Sommerbad Humboldthain : Das "Tropez" verbindet Pommes mit Kunst

Nele Heinevetter will Kunst ins Schwimmbad holen - und unter die Leute bringen. Im Freibad Humboldthain ist ihr Imbiss ein Kreativ- und Projektraum.

Natalie Mayroth
Nele Heinevetter betreibt das „Tropez“ seit vergangenem Jahr und lockt damit ein ganz neues Publikum ins Freibad.
Nele Heinevetter betreibt das „Tropez“ seit vergangenem Jahr und lockt damit ein ganz neues Publikum ins Freibad.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

In fünf Reihen sitzen Menschen vor einer Bühne im Freibad Humboldthain. Samstagnachmittag, 30 Grad. Ihre Köpfe haben sie mit Handtüchern bedeckt, um einem Sonnenstich zu entgehen, während sie einer Diskussion über Aktivismus im digitalen Zeitalter lauschen. Zwischen ihnen und den regulären Freibadbesuchern – Schwimmflügelkindern, Müttern mit und ohne Kopftuch und Teenagern, die sich im Pool vergnügen, sind ein paar Meter Wiese und eine Hecke. Das Gurgeln der Wasserfilter mischt sich mit den „Mama“-Rufen, hinter der Hecke wird auf Englisch bei „Europool“ diskutiert.

Im vergangenen Jahr hat Kuratorin Nele Heinevetter den Imbiss im Freibad übernommen und auch dieses Jahr betreibt sie ihn wieder. Um Kunst ins Schwimmbad zu holen, hat Heinevetter gelernt, wie man Pommes macht. Denn der Imbiss ist die Schnittstelle, an der sich alle treffen. Es gibt Snacks, aber auch eine Ausstellung im Anbau und eben Veranstaltungen wie „Europool“, wo auch noch eine Rapperin auftrat. „Kunst kann etwas Alltägliches haben,“ sagt sie. „Wir versuchen Momente zu schaffen, die etwas mit den Leuten im Schwimmbad machen können, aber auch mit der Kunstwelt, wenn sie hierherkommt.“

"Es ist mutig, als junge Frau in Wedding einen Kiosk zu betreiben"

In Wedding ist die Kuratorin nicht unbekannt. Vor ein paar Jahren betrieb die 36-Jährige einen Kunstraum im Soldiner Kiez, war aber auch für den Kunstverein Schinkel Pavillon tätig. „Als ich erfahren habe, dass der Kiosk zu haben ist, war klar, dass ich beides machen möchte: Kunstraum und Pommes.“ Und diese Kombination hat sie „Tropez“ getauft.

Das Freibad ist nicht nur für Heinevetter ein besonderer Ort. Berliner entfliehen hier dem Alltag, Schule und Arbeit, auf der Rutsche und beim Schwimmen. Und Heinevetter lernte im Freibad ihren „Pommespaten“ Ersan Gümüsboga, vom Weddinger Schwimmbadrestaurant „Seepferdchen“ kennen.

„Es ist mutig, als junge Frau in Wedding einen Kiosk zu betreiben. Aber sie schafft das gut mit ihrem Charme“, sagt Gümüsboga, der sie beriet, welche Pommes gut schmecken und wo man Halal-Wurst kauft. „Ich habe in erster Linie das Interesse, dass mein Geschäft läuft und sie, Kunst zu zeigen. Manchmal klappt es und manchmal nicht.“ Nicht an allen Tagen ist das Freibad Humboldthain so gut besucht wie an diesem. Doch die Veränderung spricht sich rum. „Man merkt, dass die Kiosk-Mitarbeiter viel motivierter sind“, sagt Silke Schneider-Boris, die mit ihrer Tochter gekommen ist. „Eine nettere Atmosphäre“, bei der es mehr als eine Bockwurst ginge, man komme ins Gespräch.

Alle zwei Wochenenden Kunst- und Kulturprogramm

Seit Nele Heinevetter mit den Bäderbetrieben einen Fünf-Jahres-Vertrag abgeschlossen hat, arbeitet sie sechs Tage pro Woche im „Tropez“. Ihre Morgen beginnt sie mit 20 Minuten Schwimmen, das helfe gegen Stress. Der Kiosk muss sich selbst tragen, und alle zwei Wochenenden ist volles Kunst- und Kulturprogramm. Unterstützung kommt vom Hauptstadtkulturfonds.

Die Arbeit von Heinevetter und ihren Assistentinnen Leona Koldehoff und Sophie Boysen zieht ein neues Publikum an. „Zu den Veranstaltungen kommen größtenteils Studenten, die Englisch sprechen“, sagt Uta Ehrlich, die im Sommerbad arbeitet. „Man hat den Eindruck, dass sie Kunst oder Musik studieren.“ Der Eindruck täuscht wahrscheinlich nicht: Schon mehrfach sind Künstler auf Einladung von „Tropez“ im Freibad kreativ geworden oder haben Angebote für junge Badegäste gemacht.

„Nach dem ersten Jahr ist uns aufgefallen, dass unsere Hauptkundschaft Kinder sind“, sagt Nele Heinevetter. Begonnen hat das Programm in diesem Juni deshalb mit einer Unterwasserklang-Installation im Kinderbecken. Am 4. August soll ein Hip-Hop- und Theaterworkshops in Kooperation mit dem Operndorf des verstorbenen Theatermachers Christoph Schlingensief stattfinden, Ende August bietet die Künstlerin Nigin Beck einen Bastelkurs an, kurz darauf die Performerin Monster Chetwynd.

„Manche Künstler sind ganz überwältigt, wie unverstellt Kinder Fragen stellen und sich begeistern. Das ist etwas ganz anderes als vor einem abgeklärten Kunstpublikum zu stehen“, sagt Heinevetter. Anja Weigl, die „Europool“ organisiert, erinnert sich ebenfalls an zwei besondere Gäste: „Letztes Jahr haben zwei Jungs, die Bühne nach dem Konzert genutzt, um zu rappen und beatboxen.“ Heute hat sie Adam und Yazan noch nicht gesehen, vielleicht stehen sie noch an der Rutsche an.

Auch Besucherin Andrea Goetzke hat über den Kunstkontext ins Freibad gefunden. „Ich bin Fan des Programms.“ Dass an diesem Nachmittag der türkischstämmige Wissenschaftler Birkan Tas über Entwicklungen in Syrien und Kurdistan gesprochen hat, ist jedoch den wenigsten Badegästen aufgefallen. Doch das muss es auch nicht, findet das „Tropez“-Team. Alles gleichzeitig – das ist die Idee. Gesprächsrunde neben Kunstausstellung, neben Um-die-Wette-rutschen. Im Freibad muss vor allem eines stimmen: Jeder hat Spaß und es gibt Pommes.

„Tropez“ im Sommerbad Humboldthain, Wiesenstraße 1, bis 2. September geöffnet, tgl. 10-18Uhr. Kinder-Ferienprogramm bis 31. August 2018, Anmeldung unter: sonne@tropeztropez.de. Infos unter: www.tropeztropez.de

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