Spracherwerb an Volkshochschulen : Flüchtlinge erhalten bessere Deutschkurse

1000 statt 400 Lerneinheiten: Flüchtlinge werden in Berlin umfassender als bisher sprachlich ausgebildet. Auch Flüchtlinge aus sicheren Herkunftsstaaten profitieren davon.

Ein Flüchtling, der jetzt Busfahrer ist. Damit die Chancen auf eine Berufsausbildung steigen, werden die Deutschkurs verbessert.
Ein Flüchtling, der jetzt Busfahrer ist. Damit die Chancen auf eine Berufsausbildung steigen, werden die Deutschkurs verbessert.Foto: dpa

Mustafa Sakar trägt heute ein Kopftuch mit Sommerfarben, es ist ja drückend heiß in Berlin. Andererseits, die 34-Jährige kommt aus dem Irak, sie lebt erst seit drei Jahren in Berlin, sie ist Hitze gewohnt. Anstrengender ist ihr Deutschkurs für Flüchtlinge in der Volkshochschule. Mustafa Sakar arbeitet auf den B-1-Abschluss zu, Basiswissen. Sie will mal Krankenschwester werden, aber ohne B 2 geht da gar nichts.

Aber Menschen wie Mustafa Sakar wird jetzt das Leben erleichtert, Flüchtlinge erhalten mehr Zeit, um die schwierige Sprache Deutsch zu lernen. Der Basiskurs, 400 Unterrichtseinheiten, wird ab sofort auf 1000 Einheiten erhöht. Das haben die Senats-Sozialverwaltung und die Berliner Volkshochschule gestern höchst formell dokumentiert. Katarina Niewiedzial, die Integrationsbeauftragte des Landes Berlin, und Michael Weiß, als Sprecher der Berliner Volkshochschulen, unterzeichneten eine entsprechende Vereinbarung. Weiß ist eigentlich Leiter der Volkshochschule (VHS) in Mitte. Politische Regie bei dieser Zusammenarbeit führt die Senats-Sozialverwaltung.

Noch eine Neuerung: Auch die Kinderbetreuung bei den Kursen wird ausgebaut. Bisher ist es vielen Frauen nicht möglich, an Deutschkursen teilzunehmen, weil sie ihre kleinen Kinder nicht zeitweise in sichere Hände geben können. Mustafa Sakar, die für ihre zwei kleinen Kinder keinen Kitaplatz gefunden hat, ist eher eine Ausnahme.

Sie belegt einen der wenigen Kurse in Berlin mit Kinder-Betreuung. „Nur wenn die Kinder versorgt sind und ihre Mütter einen Kurs belegen, sind sie in der Lage, ein eigenständiges Leben aufzubauen“, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Montag, als sie in Weißensee mit anderen Beteiligten das neue Programm vorstellte. Bei dieser Gelegenheit erzählten auch Flüchtlinge wie Mustafa Sakar aus ihren Kurs-Erfahrungen.

Wirklich alle Flüchtlinge sollen Deutsch lernen können

Die Angebotsvergrößerung hat aber auch eine übergeordnete, bundespolitische Ebene. Berlin schert damit aus der Linie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aus. Das BAMF genehmigt Deutschkurs nur für eine bestimmte Kategorie von Flüchtlingen. Menschen aus sicheren Herkunftsstaaten gehören nicht dazu. Doch in Berlin, sagt die Integrationsbeauftragte Niewiedzial, „ist das politische Ziel, dass alle Menschen, unabhängig von ihrem Status, Deutsch lernen“.

Für den Pankower Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) ist das nicht weniger „als ein Paradigmenwechsel“ und ein „großer Erfolg“. Der Basiskurs mit 400 Unterrichtseinheiten sei nur „das Seepferdchen der deutschen Sprache“. Damit komme man im Alltag durch, „aber nicht weiter“. Weiter, das bedeutet: Nur mit ausreichend Deutschkenntnissen besitzt man die Chance auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.

Wobei ein erheblicher Teil der Kursteilnehmer erstmal überhaupt auf eine intellektuelle Grundebene gehoben werden muss, bevor überhaupt an einen Ausbildungsplatz oder einigermaßen vertretbaren Job gedacht werden kann. 27 Prozent der Kurse, sagte Elke Breitenbach, seien Alphabetisierungskurse. „Aber selbst ein Basiskurs reicht nicht für eine Ausbildung oder einen Beruf.“

27 Prozent der Kurse sind Alphabetisierungskurse

Bleibt die Frage, ob es überhaupt genügend Lehrer und Räume für dieses zusätzliche Angebot gibt. Michael Weiß, der VHS-Leiter von Mitte, gibt zu, „dass es in Berlin nicht einfach war, genügend Kursleiter zu finden“. Auch notwendige Unterrichtsräume waren lange knapp oder schlicht nicht vorhanden. Aber sowohl die Personalplanung als auch die Raumfrage sei nun gelöst, erklärte Weiß.

Der Unterricht findet nicht bloß in Volkshochschulen statt, sondern auch in Freizeiteinrichtungen oder bei Bildungsträgern. Zudem wurde darauf geachtet, dass die Lernorte vergleichsweise nahe bei den Unterkünften der Flüchtlinge liegen. 10.000 Kursplätze stehen derzeit zur Verfügung. Das bedeutet allerdings nicht automatisch 10.000 Teilnehmer. Ein Flüchtling kann verschiedene Module belegen, und jedes Modul zählt separat als Platz. Zu den einzelnen Modulen zählen zum Beispiel Informationen zum Arbeitsschutz, zum Mindestlohn oder zur Bildungsberatung. Im vergangenen Jahr gab es insgesamt 5639 Kurs-Teilnehmer.

Fast die Hälfte der Teilnehmer besteht den Kurs steht

Wie hoch die Kosten für das neue Programm sind, konnte Elke Breitenbach nicht genau sagen. Klar ist, dass die Bezirke, die Sozial-Senatsverwaltung und die Gesundheit-Senatsverwaltung sich die Kosten teilen. Die Zahl der 10.000 Plätze wird durch das neue Angebot aber ausgebaut. Die Teilnehmerzahl pro Kurs liegt im Schnitt bei 15 bis 18 Personen. Durchschnittlich beendet zwei Drittel der Teilnehmer den Kurs.

Der Rest springt aus verschiedenen Gründen ab. Den Test besteht allerdings nur gut die Hälfte der Teilnehmer. „Rund 60 Prozent“, sagt Michael Weiß, „schließen den Kurs erfolgreich ab.“ Als Krankenschwester zu arbeiten, das ist für Mustafa Sakar im Moment erst mal nur ein strategisches Ziel. Sie hat noch eine ganz andere, viel näher liegende Motivation, um schnell Deutsch zu lernen. „Ich möchte, dass ich die Lehrer verstehe.“ Und zwar schnell. Ihr ältester Sohn ist bereits in der Schule.

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