Integration : Termine beim Flüchtlingsamt statt Deutschkurs

Ein Schlüssel zur Integration ist die Sprache. Doch Lehrer und Geflüchtete beklagen, das Bundesamt für Migration nehme ihnen die Zeit zum Spracherwerb.

Deutschkurs mit Lehrer Martin Wolfram (links) und Flüchtling Nabil Salim.
Deutschkurs mit Lehrer Martin Wolfram (links) und Flüchtling Nabil Salim.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Nicht „Fareht“, nicht „Faheh“, „Fahrat“, „Fahrrat“, sondern „Fahrrad“. Ein 42-jähriger Mann aus den Irak hat gerade gelernt, wie man das Wort „Fahrrad“ schreibt. Beigebracht wurde es ihm an einer Tafel, die in einem kleinen Raum der Gemeinschaftsunterkunft des Unionhilfswerkes für Geflüchtete in Lichtenberg steht. Seit drei Jahren ist der gelernte Elektriker mit seiner Familie in Deutschland. Seine Frau und er sind zwei von 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Deutschkurses, der von der Flüchtlingsunterkunft angeboten wird. Volkshochschullehrer Martin Wolfram kommt extra in das Heim, denn vielen Geflüchteten ist es kaum möglich, in die Räume der VHS zu fahren.

Das erste Problem ist die Kinderbetreuung: Eine Kurdin muss ihre Kinder zur Schule und Kita in der Torstraße bringen, wozu sie fast eine Stunde pro Weg benötigt und daher immer früher gehen muss. Eine Frau aus Afghanistan wiederum muss ihr Kind oft mit in den Kurs bringen, sie hat erst für August einen Kitaplatz bekommen.

Bei anderen Kursteilnehmern überschneiden sich die Zeiten des Kurses mit den Kita-Öffnungszeiten der Unterkunft, sie müssen oft früher gehen. Eine Frau aus Somalia kann ihre Muttersprache nicht schreiben und hat daher große Schwierigkeiten, dem Kurs überhaupt zu folgen. Am Ende wird auch sie einen Deutschtest für Zuwanderer machen müssen.

„Wir müssen unglaublich schnell durch die Aufgaben durch“, sagt Lehrer Wolfram. Wer eine Unterrichtseinheit verpasse, habe es sehr schwer, wieder anzuschließen. Daher sei es sehr schlecht, dass immer wieder Teilnehmer fehlten. Als Gründe nennen die Kursteilnehmer neben fehlender Kinderbetreuung und Arztterminen auch die häufigen Termine beim Bundesamt für Migration (Bamf) oder beim Jobcenter mit langen Wartezeiten. So auch Rezk und seine Frau aus Ägypten, beide um die 45 Jahre alt, zwei Kinder: Am Dienstag hatten sie einen Termin beim Bamf und konnten daher nicht zum Deutschkurs kommen. Ohne Anleitung sei es ihnen sehr schwergefallen, die Lektionen zu verstehen und nacharbeiten zu können.

Flüchtlingsamt widerspricht Flüchtlingen

Das Bamf widerspricht: „Der Ausfall einer Tageseinheit kann sicher nachgelernt oder nachgeholt werden“, schreibt eine Sprecherin auf Nachfrage. Generell sei es auch möglich, Termine zu verschieben. Anhörungstermine seien wichtiger als Deutschstunden – über diese würden die Geflüchteten aber frühzeitig informiert. Zudem müssen Geflüchtete zu Terminen wie Asylantragsstellung oder Asylverfahrensberatung erscheinen.

Lehrer Wolfram findet, es könne nicht sein, dass das Flüchtlingsamt die Termine so lege, dass es den Geflüchteten nicht möglich ist, vernünftig an Deutschkursen teilzunehmen. Der Spracherwerb sei das wichtigste Mittel zur Integration, so werde es von allen Seiten, vor allem vom Bamf, heruntergebetet. Doch in der Praxis gebe man den Menschen kaum Zeit, die Sprache vernünftig zu lernen.

