Lernclouds : Das Schulbuch gab’s gestern

Sechs Privatschulen testen eine digitale Lernplattform des Hasso-Plattner-Instituts. In Zukunft könnte ein Spotify für Bildungsmedien entstehen.

Lehrende, unter ihnen Franciskus Van den Berghe (3.v.l.) aus Lingen, tauschen bei einem Cloud-Treffen Erfahrungen aus.
Lehrende, unter ihnen Franciskus Van den Berghe (3.v.l.) aus Lingen, tauschen bei einem Cloud-Treffen Erfahrungen aus.Foto: Promo/Franziska von Schmeling

Auf digitalen Lernplattformen wie der „Schul-Cloud“ des Hasso-Plattner-Instituts (HPI) sollen zukünftig alle Lernmaterialien von überall zugänglich sein. Schüler und Lehrer benötigen dafür ein mobiles Endgerät und einen Internetzugang. Obwohl erst die Hälfte der Entwicklungsphase vorüber ist, muss sich die HPI-Cloud gegen andere Lernclouds behaupten. Sechs Privatschulen testen mit.

Seit dem Sommer 2017 können Schulen aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Exzellenznetzwerk (MINT-EC) die HPI-Cloud gratis ausprobieren, denn bis 2021 wird das Pilotprojekt vom Bundesbildungsministerium gefördert. Unter den derzeit hundert Pilotschulen sind sechs private: drei in Niedersachsen, ein Bremer Gymnasium, eine internationale Schule in Washington D.C. (USA) und eine deutsche Schule in Quito (Ecuador). Perspektivisch sollen über das Exzellenznetzwerk hinaus noch mehr Schulen mitmachen.

Tafelbilder, Tests, Hausaufgaben, Korrekturen – alles kann über einen Browser in der Cloud erledigt werden. „Man erspart sich viel Papierkram, und das System trägt im virtuellen Raum die Bücher“, sagt Franciskus Van den Berghe, Lehrer und Cloud-Administrator am niedersächsischen Franziskusgymnasium in Lingen. Außerdem schätzt er, genau wie die Schüler, den Austausch mit der bundesweiten Cloud-Community, die online wie offline kommuniziert und die Lernplattform mitentwickelt.

Alles in der Wolke

Das Ziel der Cloud sieht auch Jürgen Obermeyer vom Ökumenischen Gymnasium in Bremen als Chance: orts- und zeitunabhängiges Lernen. „Vielleicht können eines Tages die Computerräume abgeschafft werden, deren Wartung zeit- und kostenintensiv ist und häufig von Lehrern nebenbei erledigt werden muss“, meint der Lehrer und IT-Administrator.

Wenn sich alle Lernmaterialien digital „in der Wolke“ befinden, muss sich ein altbewährtes Bildungsmedium weiterentwickeln: das Schulbuch. Zuerst wandelten sich Schulbücher zu „thematisch aufbauenden Modulen, die eine Lernplattform online bereitstellt“, sagt Annekatrin Bock vom Braunschweiger Georg Eckert Institut (GEI) für internationale Schulbuchforschung. „Perspektivisch wird ein Spotify für Bildungsmedien entstehen.“ Ähnlich wie beim webbasierten Musikstreamingdienst könnten sich Lehrer in einer Cloud eine persönliche „Lernmaterial-playlist“ zusammenstellen: Zu einem Thema „Kapitel X von Verlag Y“, zu einem anderen ein „OER von einem Start-up (Open Educational Ressource: Lernmaterial mit offener Lizenz)“. Das klingt utopisch, sei aber gar nicht so fernab von dem, was viele Lehrende bereits jahrzehntelang machen: Lernmaterialien aus verschiedenen Quellen zusammenstellen.

Das GEI begleitet die Entwicklung der HPI-Cloud wissenschaftlich: Die Studie „Schools in the Cloud“, die Ende 2019 erscheint, soll ein Wegweiser für Schulen werden, die mit Lernclouds arbeiten. Wege für die Cloud-Nutzung gibt es dabei mehrere, „je nach Ausstattung, Kollegium und Vorerfahrung mit digitalen Medien sind die Handlungsszenarien unterschiedlich“, erklärt die Wissenschaftlerin aus der Abteilung „Mediale Transformation“.

In Lingen kann die Schul-Cloud aktuell nur im kleinen Rahmen von etwa 70 Schülern getestet werden, denn sie steht noch in Konkurrenz zur Software Office 365, an die sich viele Kollegen gewöhnt haben. Van den Berghe ist aber zuversichtlich, denn die HPI-Cloud wird im Gegensatz zu Office „passgenau auf den Bedarf von Schulen programmiert“.

Noch ist die HPI-Cloud kostenlos

Sogar zwei von Schulen programmierte Lernclouds laufen im Bremer Gymnasium: Das Modellprojekt der Schule – eine Tabletklasse – testet die HPI-Cloud, die anderen Schüler benutzen „Itslearning“. „Wenn wir am Ende des Schuljahres feststellen, die Entwicklung der Schul-Cloud geht in die richtige Richtung, schaffen wir ,Itslearning’ vielleicht ab“, sagt Obermeyer. Dafür müsse die Cloud aber erst halten, was sie verspricht. „Gemessen daran, was die Cloud eines Tages mal können soll, funktioniert noch verhältnismäßig wenig“, resümiert er.

Zukünftig sollen „private und institutionelle Anbieter“ Lernmaterialien und Bildungsprodukte über die Cloud anbieten. Annekatrin Bock bewertet das positiv: „Ich denke, dem Markt für Bildungsmedien wird eine Öffnung, hinsichtlich der Anbieter, die Material beisteuern, guttun.“ Über neue Strategien der Qualitätssicherung würden alle Beteiligten aus Politik und Wirtschaft bereits nachdenken.

Annekatrin Bock kennt solche Rückmeldungen wie aus Lingen oder Bremen. „Es gibt sehr technikaffine Lehrer mit einem Portfolio an Apps, Software und Endgeräten. Diese Gruppe fragt sich: Was ist der Mehrwert der Cloud und wie lässt sie sich sinnvoll mit unseren Routinen verknüpfen?“ Schulen mit weniger Erfahrung hingegen könnten die Cloud relativ neu entdecken.

Ob die Schulen für die HPI-Cloud nach 2021 Geld bezahlen müssen, ist noch nicht klar. Die Lehrer aus Lingen und Bremen hoffen, dass sie weiterhin kostenlos bleibt oder eine Förderung bereitgestellt wird. „Als Privatschule müssen wir die Infrastruktur komplett aus eigenen Mitteln bezahlen, denn das Land Bremen stattet seine Privatschulen bundesweit am schlechtesten aus“, sagt Obermeyer.

Und dann ist da noch die Internetverbindung: Das Bremer Gymnasium verfügt schon über ein flächendeckendes W-Lan. Das würde aber nicht ausreichen, wenn 750 Schüler und 70 Lehrer permanent online arbeiteten. „Für die Cloud müsste eigentlich jede Schule einen Glasfaseranschluss haben.“ Obermeyer rechnet damit, dass „auch die fünf Milliarden Euro aus dem Digitalpakt dafür nicht reichen werden.“

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