Selbstversuch im Kaskelkiez : Wo Fuchs und Hase dem Touri gute Nacht sagen

„Visit Berlin“ will Touristen in die Randlagen der Stadt locken. Sollten Berliner da nicht mit gutem Beispiel vorangehen? Ein Selbstversuch in Lichtenberg.

Der Kaskelkiez in Lichtenberg: Ausgestorben wie eine brandenburgische Kleinstadt. Die Touristen kommen, bald.
Der Kaskelkiez in Lichtenberg: Ausgestorben wie eine brandenburgische Kleinstadt. Die Touristen kommen, bald.Foto: Thilo Rückeis

Zwei Millionen Gäste von außerhalb verbrachten die Osterfeiertage in Berlin. Angesichts dieser Massen tun die Einheimischen daher gut daran, die einschlägigen Touri-Hotspots zu meiden. Zumindest, so lange, bis das neue Tourismuskonzept greift, das die Profis von „Visit Berlin“ sich ausgedacht haben.

Statt Museumsinsel, Brandenburger Tor oder Kneipenbummel in der Simon-Dach-Straße legt die Tourismusgesellschaft den Besuchern Berlins nahe, ihr Augenmerk bitte auch auf die Sehenswürdigkeiten an den Rändern der City zu lenken. „Die Vielfalt Berlins findet sich in den Kiezen“, findet Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Weswegen deren „Potenziale“ bewusst betont werden sollen.

Doch geht die Rechnung der Senatorin auf? Das wollen wir am Ostermontag bei einem Osterspaziergang ausprobieren. Als Vorhut gewissermaßen für die Rollkoffer-Armeen, die chinesischen Reisegruppen, italienischen Großfamilien und skandinavischen Individualreisenden.

Unter den „Geheimtipps“ von der „Visit Berlin“-Website haben wir uns den Schrotkugelturm herausgepickt, das „Wahrzeichen der Victoriastadt“. 1908 wurde er erbaut, in 40 Metern Höhe ließ man Bleiplatten schmelzen, deren metallene Tropfen sich dann im freien Fall zu perfekt gerundeten Schrotkugeln formten. Nirgendwo im Bezirk Lichtenberg gehe es kieziger zu als hier, wird uns versprochen.

Schön retro, aber sowas von tote Hose

Weil die in der Gründerzeit entstandene Victoriastadt eine Insel ist, an allen vier Seiten umgeben von rauschenden Gleisanlagen. Der Zeichner Heinrich Zille hat hier gelebt, „von innen wirkt der Ort mit seiner renovierten Gründerzeitarchitektur wie ein lebendiges Museum, das in das Berlin um die Jahrhundertwende entführt“, schwärmt die Website Besser-leben-in- Lichtenberg.de. Klingt tourismustauglich.

Die Anfahrt aber gestaltet sich etwas komplizierter. Für Autos gibt es wegen einer Baustelle derzeit nur die Durchschlupfe unter den Bahnbrücken. Die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln hingegen ist ideal. Die Victoriastadt grenzt nämlich direkt ans Ostkreuz. Stolz reckt sich an der Ecke zur Marktstraße der 1913 von Alfred Grenander entworfene Backsteinkomplex der Firma Knorr-Bremse empor, heute genutzt von der Deutschen Rentenversicherung. Gegenüber befindet sich ein riesiges „Holmes Place“-Fitnesscenter.

Erst wenn die Kaskelstraße erreicht ist, nach der der Kiez auch häufig benannt wird, bescheint die Sonne erste Stuckfassaden. Noch mehr denkmalgeschützte Substanz gibt es in der Pfarrstraße. Dafür umso weniger Passanten. Ausgestorben wie eine brandenburgische Kleinstadt liegt diese urbane Idylle da. Schön retro, aber sowas von tote Hose – ob das den Besuchern gefallen würde, die sich dafür das Schloss Charlottenburg verkniffen haben?

Zille-Figuren im Jogginghosen-Outfit

Dabei wohnen hier Leute, viele sehr junge sogar, wie diverse Kita-Schilder bezeugen. „Kindertanzen im Fahrradloft“ wird in einem Schaukasten angepriesen, im „Studio Marija Jaensch“ können Handarbeitsfreudige Quilts zusammennähen. Wer im Kaskelkiez wohnt, ist zudem umweltbewusst: Er weiß, dass die Qualität des Altglases leidet, wenn er seine Flaschen samt Metalldeckeln in den Container feuert. Darum legt er die Deckel einzeln oben drauf – unsere BSR-Helden werden sie schon zusammenklauben und fachgerecht entsorgen.

Ha, jetzt öffnet sich tatsächlich doch noch eine Tür! Und heraus tritt ein mittelalter Mann mit Irokesen-Haarschnitt. Und auch ein paar Meter weiter, vor dem „Final Bistro“, lassen sich im Halbdunkel eines Baugerüsts drei weitere Gestalten ausmachen, Zille-Figuren durchaus, nur eben im heutigen Jogginghosen-Outfit.

Größte Attraktion sind zweifelsohne die „Hartungschen Säulen“

Alle Restaurants, die etwas netter aussehen, sind allerdings auch geschlossen. Bei „Nadja und Kosta“ gibt es Paninis, im „Victoria-Bistro“ wird „Berliner Bürgerbräu“ gezapft, dazu kocht man Asia-Küche. Ein „Victoria“-Hotel ist das einzige Gästehaus am Platz. Zwei Sterne, Kratzputzfassade, die Rezeption ist sonntags von 10 bis 15 Uhr geöffnet: "Bei spätere anreise rufen sie uns an", befiehlt ein Zettel an der Tür.

Größte touristische Attraktion des Kaskelkiezes sind zweifelsohne die „Hartungschen Säulen“, zwölf Pendelstützen mit antikisierenden Kapitellen, wie man sie um die Wende zum 20. Jahrhundert gerne bei Eisenbrücken verwendet hat. Funktionslos, aber mit einer in schönstem Bürokratendeutsch verfassten Erklärungstafel versehen, stehen sie im Halbkreis an der Ecke Türrschmidt- und Stadthausstraße. Gleich neben dem kleinen Park, wo die Alkis hocken.

Weit schweift der Blick über die umliegenden Gentrifizierungsgebiete

Bevor uns Fuchs und Hase hier „Gute Nacht“ sagen, streben wir dann doch der nächstgelegenen Unterführung zu, vorbei am Nagelstudio „Prestige select“ und der Spielhalle, die mit eigenen Kundenparkplatz wirbt. Ein paar Schritte nur sind es bis zur Rummelsburger Bucht. Silbrig glitzern Sonnenstrahlen auf den Wellen, weit schweift der Blick über die umliegenden Gentrifizierungsgebiete.

Schon nach ein paar Metern auf der Promenade aber sind schrottreife, zugemüllte Kähne am Ufer vertäut, auf denen offensichtlich Aussteiger hausen. Danach folgt erst ein wildes Roma-Camp, dann der Rohbau eines weitläufigen Wohnen-am-Wasser- Komplexes, gefolgt von endlosen Zäunen, die blickdicht mit Planen behängt sind. Berlin, du bist so wunderbar.

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