Schutzgelderpressung in Berlin : Wie Gewerbetreibende schikaniert und erpresst werden

Restaurants, Blumenhändler und Sexläden: Immer wieder werden in Berlin Gewerbetreibende zu Opfern von Schutzgelderpressern. Und sie schweigen – aus Furcht vor Repressalien.

Eine Blumenhändlerin zahlt, je nach Kassenlage mal 50, mal 100 Euro an einen „Helfer“.
Eine Blumenhändlerin zahlt, je nach Kassenlage mal 50, mal 100 Euro an einen „Helfer“.Foto: Getty Images/iStockphoto

Ein Wintertag, 23.45 Uhr, es klingelt an der Tür. Die Hausdame, die diesen Swingerclub in einer Schöneberger Nebenstraße betreibt, will den Laden wie meist um Mitternacht schließen. Sie schaut durch den Türspion. Im Flur stehen zwei Herren, höchstens 30 Jahre alt, einer sportlich, einer mit Genießerbauch.

Die Frau, die den Laden erst einige Monate zuvor eröffnete, geht zur Tür. Sorry, sagt sie, wir machen gleich zu. Kein Problem, antwortet einer der Herren, man wolle nur kurz quatschen. Er stellt sich als Hussein vor. Und sagt, er komme im Auftrag der Familie A. – von denen habe die Dame gehört, oder? Hat sie nicht.

Hussein bleibt im Flur stehen, um die Lage zu erklären. Auf dem Film der Überwachungskamera am Eingang ist zu sehen, dass Hussein nicht mal die Hände aus den Hosentaschen nimmt. Im Kiez versuchten viele, führt der Mann aus, Geld zu verdienen. Wenn sich ein neuer Laden breitmache – und, so Husseins Vermutung, massig Geld verdiene –, müsse der was abgeben: „Geizige Leute leben gefährlich.“ Hussein sagt: In dieser Lage seien 1000 Euro pro Monat fällig, er lasse das Geld abholen.

Nicht nur Swingerclubs und Bordelle sind betroffen

Das Überwachungsvideo zeigt, dass Hussein und sein Begleiter nach nur sechs Minuten gehen. Die Hausdame steht reglos im Flur. „Ich wusste gar nicht, was ich tun sollte“, sagt die Frau. „Klar habe ich gehört, dass es so was gibt.“ Aber wie man sich darauf vorbereiten solle.

Offizielle Daten sind erwartungsgemäß rar. Wegen des Verdachts der Schutzgelderpressung ermittelt das Landeskriminalamt (LKA) in zehn bis 20 Fällen pro Jahr. Die Dunkelziffer, daran zweifeln Beamte nicht, ist um ein Vielfaches höher. Polizeisprecher Winfrid Wenzel drückt es so aus: „Phänomen- und deliktsimmanent sind in der überwiegenden Zahl der Fälle keine Strafanzeigen oder Aussagen von Geschädigten zu erwarten.“

Und es geht nicht nur um Swingerclubs, Bordelle, Sexläden. In diesem Gewerbe versuchen Erpresser es nur oft, weil deren Unternehmern nachgesagt wird, sie neigten selbst zu Schattengeschäften, weshalb sie sich vielleicht seltener an die Polizei wenden.

Viele Beamte, aber auch Anwälte und andere Milieukenner berichten, dass Kioske, Blumenläden, Friseure, Nagelstudios, Tätowierer, Casinos, Saunen, Imbisse, Restaurants und wohl auch einige Hostels regelmäßig Schutzgeld zahlten. Polizeisprecher Wenzel teilt mit, dass Lokale und Restaurants öfter betroffen seien.

Verurteilungen sind selten

Manchmal werden einige Prozent der Einnahmen gefordert, mal Hunderte Euro im Quartal, zuweilen 20 000 Euro pro Monat. Dazu kommen, was kaum zu quantifizieren ist, aufgezwungene Waren und Dienste. In der Praxis bedeutet das, Speisen von einem bestimmten Anbieter zu bestimmten Preisen kaufen oder bestimmte Türsteher beschäftigen zu müssen.

