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In vielen Restaurants, Geschäften und Kultureinrichtungen können sich Besucher per Knopfdruck registrieren.

© imago images/Eibner

Tagesspiegel Plus

„Sie hilft gar nicht“: Wie sich Berliner Gesundheitsämter mit der Luca-App quälen

„Luca“ soll den Behörden das Brechen von Infektionsketten erleichtern. Doch das Tool bereitet einigen Behörden Ärger. Scheitert nun ein wichtiges Werkzeug im Kampf gegen Corona?

Mecklenburg-Vorpommern macht's, ich will es dann jetzt auch machen.“ Mit diesen Worten hatte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) Mitte März die Einführung der Luca-App in Berlin angekündigt. Die mobile Anwendung, entwickelt vom Berliner Start-up neXenio und im Frühjahr intensiv vom Musiker Smudo (Die Fantastischen Vier) beworben, galt vielen als Hoffnungsschimmer bei der Rückkehr in ein normales Leben. Durch Scannen eines QR-Codes können sich Nutzer der App seit vielen Wochen an ganz verschiedenen Orten, wie Restaurants oder Kinos, einchecken – ohne wie bisher mit Stift und Papier ihre Kontaktdaten hinterlassen zu müssen.

Die Gesundheitsämter sollen diese Daten bei einem lokalen Corona-Ausbruch nicht nur schnell und digital vorliegen haben, andere Besucher sollen allein durch die Datenabfrage des Gesundheitsamts gewarnt werden, dass sie möglicherweise Kontakt zu einem Infizierten hatten. Diese könnten sich dann schon vor der Kontaktaufnahme durch das Gesundheitsamt isolieren.

So weit die Theorie. Doch nur wenige Wochen nach der Einführung von Luca macht sich Ernüchterung breit in den Berliner Bezirken. Mehrere Gesundheitsämter halten die Anwendung, deren einjährige Lizenz das Land Berlin rund 1,2 Millionen Euro gekostet hat, für nutzlos und werfen den Betreibern von Luca vor, bei Fragen nicht erreichbar zu sein.

Nicolai Savaskan, Leiter des Gesundheitsamtes Berlin-Neukölln, vor dem Gesundheitsamt
Nicolai Savaskan, Leiter des Gesundheitsamtes Berlin-Neukölln, vor dem Gesundheitsamt

© Jörg Carstensen/dpa

In einem Bericht, der dem Tagesspiegel vorliegt, lassen der Gesundheitsamtsleiter von Neukölln, Nicolai Savaskan, und der IT-Experte Mesut Yavuz, der mehrere Berliner Gesundheitsämter berät, kein gutes Haar an Luca. „Die Luca-App ist eine ungenutzte Anwendung in unserem Applikationsfundus ohne Anbindung zum bestehenden Softwareprogramm“, schreiben sie.

Luca sei zwar in vielen Gesundheitsämtern installiert, aber leider nicht in die bestehenden Prozesse eingebunden worden. „Es bleibt der schale Eindruck, dass die Macher der Luca-App bisher wenig Interesse daran haben, dass die Anwendung auch tatsächlich von den Gesundheitsämtern genutzt werden kann. Für uns und unsere Kollegen jedenfalls waren die Verantwortlichen wochenlang kaum erreichbar.“

IT-Fachmann Mesut Yavuz. Mit seiner Beratungsfirma YES Automation berät er auch Berliner Gesundheitsämter.
IT-Fachmann Mesut Yavuz. Mit seiner Beratungsfirma YES Automation berät er auch Berliner Gesundheitsämter.

