied machen, ob jemand ein Nazi ist oder ob jemand mal einen falschen Begriff benutzt. Wenn jemand einer diskriminierten Person helfen will, dabei den Begriff „fremdenfeindlich“ benutzt und ich ihn dann zurechtweise, dass es aber „rassistisch“ heißt, gewinne ich diese Person nicht als Verbündete. Außerdem gerät der Fokus aus dem Blick – nämlich der diskriminierten Person zu helfen.

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Haben Sie eine Handhabe, direkt in den Schulen einzugreifen?
Ich arbeite kooperativ. Wenn eine Schulleitung sagen würde, der Antidiskriminierungsbeauftragte darf nicht in die Schule, kann ich mich an die Leitung der Bildungsverwaltung, die Schulaufsicht oder andere wenden, die weisungsbefugt sind.

Wäre es gut, wenn Sie das Recht hätten, Lehrer zu sich einzuladen?
Ja, das wäre eine gute Idee. Bis jetzt gab es dafür aber noch keinen Bedarf.

Nach dem Ausscheiden Ihrer Vorgängerin Saraya Gomis gab es Unverständnis und Kritik an der Senatsverwaltung, unter anderem vom Migrationsrat. Schlägt Ihnen nun Misstrauen entgegen?
Ich denke, ich habe eine große Akzeptanz in der Berliner Bildungs- und Antidiskriminierungslandschaft. Bei der Kritik der Organisationen ging es ja nicht um mich. Ich kann aber verstehen, dass die Entscheidung von Saraya Gomis, sich nicht wieder auf die Stelle zu bewerben, für Enttäuschungen und Unruhe gesorgt hat. Denn sie hat Großes geleistet. Sie hat die Türen ins System geöffnet. Sie hat es geschafft, dass die Senatorin die Führungskräfte der Bildungsverwaltung durch eine verpflichtende diskriminierungskritische Qualifizierungsreihe schickt. Ich bin bemüht, meine Arbeit gut zu machen und die wichtige Arbeit meiner Vorgängerin fortzusetzen.

Sie sind als Kind türkischer Gastarbeiter in Neukölln aufgewachsen. Haben Sie selbst Diskriminierung erfahren?
Meine Eltern haben viele Benachteiligungen erlebt, aber stets versucht, das von uns Kindern fernzuhalten, damit wir nicht voreingenommen gegenüber „den Deutschen“ werden. Ich selbst habe in der Schule und bei der Wohnungssuche Erfahrungen gemacht, die beschämend waren. Wenn Sprüche fielen wie „Wir sind hier nicht auf dem türkischen Basar“, oder wenn es hieß, der Vermieter will keine Türken im Haus.

Aber es gab auch viele Lehrer, die sehr wertschätzend waren und meine Neugier auf die Welt geweckt haben. Zum Thema Antidiskriminierung und Antisemitismus bin ich im Studium gekommen, durch einen Workshop, bei dem es um Islamophobie und Antisemitismus ging. Das Engagement gegen Antisemitismus wurde dann mein Herzensthema und ist es immer noch.

Wie beurteilen Sie die derzeitige Lage – verschärft sich das Problem des Antisemitismus?
Antisemitismus erfährt aktuell eine besorgniserregende Normalität. Der Rechtsruck, den wir erleben, birgt sicherlich das größte Potential für zunehmenden Antisemitismus. In Jugendchats beispielsweise werden immer häufiger Nazisymbole und -parolen geteilt. In Berlin haben wir außerdem eine große Zahl an arabischen Communities, in denen Israel in den Herkunftsländern weiter dämonisiert wird. Auch da besteht ein Potential für Antisemitismus.

Wie erreicht man Jugendliche aus diesen Communities?
Indem man ihre Biografien wertschätzend und unvoreingenommen berücksichtigt und ihnen Möglichkeiten gibt Fragen zu stellen, ohne dass man sie gleich als Antisemiten abstempelt. Und noch wichtiger ist es, dass die Arbeit nicht allein auf den pädagogischen Umgang mit den anderen reduziert wird, sondern insbesondere selbstreflexiv sein muss. Sprich: Die Lehrkräfte müssen ihre eigene Voreingenommenheit und ihre Vorurteile – auch diesen Jugendlichen gegenüber – reflektieren.