Schutzgelderpressung ist kein eigener Straftatbestand. Meist handelt es sich um Nötigung und räuberische Erpressung, dazu zuweilen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Körperverletzung. Entstehen dabei Verträge – über Getränkelieferungen etwa –, sind sie sittenwidrig.

Schon Verdachtsfälle gibt es wenige, Verurteilungen sind noch viel seltener. Aussagewillige Betroffene reichen nicht, denn pathetische Andeutungen und latente Drohungen sind vor Gericht zu wenig. Eine räuberische Erpressung liegt erst vor, wenn durch eine ganz konkrete Androhung eine bestimmte Handlung erzwungen wird. „Geizige Leute leben gefährlich“: Der Satz wäre wohl ein Grenzfall.

Die Taten erfolgen in geschlossenen Milieus

Bei Kammern, Innungen und Verbänden melden sich Betroffene in der Regel nicht. Die Taten, sagen Beamte, erfolgten oft in geschlosseneren Milieus, unter bestimmten Einwanderern und in Subkulturen. Beim Hotel- und Gaststättenverband Dehoga heißt es: Gerüchten zufolge sollen bei Gastronomen bestimmten ethnischen Hintergrunds gewisse Zwänge bestehen, Produkte aus der Herkunftsregion zu beziehen.

So sollen sich, berichtet ein Wirt aus Wedding, kurz nach der Eröffnung seines Orient-Grills zwei Männer bei ihm erkundigt haben: von wo er Speisen und Getränke beziehe, ob er für ein bisschen mehr Geld nicht zu einem besseren Anbieter wechseln wolle?

Für diesen Lieferanten, erzählten die Männer, hätten sich im Viertel auch andere Läden entschieden. Der Gastronom sagt, er habe abgelehnt – bislang sei nichts passiert. „Ich hätte für Fleisch und Getränke 3000 Euro mehr im Monat ausgeben müssen“, sagt er. „Das kann ich mir nicht leisten.“

Nicht nur in Neukölln, Wedding, Schöneberg – von wo dem Tagesspiegel öfter Derartiges berichtet wird – gibt es solche Fälle. Vor drei Jahren in einem Club in Friedrichshain, ein Dancefloor, zwei Tresen, 50 Männer und Frauen trinken und tanzen. Die Tür bewacht ein Mann, der Volltrunkene vom Eintritt abhält, denn der Laden ist ohnehin gut besucht. An jenem Abend stehen plötzlich zehn, elf, zwölf Rocker vor der Tür. Ihre Autos haben sie offenbar um die Ecke geparkt.

Rocker legte Tätowierer erstochenes Schaf vor die Tür

Der Türsteher verwehrt den Rockern den Zutritt. Die fragen den Mann, ob er wisse, worauf er sich da einlasse. Der Türsteher sagt, er habe gedroht, die Polizei zu rufen. An den Türen vieler Clubs hatten Beamte des Rockerdezernats eine Mobilnummer für solche Fälle hinterlassen. Offenbar ahnen die Rocker, dass sie in wenigen Minuten mit einem Polizeikommando zu rechnen haben, und gehen.

Andere Rocker hatten vier Jahre zuvor einem Tätowierer im Berliner Umland 1000 Euro geliehen. Dafür wollten sie 25 Prozent seiner Einnahmen. Als der Mann nicht mehr zahlte, legte ihm ein Rocker ein erstochenes Schaf vor die Tür. Der Bedrohte, einst selbst verurteilter Straftäter, wandte sich an die Polizei und bekam zum Prozess Zeugenschutz: Die Rocker wurden zu Haftstrafen verurteilt.

Das klappt nicht immer. „Gerade innerhalb des S-Bahn-Ringes, dort, wo Restaurants, Kioske, Blumenläden gut laufen, müssen wir davon ausgehen, dass es in ausuferndem Maße Schutzgelderpressungen gibt“, sagt Tom Schreiber. „Kleine und mittelständische Unternehmen müssen sensibilisiert werden.“ Der SPD-Innenexperte fordert eine LKA-Hotline, an die sich Betroffene anonym wenden könnten.

