Selbstverwirklichung und Karriere : Von der Sehnsucht nach beruflichem Neustart

Trotz Führungsposition und Spitzengehalt: Kai Diekmann und Antje Neubauer gaben ihre Jobs auf, um noch mal neu anzufangen.

Julia Weiss
Neue Herausforderung. Auch im Chefsessel kann Routine unglücklich machen.
Neue Herausforderung. Auch im Chefsessel kann Routine unglücklich machen.Foto: Reimer/stock.adobe.com

Kai Diekmann hat sich seinen eigenen Silicon-Valley-Traum in Berlin gebaut. „Die Birkenstämme hier habe ich alle selbst mit hochgeschleppt“, sagt er. Jetzt stehen sie als Bürowände in einem Loft am Tempelhofer Ufer, in dem sein Startup Storymachine untergebracht ist. Jeden Morgen sucht sich der ehemalige „Bild“-Chefredakteur einen anderen Schreibtisch aus, ein eigenes Büro hat er nicht. Auch keine festen Arbeitszeiten. Hier fühlt er sich frei. Bei „Bild“ war das anders. „Bild ist immer auch im Krisenmodus“, sagt er heute.

Der 54-Jährige hat vor zwei Jahren seine Karriere als Journalist aufgegeben und noch mal neu angefangen. 16 Jahre lang stand er an der Spitze der Axel-Springer-Zeitung. „Ich hatte eine hohe Routine. Aber das hat auch dazu geführt, dass ich immer weniger neue Ideen hatte. 16 Jahre sind zu lang, in jeder Führungstätigkeit.“ Hinzu kam, dass er zuletzt nicht mehr Chefredakteur war, sondern Herausgeber. Das fand er total langweilig, wie er sagt. Im Januar 2017 schied er aus dem Verlag aus.

Eigentlich hatte er damals schon alles erreicht: Chefetage, Spitzengehalt, Promistatus. Er hätte sich darauf ausruhen können. Doch erfolgreiche Typen wie Diekmann suchen nach neuen Herausforderungen. Das hat die Münchner Karriereberaterin Madeleine Leitner beobachtet. Der Anspruch an das eigene Berufsleben habe sich verändert. „Früher ging es darum, Geld zu verdienen und Sicherheit zu haben“, sagt die Psychologin. „Heute streben viele nach Selbstverwirklichung.“

Lieber selber machen

Kai Diekmann denkt zum ersten Mal im Silicon Valley über einen Jobwechsel nach. Der Axel-Springer-Verlag hatte ihn 2012 in die kalifornische Heimat der erfolgreichsten Tech-Unternehmen geschickt, um Ideen für die Digitalisierung der „Bild“-Medien zu sammeln. „Das war ein Gefühl nie gekannter Freiheit“, sagt er. „Ich bin selbst Auto gefahren, ich konnte ins Café gehen, wann ich wollte.“ In Berlin wird er im Dienstwagen chauffiert. Seine Mails lesen zwei Mitarbeiter für ihn. „Ich war jahrelang fremd organisiert“, sagt er. Zurück in Berlin träumt er von der Freiheit – und davon, etwas Eigenes aufzuziehen.

Mittlerweile hat er neu angefangen – als Gründer. Gemeinsam mit Ex-„Stern“-Chefredakteur Philipp Jessen und Eventmanager Michael Mronz leitet er Storymachine. Das Start-up berät Unternehmen und Prominente bei ihrem Social-Media-Auftritt und produziert Inhalte dafür. Zum Beispiel einen Podcast für die Deutsche Bahn. 40 Menschen arbeiten im Berliner Loft: Journalisten, Werber, Techies. Viele wirken jung, hipp und im Internet aufgewachsen. Der Altersdurchschnitt liegt bei 29 Jahren.

Kai Diekmann vor einer Aufnahme in seinem alten Bild-Büro.
Kai Diekmann vor einer Aufnahme in seinem alten Bild-Büro.Foto: Mike Wolff

Im Start-up funktioniert vieles anders als in Diekmanns altem Job im Axel-Springer-Verlag. „Bild hatte wahrscheinlich die hierarchischste Redaktion Deutschlands“, sagt er. „Mein Führungsgrundsatz war ein schlichter: Hier darf jeder machen, was ich will.“ Das sei heute nicht mehr zeitgemäß. Im Berliner Loft geht es locker zu. Auf einem großen Plüschsofa arbeitet eine junge Frau mit Laptop auf den Knien. Von der Decke hängen schwere Industrielampen, die Möbel sind vintage. „Ich war selbst auf dem Flohmarkt und hab alles eingekauft“, sagt er. Diekmann betont gerne, was er alles selbst macht, dass er sich für nichts zu schade ist.

Von seiner Bekanntheit als „Bild“-Chefredakteur profitiere er jetzt noch. Obwohl Diekmann nicht gerade zu den beliebtesten Journalisten Deutschlands gehörte, komme seine Erfahrung bei den neuen Kunden gut an. Diekmann wirbt damit für sich und sein Start-up. „Ich war Bild“, steht in seinem Twitter-Profil.