© Fama Yavuz

Savaskan und Yavuz berichten, dass bei Anrufen niemand abgenommen habe und auch auf E-Mails habe das Unternehmen nicht geantwortet. „Es gab zwar Leute bei uns, die eine Luca-Schulung erhalten haben. Rückmeldungen auf ihre Fragen bekamen sie allerdings nicht. Support? Fehlanzeige!“

Entwicklerfirma verweist auf die eigene Technik-Hotline

Betrieben wird Luca von der culture4life GmbH. Deren Geschäftsführer Patrick Hennig schreibt auf Anfrage des Tagesspiegels zu den Vorwürfen: „Das ist sehr interessant, zumal in jeder E-Mail an die Gesundheitsämter die Telefonnummer für Gesundheitsämter steht.“ Laut Hennig hat es über die eigens eingerichtete Support-E-Mail-Adresse für Gesundheitsämter drei Anfragen aus Neukölln gegeben, die alle innerhalb von einem bis zwei Tagen beantwortet worden seien. Über die Technik-Hotline für Notfälle habe es nicht eine einzige Anfrage aus Neukölln gegeben.

Patrick Hennig und Philipp Berger, Gründer der Luca-Entwicklerfirmen neXionio und culture4life.
Patrick Hennig und Philipp Berger, Gründer der Luca-Entwicklerfirmen neXionio und culture4life.

© neXionio

Auf Nachfrage bestätigt Yavuz, dass man anfangs nicht die Kommunikationskanäle, die von culture4life eigens für die Gesundheitsämter eingerichtet worden waren, genutzt habe, sondern eine allgemeine Telefonnummer vom Impressum der Luca-Webseite wählte. Einer internen Dokumentation einer Mitarbeiterin des Neuköllner Gesundheitsamtes zufolge habe es aber auch bei direktem Kontakt mit Luca Probleme gegeben.

So sei beispielsweise die Schulung für das System nur über eine Microsoft-Anwendung angeboten worden, deren Nutzung dem Gesundheitsamt aus datenschutzrechtlichen Gründen untersagt sei. Auch das will Hennig nicht so stehen lassen: Dem Gesundheitsamt sei die Schulung über die gewünschte Software angeboten worden. „Bis jetzt gab es keine Reaktion“, so Hennig.

Was den versprochenen Nutzen betrifft, sieht es traurig aus

Nicolai Savaskan und Mesut Yavuz

Unabhängig von der Kommunikation stellen Savaskan und Yavuz auch den Gesamtnutzen der App infrage. „Was den versprochenen Nutzen der Luca-App betrifft, sieht es traurig aus“, schreiben sie. Man habe in Neukölln bisher keine brauchbaren Meldungen erhalten. Allerdings bestätigen beide, dass man über Luca überhaupt noch keine Datenabfrage gestellt habe – eben weil man bei der Einführung im Stich gelassen worden sei.

In den anderen Berliner Gesundheitsämtern gab es gemischte Erfahrungen mit der App: Das Bezirksamt Pankow betont, dass die Qualität der übermittelten Daten von der Art der Luca-Nutzung in der Location abhängig sei. „Luca ist als ergänzende Maßnahme zu sehen, ersetzt das Gespräch mit dem Location-Betreiber in aller Regel jedoch nicht“, urteilt der zuständige Bezirksstadtrat Torsten Kühne. „Die Daten erreichen uns dafür in einer einheitlichen Form mit Telefonnummer und Adresse der anwesenden Personen.“ Das führe zu Zeitersparnis bei der Nachbearbeitung.

Wie hier beim Festsaal Kreuzberg können sich Besucherinnen und Besucher vielerorts mit der Luca-App registrieren, um Kontaktdaten für einen Infektionsfall zu hinterlegen.
Wie hier beim Festsaal Kreuzberg können sich Besucherinnen und Besucher vielerorts mit der Luca-App registrieren, um Kontaktdaten für einen Infektionsfall zu hinterlegen.

© Britta Pedersen/dpa

In Reinickendorf hält man Luca für weitgehend nutzlos. „Die App hilft gar nicht, sie ist extrem ungenau, erfasst im Einzelfall riesige Personenmengen, ohne räumliche Bezüge zueinander herstellen zu können, liefert also unsinnige Zusatzinformationen, aber keine relevanten Daten“, sagt Amtsarzt Patrick Larscheid. Man bekomme derzeit keine entsprechenden Daten übermittelt, „weil die Verbreitung in Berlin zum Glück schlecht ist“.

