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Bunt und schön wie diese Sambatänzerinnen präsentiert man sich beim Karneval der Kulturen. Nur die Gastgeber bleiben lieber blass.

© AFP

Mehr Berlin: Schwarz-Rot-Gold für alle!

Patrioten sind die Deutschen nur bei internationalen Fußballturnieren, sonst fremdeln sie mit der eigenen Kultur. Das hat gute Gründe – und doch: Die hemmungslose Ranschmeiße an die Folklore anderer ist fragwürdig.

Damit wir uns nicht missverstehen: Dies ist kein Aufruf zum Neokonservativismus, zur neuen deutschen Heimeligkeit, zum „Jetzt ist aber mal gut mit Auschwitz“. Es ist auch kein Plädoyer für eine exklusive „biodeutsche“ Kultur! Es geht nicht darum, das Deutsche Reich in seinen Grenzen von 1914 und die deutsche Sprache in ihren Grenzen von 1958 zu restituieren. Es ist kein Frontalangriff auf äußere Expressionen einer multikulturellen Gesellschaft wie Kiezdeutsch, Anglizismen und Weltmusik – Jalla, damn not, kabummkabumm [haut auf die Djembé]!

Der Karneval der Kulturen 2012 im Video:

Es ist der Versuch, etwas zusammenzudenken, was einander vermeintlich fernliegt. Äußerlich eint den eben zu Ende gegangenen Karneval der Kulturen mit den Public Viewings zur Fußball-EM, die am kommenden Freitag beginnt, nur, dass beides Großereignisse sind. Und doch ist von ihnen zusammen zu sprechen – weil beide mit dieser Kultur zu tun haben, die in diesem Land Tag für Tag neu entsteht und somit „die deutsche“ genannt werden darf. Worum genau es geht? Um die Überbetonung einer nationalen Identität an der einen, ihre Abwesenheit an der anderen Stelle. Hier der Fahnenrausch in Schwarz-Rot-Gold. Dort ein Karnevalsumzug, in dem die Landesfarben der Gastgeber – im Gegensatz zu vielen anderen – auffällig unsichtbar blieben.

Der Befund mag zunächst wenig erstaunen: Man kennt die Fixierung von Fußballfans auf die eigene Gruppe ebenso wie den Hang linksalternativer Stadtbewohner zur Überkompensation ihrer nationalen Identitätsprobleme durch hemmungslose Ranschmeiße an die Folklore anderer. Schon 1995 spottete der Schriftsteller Max Goldt über die „Ich-bin- die-Desirée-aus-Tübingen-und-habe-so-viel- Körpergefühl-wie-der-gesamte-Senegal“- Show deutscher Frauen. Bedenklich ist, dass die Desirées auch 2012 – dafür lässt sich der sambaselige Kulturenkarneval als Ausweis nehmen – abseits sportlicher Großereignisse dort die Szene beherrschen, wo nationale kulturelle Identität verhandelt wird. Sechs Jahre nachdem mit der Fußball-WM 2006 der „entspannte Patriotismus“ angeblich Einzug ins Gestenrepertoire der Deutschen gehalten hat, beschränkt er sich weiterhin auf das Anfeuern der Fußballnationalmannschaft.

Das zu hinterfragen, darf freilich nicht heißen, Geschichte zu negieren.

Das zu hinterfragen, darf freilich nicht heißen, Geschichte zu negieren. Gerade die von den Nazis missbrauchte deutsche Folklore kann nicht mit einem Fingerschnipsen wiederbelebt werden. „Wo sind eure Lieder?“ – diese Frage ließ bereits in den 1960ern der Liedermacher Franz Josef Degenhardt „die aus anderen Ländern“ an die Deutschen richten – und gab selbst die richtige Antwort: „Lehrer haben sie zerbissen, Kurzbehoste sie verklampft, braune Horden totgeschrien, Stiefel in den Dreck gestampft.“ Ein Zurück dahinter kann es nicht geben.

Die Frage bleibt aber, ob es nicht Pflicht all jener in diesem Land wäre, die an Kultur in Ein- und Mehrzahl interessiert sind, nach Wegen zu einer neuen Folklore jenseits des Fußballs zu suchen. Dass damit einem global verwurzelten Bedürfnis nach nationaler Identität genügt würde, dafür ist nicht zuletzt der Karneval der Kulturen Ausdruck: Mit so vielen Nationalitäten wird dort Jahr für Jahr der Wunsch gefeiert, eine Herkunft, Heimat, Identität zu erkennen; eine Farbe, die die Zusammensetzung „bunt“ überhaupt erst ermöglicht. Wenn da nur die Gastgeber blass bleiben, mag man das mit Respekt vor den Gästen rechtfertigen. Ganz ketzerisch könnte man freilich auch fragen, ob man sich überhaupt für die interessieren kann, wenn man sich nicht einmal bei einem solchen Anlass mit der eigenen Identität auseinandersetzt; ob man die „Anderen“ damit nicht zur Flucht vor dieser Auseinandersetzung missbraucht.

Dabei wäre es gar nicht schwer, ein guter Gastgeber zu sein. Dafür braucht es gar kein stabiles Brauchtum – dessen Pflege ist eh immer Ausdruck davon, dass das Gepflegte eigentlich bereits tot ist. Musikalisch sind ja alle Formen von Fusion denkbar – bayrisch-türkische Tanzrhythmen, friesisch-albanisches Liedermaching, Kastagnetten im Spielmannszug … Nur muss das, was im weitesten Sinne „deutsch“ ist, eben auch vorkommen. Erst dann sind Multikulti-Veranstaltungen mehr als Trommeltherapien für deutsche Identitätsprobleme. Nämlich kultureller Austausch.

Man könnte nun einfach sagen: Dann besteht die deutsche Kultur eben in Selbstaufgabe, Selbstbetrug und Fußball! Man könnte aber auch, bevor nun wieder die Sportfans die Stadt mit dem republikanischen Banner beflaggen, kurz innehalten. Und fragen, ob man die Konstitution einer nationalen kulturellen Identität, deren Existenz zu leugnen gleichbedeutend mit dem Rückzug aus einer ernst zu nehmenden Diskussion über die Zukunft des Landes wäre, dem Fußball überlassen möchte. Wer diese Frage mit „ja“ beantwortet, hat sie sich wenigstens gestellt.

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