Wolfram fordert deshalb: Auf dem Nachweis zur Teilnahme an einem Deutschkurs sollten die Zeiten des Kurses eingetragen sein. Denn diesen Nachweis müssen die Geflüchteten ohnehin beim Bamf vorlegen. Das Amt könnte nun die asylrechtlichen Termine der Teilnehmer so planen, dass diese nicht bei den Kursen fehlen müssen.

Lehrer schreiben Beschwerdebrief

Doch nicht nur Lehrer Wolfram stört sich an den Kurszeiten. Die Dozenten der Volkshochschule Lichtenberg haben einen gemeinsamen Beschwerdebrief an das Bamf geschrieben. Sie wollen auf die „völlige Untauglichkeit der uns staatlicherseits verordneten Integrationskurskonzepte“ aufmerksam machen. Sie fordern, die Unterrichtsprogramme „grundlegend zu überarbeiten“. Die Kursgruppen seien zu groß, das Lerntempo zu hoch, heißt es in dem vierseitigen Schreiben.

Das geforderte Erreichen von Sprachniveau B1 in 600 Unterrichtseinheiten sei in den meisten Fällen nicht realisierbar, es entstünde ein enormer Zeitdruck bei der Sprachvermittlung. Angesichts des hohen Lerntempos sei eine regelmäßige Teilnahme unverzichtbar. Dies sei jedoch bei weitem nicht immer gewährleistet. „Wenn Personen sich zu einem Sprachkurs anmelden, müssen sie dazu auch praktisch in der Lage sein“, heißt es in dem Brief der Lehrer. „Die staatlichen Behörden müssen sich endlich daran halten, Termine mit den Lernenden nur außerhalb der Kurszeiten zu vereinbaren.“

Bestehensquote liegt bei 50 Prozent

Das Bamf antwortet dem Schreiben der Lehrer und widerspricht: Laut einer Befragung unter Geflüchteten hätten sich die Deutschkenntnisse der Flüchtlinge „sehr gut entwickelt“. Ein statistisch nachweisbarer Zusammenhang der Teilnehmerzahl auf die Bestehensquote der Abschlusstests lasse sich nicht feststellen. Die derzeitige Quote liege bei 50 Prozent (B1) und bei 38 Prozent (A2). Man sei bemüht, die Quote zu erhöhen. Eine Erhöhung der Stundenzahl erachte man als wenig zielführend. Vielmehr hänge der Lern- und Prüfungserfolg der Kursteilnehmenden maßgeblich von der Qualifikation der Lehrkraft ab.

„Wichtig für den Lernerfolg ist die Qualität der Kurse“

Auch sei es die Aufgabe der Kursorganisatoren, den Teilnehmern zu erklären, dass diese zu einer Teilnahme verpflichtet sind. Das sei nicht die Aufgabe des Bamf. Man werde den Ratschlag der Lehrenden prüfen, ein Info-Blatt über die Notwendigkeit der Teilnahme in der Herkunftssprache vor Beginn der Kurse zu verteilen. Derzeit fänden Überlegungen statt, in welcher Form die soziale Begleitung in Kursen verbessert werden könne.

Auch sollen die Kurse häufiger kontrolliert werden. Denn: „Wichtig für den Lernerfolg ist die Qualität der Kurse“, so die Bamf-Sprecherin. Regionalkoordinatoren kontrollieren meist unangekündigt, und führen Kurs- und Verwaltungsprüfungen durch. Seit 2012 wurden mehr als 15000 Kurse geprüft. 2018 wurden laut Bamf 4148 Kontrollen durchgeführt

Nabil Salim aus Libyen will weiter Deutsch lernen, der Kurs von Lehrer Wolfram gefällt ihm sehr gut, aber es sei sehr schwer. Seitdem er in Tripolis nach einer Demonstration gegen das Gaddafi-Regime angeschossen wurde, sitzt er im Rollstuhl und muss zur Physiotherapie. Oftmals schwänzt er jedoch die Therapie und geht lieber zum Deutschunterricht. „Ich möchte bitte eine Ausbildung zum Tischler machen“, sagt er. Lehrer Wolfram verbessert: Hier könne man durchaus „ich will“ sagen, ohne „bitte“. Salim nickt, wiederholt den Satz und sagt dann: „Ich bin mir sicher, dass ich das schaffen kann.“

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