Suche nach neuer Balance

Karriereberater Tom Diesbrock aus Hamburg hat beobachtet, dass der Wunsch nach Veränderung häufig im Alter zwischen 40 und 50 Jahren aufkommt. „Zu dieser Zeit ändern sich Werte“, sagt der Psychologe. „Geld und Status sind plötzlich nicht mehr so wichtig. Viele ziehen Bilanz und fragen sich: Wer will ich am Lebensende gewesen sein? Dann werden Weichen neu gestellt.“

So ist es auch bei Antje Neubauer. Die 49-Jährige ist Marketing- und PR-Chefin bei der Deutschen Bahn. Im Bahn-Tower am Potsdamer Platz sitzt sie in der 22. Etage. Von hier aus sieht sie die Glaskuppel des Bundestages von oben. Sie gehört zu den 200 oberen Führungskräften des Unternehmens. Sie mag ihren Job, ist stolz auf ihre Karriere. Trotzdem hat sie ihren Ausstieg zum kommenden Herbst verkündet. „Ich trage eine große Sehnsucht nach mehr Zeit in mir“, sagt sie. „Mein Terminkalender ist so voll, bis Sommer ist der durchgeplant.“

Bisher hatte sie immer ein Ziel vor Augen: gute Noten, Abitur, Studium, Karriere. Privates blieb dabei oft auf der Strecke. Heute findet sie es schade, keine eigenen Kinder zu haben. „Das war damals eine sehr männlich dominierte Arbeitswelt“, erinnert sie sich. Mit Ende 20 arbeitet sie beim Telekommunikationsunternehmen RWE Telliance. „Den Begriff Work-Life-Balance gab es damals noch nicht. Elternzeit für Väter war noch kein Thema“, sagt sie. Ihr war klar: Wenn sie jetzt eine Pause macht, wird es danach schwierig. Also arbeitet sie weiter.

Jetzt nimmt sie sich Zeit zum Innehalten. „Ich bin nicht ausgebrannt, ganz im Gegenteil, ich liebe meinen Job“, sagt sie. „Aber es ist oft schwierig, meine privaten Bedürfnisse damit in Einklang zu bringen.“ Dass sie ihre Entscheidung einmal bereuen könnte, glaubt sie nicht. Nach der Auszeit will sie einen anderen Job finden. „Mich reizt es, neue Herausforderungen zu suchen.“

Wunsch und Realität

Die Entscheidung hat sie sich nicht leicht gemacht. Vom ersten Gedanken bis zur Kündigung verging ein Jahr. „Was dir die Gesellschaft als Norm vorgibt, wirfst du nicht so einfach über Bord“, sagt sie. „Man hängt ja auch an seinem Kollegenteam und den Aufgaben.“ Nach dem ersten Schreck hätten aber alle Verständnis gezeigt. Eigentlich wollte Neubauer schon im Frühling aufhören. Nun bleibt sie auf Bitte ihrer Vorgesetzten noch bis zum Herbst.

Am meisten überrascht hat sie die Reaktion von Menschen, die sie nie persönlich getroffen hat. Nachdem sie der „Wirtschaftswoche“ ein Interview über ihren Ausstieg gegeben hatte, bekam sie fast 400 Mails. „Scheinbar hab ich da einen Nerv, eine Sehnsucht getroffen“, sagt sie.

Antje Neubauer nimmt sich erstmal eine Auszeit.
Antje Neubauer nimmt sich erstmal eine Auszeit.Foto: privat

Einer Forsa-Studie zufolge ist jeder dritte Erwerbstätige in Deutschland offen für einen Jobwechsel, in einer Umfrage der Personalberatung Manpower Group sogar jeder zweite. Karriereberaterin Madeleine Leitner gibt aber zu bedenken, dass nicht jeder die finanziellen Möglichkeiten eines Chefredakteurs oder einer Bahn-Managerin hat. Aber auch kleinere Veränderungen könnten zu mehr Zufriedenheit führen: Neue Aufgaben im Job, ein Abteilungswechsel im Unternehmen. Job-Coach Tom Diesbrock rät dagegen, erst einmal wild zu träumen und dann den Realitätscheck zu machen. „So finden Sie heraus, was sie wirklich wollen“, sagt er. In unglücklichen Situationen zu verharren, hält er für einen Fehler.

Einfach mal nichts tun

Dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist, musste auch Kai Diekmann feststellen. Nach seiner Kündigung ging er acht Monate lang weiterhin in sein Büro im Springer-Verlag. Das hatte ihm die Verlagsführung angeboten. Er habe erst lernen müssen, sich wieder selbst zu organisieren – Geldüberweisungen erledigen, Reisen planen und E-Mails kontrollieren. „Ich habe auf einmal Termine verpasst, ich hab' sie einfach übersehen“, sagt er.

Im Loft am Tempelhofer Ufer hängt ein Bild, das Diekmann im Schneidersitz in seinem leergeräumten Büro im Springer-Verlag zeigt. Vermisst er es manchmal, „Bild“-Chefredakteur zu sein? Sein Team fehle ihm schon. Seinen alten Beruf habe er geliebt. „Mir kam es immer so vor, als hätten sie den Job für mich erfunden“, sagt er. Seine Entscheidung habe er trotzdem nie bereut. Journalist war er lang genug.

Wenn Antje Neubauer an ihren letzten Arbeitstag denkt, ist ihr mulmig zumute. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ohne Pläne im Kopf aufgewacht ist. „Wenn das alles nicht mehr da ist, das ist schon ne Nummer“. Einfach mal nichts tun, das wird jetzt die neue Herausforderung.

Wenn das Schule macht, wenn mehr erfolgreiche Persönlichkeiten ihre sicheren Posten aufgäben, um neu durchzustarten – oder mal durchzuatmen: Der Dynamik am Standort Berlin könnte das nur helfen.

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