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Strom oder Gas? Ein Unterschied ist nicht auszumachen, das Licht bleibt weich. In der Falckensteiner Straße in Kreuzberg kann man die Strahlkraft beider Typen vergleichen

© DAVIDS

Trotz Bürgerprotesten: Senat bleibt dabei: Gasleuchten werden abgeschafft

Am Samstag haben etwa 250 Bürger für den Erhalt der Berliner Gaslaternen demonstriert. Doch die Kundgebung hat nichts geändert: Berlins Laternen werden elektrifiziert. Gnadenlos. Das spart Geld – und man sieht’s gar nicht.

Sie hängen schwarze Schleifen an die Peitschenmasten, auf jeder steht: „Verlass uns nicht!“ Sie argumentieren mit glühender Leidenschaft gegen den „Totalabriss des Kulturgutes Gasbeleuchtung in Berlin“, halten Transparente hoch für ihre „Gaslaternen mit Seele“. Am späten Samstagnachmittag schließt sich die Menschenkette rund ums Amtsgericht Charlottenburg. Etwa 250 meist ältere Bürger im Kiez an der Charlottenburger Kantstraße sind zufrieden, ihre Demonstration gegen die bevorstehende stadtweite Umrüstung der Gasbeleuchtung auf elektrischen Betrieb ist geglückt.

Doch auch der Senat ging zum Wochenende im Laternenstreit in die Offensive. Umweltstaatssekretär Christian Gaebler entgegnete den Protestlern, der Strombetrieb spare „massiv Kosten und Energie“ und verbessere „ganz erheblich“ die Umweltbilanz. Gaebler: „Bei den Gasreihenleuchten, deren Peitschenmasten meist an Hauptstraßen stehen, sind die Bauaufträge schon alle erteilt. Sie erhalten durchweg Leuchtstoffröhren.“ Die historischen Gasaufsatzleuchten in vielen Nebenstraßen, an denen das Kiezgefühl besonders entflammt, würden dagegen meist erst ab 2016 umgerüstet. Aber dann so, versichert der Staatssekretär, dass man dies anschließend gar nicht wahrnehme. „Ihr Äußeres bleibt erhalten und ebenso der warme Lichtton der vorherigen Gasbeleuchtung.“ Das sollen Leuchtdioden (LED) ermöglichen, die man dort statt der Leuchtstoffröhren einbauen will.

Um zu beweisen, dass dies keine leeren Versprechungen sind, lud der Staatssekretär am Freitagabend nach Einbruch der Dunkelheit Medienvertreter in die Falckensteinstraße am Schlesischen Tor in Kreuzberg ein. Dort betreibt seine Behörde seit einigen Wochen ein Pilotprojekt, das auch die letzten Zweifler überzeugen soll. Im Abschnitt zwischen Schlesischer und Wrangelstraße kann man an fünf Stellen jeweils gegenüberstehend zwei Aufsatzleuchten mit den historischen, gusseisernen Bündelpfeilermasten begutachten. Jedes dieser Paare ist ein Testobjekt: Auf der einen Straßenseite wird die Lampe wie bisher mit Gas befeuert, auf der anderen bereits mit Leuchtdioden (LED).

Christian Gaebler bleibt gleich vorne an der Einmündung der Falckenstein- in die Schlesische Straße stehen. Dann weist er auf die beiden dort aufragenden Eisenmasten mit den Laternenhauben und darunter angebrachten gläsernen Leuchtglocken. Es sind die klassischen Berliner Leuchten, die als besonders kiezprägend empfunden werden und vielen Bürgern vorrangig am Herzen liegen. „Quizfrage“, sagt Gaebler, „welche dieser beiden Laternen wird weiterhin mit Gas und welche mit Strom betrieben?“ Stille, niemand wagt eine Antwort, dann tippen einige – aber tatsächlich ist kein Unterschied zu erkennen. Beide Lampen verströmen ein sanftes, warmes Licht, wie man es von der Gasbeleuchtung gewohnt ist.

Demonstranten für den „grundsätzlichen Erhalt der Gasbeleuchtung“

Der Staatssekretär reibt sich zufrieden die fröstelnden Hände. „Sie sehen, hier wird dank der LED letztlich alles beim Alten bleiben.“ Man habe im Sommer 2012 auch eine Technik entwickelt, „mit der wir die historischen Laternenmasten problemlos elektrifizieren und so erhalten können.“ Bei der zur Zeit schon laufenden Umrüstung der Gasreihenleuchten auf Elektrobetrieb halte man hingegen an den Leuchtstoffröhren fest. Leuchtdioden lehne man „aus Sicherheits- und Spargründen“ ab. An Hauptstraßen brauche man helleres Licht, das die Röhren garantierten. Außerdem seien sie „sehr viel billiger“. Gleichwohl wurden auch dort Leuchtkörper mit einem warmen Lichtton ausgesucht, was allerdings umstritten ist: Die Gegner der Umrüstung bezeichnen das neue Licht als „kalt“.

Die Demonstranten setzten sich in Charlottenburg für den „grundsätzlichen Erhalt der Gasbeleuchtung“ ein. „Das ist ein einmaliger geschichtlicher Schatz, den müssen wir bewahren“, rief Bertold Kujat vom Verein Gaslichtkultur ins Megafon. Das sei „mehr wert als die Berechnungen des Senats zur Kosten-, Energie- und CO2-Einsparung, zumal man die ohnehin infrage stelle. Allerdings gaben etliche Teilnehmer der Menschenkette am Amtsgericht zu, dass sie die Debatte um die Laternen langsam verwirre. „Wer blickt da noch durch bei Begriffen wie LED, Leuchtstoffröhre, Reihenleuchte etc.“, sagen zwei ältere Anwohnerinnen, die sich fest an den Händen halten. „Wir haben einfach Angst vor zu grellem Licht und hässlichen neuen Lampen vor unserer Haustür.“ Falls „dieser Horror“ tatsächlich so nicht bevorstehe, könne man sich auch mit einem guten Kompromiss anfreunden.

Staatssekretär Christian Gaebler verwies am Freitagabend erneut auf die Vorteile der Elektrobeleuchtung. So verringert sich nach seinen Worten die CO2-Emission einer sechsflammigen Gasreihenleuchte bei Strombetrieb um rund 1,2 Tonnen pro Jahr, die Instandhaltungs- und Energiekosten sinken von jährlich 460 auf 44 Euro. Und bei den historisch aussehenden Aufsatzleuchten werde die Bilanz ganz ähnlich sein.

Deshalb hat das Umweltbundesamt dem Land Berlin vor kurzem einen 200 000-Euro-Zuschuss zugesagt. Damit will es die geplante Umwandlung von rund 700 Aufsatzleuchten im nördlichen Neukölln unterstützen, konkret: zwischen Körnerpark und Schillerkiez. Dies soll schon im kommenden Jahr geschehen. Die Umweltbehörde hat ausgerechnet, dass allein dadurch künftig 590 Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr eingespart werden.

Ein guter erster Überblick über das Thema "Gaslaternen in Berlin" mit Darstellung der verschiedenen Laternenformen findet sich auch hier auf den Seiten der Senatsverwaltung.

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