Erpresser rechnen nicht mit Entschlossenheit

Tatsächlich sei sofortige Abwehr oft der beste Weg, sagt auch Sandro Mattioli. Er ist Fachautor und Vorsitzender des Vereins „Mafia? Nein, Danke!“. Erpresser rechneten oft nicht mit Entschlossenheit, sagt Mattioli, sie setzten ja auf Einschüchterung. Der Anti-Mafia-Verein war 2007 bekannt geworden. Damals hatten italienische Wirte ein Erpresserschreiben erhalten. Die Erpresser setzten auch Autos in Brand. Nach zwei Wochen konnten zwei Täter festgenommen werden, weil sich die Gastwirte ausgetauscht und an das LKA gewandt hatten.

Der Verein hat mehr als 100 Mitglieder, neben Gastwirten und Medienmachern auch Politiker. „Wer nicht sofort zur Polizei möchte“, sagt Mattioli, „kann sich an uns wenden.“ Man berate sich mit ehemaligen und aktiven Polizisten. Eine Hotline, wie SPD-Abgeordneter Schreiber sie vorschlägt, hält Mattioli für sinnvoll.

Für eine Blumenhändlerin an der Hermannstraße käme die Hotline vorerst zu spät. Die Betreiberin erzählt, dass erst ein Mann, der sich als Albaner zu erkennen gegeben haben soll, Geld forderte. Sie habe den Mann nicht provozieren wollen und habe ihm gesagt, dass sie sich das überlege. Dann kam, offenbar unabhängig vom Albaner, ein Mann, der mit türkischem Akzent gesprochen haben soll.

In dieser Gegend, so der Besucher sinngemäß zur Blumenhändlerin, gebe es oft Ärger – am besten, man arbeite mit Kiezkennern zusammen. Als der mutmaßliche Albaner wieder auftaucht, ruft die Händlerin tatsächlich den Mann mit dem Akzent an. Der kommt auch und vertreibt den Albaner. Nun zahlt die Frau je nach Kassenlage mal 50, mal 100 Euro an den „Helfer“. Überprüfen lässt sich auch dieser Fall nicht, die Frau hat keine Anzeige erstattet.

Erpresser schickten eine E-Mail

Beamte sagen, dies deute auf eine der üblichen Maschen hin: Wahrscheinlich arbeiteten beide Männer zusammen, je routinierter das wirkt, desto eher haben sie diese Masche schon öfter erprobt. Zuweilen aber werden auch Scheiben eingeworfen, Briefkästen geplündert, im Laden randaliert.

Zuletzt kamen Erpresser manchmal gar nicht mehr selbst vorbei – sondern schickten eine E-Mail. In solchen Nachrichten drohen Unbekannte dem Inhaber eines Onlineversands damit, seine Server durch gleichzeitige Massenbestellungen und Dauerseitenaufrufe lahmzulegen.

Und der Swingerclub in Schöneberg? Wenn Hussein tatsächlich für die Familie A. arbeitet, ist die Lage gefährlich. Zu den A.’s gehören Dutzende Onkel, Cousins, Söhne. Immer wieder werden nichtverwandte Handlanger für sie tätig. In einem anderen Verfahren gegen ein Familienmitglied wurde ein Zeuge niedergestochen. Die Hausdame hat mit ihrem Ehemann, einem Spediteur, gesprochen.

Ein Swingerclub, sagt die Frau, lebe nicht nur davon, dass sich Mitarbeiter und Gäste sicher fühlten, sondern auch davon, dass man ihn diskret besuchen könne. Polizei stört da vielleicht. Das hoffen die Erpresser auch.

Dieser Artikel erschien in der wöchentlichen Sonderseite "Berliner Wirtschaft". Folgen Sie uns auf Twitter für Updates: @BRLNRwirtschaft

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