Für „1200 Leute in einem Biergarten“ ist die App nicht konzipiert

Auch in Friedrichshain-Kreuzberg findet man, dass Luca für die Kontaktnachverfolgung „nur begrenzt nutzbar“ ist, weil viele Datensätze das Gesundheitsamt oft unvollständig erreichten. Dass die Qualität der Daten zum Großteil von den Betreibern abhänge, bestätigt auch Entwickler Hennig. „1200 Leute im Biergarten open air alle auf dem gleichen QR-Code macht keinen Sinn.“ Hier könne Luca aber nur bedingt helfen, trotzdem versuche man, mit Weiterbildungen durch Materialien und Kooperationen mit IHK und dem Hotel- und Gaststättenverband Dehoga entsprechend zu schulen.

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In den vergangenen zwei Wochen sind laut den Luca-Betreibern in Berlin 1526 Personen über einen Kontaktdatenabruf und ein mögliches Infektionsrisiko informiert worden, erklärt Hennig. Ausgelöst worden seien diese Warnungen von 32 Nachverfolgungsfällen. Das wären durchschnittlich etwas mehr als ein Fall pro Woche pro Gesundheitsamt.

Diese geringe Anzahl kann zum einen an dem immer noch relativ niedrigen Infektionsgeschehen liegen. Im besagten Zeitraum wurden in Berlin insgesamt nur 2353 Corona-Fälle gemeldet. Da etwa für die Außengastronomie keine Pflicht zur Kontakterfassung besteht, ist es durchaus wahrscheinlich, dass sich eine große Mehrheit der Infizierten gar nicht über Luca an einem Ort eingecheckt hat.

Allerdings gibt es auch jene Gesundheitsämter, die Luca gar nicht anwenden, obwohl man, anders als in Neukölln, weder Probleme mit der Technik noch mit dem Support hat. „Die Software Luca ist installiert und technisch einsatzbereit“, schreibt das Bezirksamt von Treptow-Köpenick. „Sie wird jedoch noch nicht eingesetzt, da es datenschutzrechtliche Bedenken gibt.“ Aus der Berliner Amtsarztrunde sei dazu ein einheitliches Votum über die Senatsverwaltung für Gesundheit von der Berliner Datenschutzbeauftragten eingefordert worden.

Der Bezirk Mitte hatte Anfang Mai mitgeteilt, dass die Anwendung einsatzbereit sei, es aber noch keine Fälle gegeben habe. Nun heißt es auf einmal, dass „der Einführungsprozess der Luca-App noch nicht abgeschlossen ist“. Auf weitere Nachfragen reagierte der Bezirk nicht.

Beim Land Berlin, das die Lizenz – wie zwölf andere Bundesländer – gekauft hatte, will man von diesen Problemen zumindest offiziell nichts wissen. Luca sei bisher aufgrund der niedrigen Inzidenz nur wenig zum Einsatz gekommen. „Die bisherigen Einsätze haben jedoch gezeigt, dass die angefragten Kontaktdaten gut lesbar und vollständig gewesen sind sowie problemlos zu Sormas (einer Behörden-Software zur Epidemiebekämpfung) importiert werden konnten“, heißt es von der Senatsverwaltung für Gesundheit. Es gebe regelmäßige Austauschrunden. Auch mit dem Hersteller und den bezirklichen Datenschutzbeauftragten stehe man in Kontakt.

Hinweis der Redaktion (10. August 2021): In einer früheren Version dieses Artikels fehlte die Information, dass die Entwickler der App erklären, sie hätten dem Gesundheitsamt Neukölln eine Schulung über die gewünschte Software angeboten - aber nie eine Reaktion darauf erhalten. Diese haben wir nachträglich ergänzt.

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