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Jedes Werk ein Unikat. Alex Molter hat zwar keine Qualifikation als Künstler – aber viel Herzblut für die Musikszene und Kreativität. 
© Sven Darmer Illustration: Felix Möller
Tagesspiegel Plus

„Ich male mit Stichsäge und Flex“: Wie ein Musikliebhaber die Berliner Clubszene retten will

Alex Molter hat sich ein klares Ziel gesetzt: Den Clubs der Hauptstadt durch die Pandemie helfen. Wie das funktioniert? Mit selbstgebauten Gitarrenskulpturen, deren Erlös den bedrohten Lieblingsorten zugute kommt.

Von Thomas Wochnik

Seit die Pandemie grassiert, kämpft die Clubkultur bekanntlich ums Überleben. Seit sie ums Überleben kämpft, entstehen Hilfsprojekte und wird allerorten betont, wie wichtig die Clubs für das Leben der Hauptstadt sind. Die meisten Aktionen kommen aus der Clubwelt selbst.

Alex Molter allerdings ist kein Clubunternehmer. Der gebürtige Berliner, Jahrgang 1974, ist vor allem Konzertgänger. Und wenn sich ein Konzertgänger im Alleingang daranmacht, die Clubs der Hauptstadt zu retten, erübrigt sich jede zusätzliche Betonung ihrer Wichtigkeit.

Molter, mit Künstlernamen „Roxxta“, arbeitet gerade an einer Serie von Gitarrenskulpturen. Mit Stichsäge und Flex formt er Leimholzplatten zu gitarrenförmigen Wandbildern aus, in die er liebevoll die Logos von Berliner Bands sowie den Berliner Bären „flext“. „Ich male mit Stichsäge und Flex“, beschreibt er seine Arbeit, die zeitlich eigentlich in seine Freizeit fällt. „Gestern stand ich hier bis Mitternacht, auch vorgestern. Und morgens müssen die Kinder um sieben in die Kita.“

Sein Atelier ist eine Werkbank in der Dachdeckerei

Tagsüber arbeitet er für den Dachdeckerbetrieb seines Schwagers, fertigt noch hier und da Auftragswerke für Privatleute. Sein Atelier ist eine Werkbank in der Dachdeckerei. Nach Feierabend wird dort noch einmal reichlich Holzstaub aufgewirbelt, es gibt schließlich viel zu tun. Bis Ende November will er so viele Stücke wie möglich schaffen, damit die anschließende Versteigerung vom Weihnachtsgeschäft profitiert.

Die fertigen Skulpturen mit den Bandlogos übergibt er an die dazugehörigen Bands, die die Werke signieren. Wichtig sei, sagt er, dass die Musiker dabei ein Beweisfoto schießen, damit keiner glaubt, Molter habe selbst mit dem Signierstift Hand angelegt. Außerdem wählt jede Band einen für ihre Laufbahn bedeutenden Club der Hauptstadt aus.

Der Erlös, den die Skulptur bei der Versteigerung erzielt, kommt vollständig diesem Club zugute, Molter selbst macht keinen Gewinn. Gitarren, die nicht weggehen, werden eingemottet, verspricht er den Käufern, alle Werke bleiben Unikate und nach der Aktion wird er keine weiteren herstellen oder verkaufen.

Der Erlös, den die Skulptur bei der Versteigerung erzielt, kommt vollständig diesem Club zugute

Einen beträchtlichen Teil seiner Jugend verbrachte Molter auf Punkrock-Konzerten in Kreuzberger Schuppen. Wie die alle hießen, weiß er gar nicht mehr, viele existierten nur kurz oder offiziell gar nicht im aufblühenden Kreuzberg der frühen Neunziger, das zuvor dreißig Jahre lang nur die Himmelsrichtungen West und dreimal Ost gekannt hatte.

Wenn man von einer Adresse Wind bekam, an der ein Konzert stieg, sei man eben hin, egal welcher Name an der Klingel stand. So habe er zunächst Kreuzberg, dann den Rest der Stadt kennengelernt. Um 1997 wurde er Marine-Touristenführer, weil er sich, wie er sagt, mit Geschichte auskannte und erschloss sich so die überirdischen Verknüpfungen der U-Bahnhöfe.

Nur konsequent, dass er schließlich auch den Berliner Luftraum eroberte und erst Flugbegleiter, dann Kabinenchef bei Air Berlin wurde. Insgesamt siebzehn Jahre lang sahen er und seine Frau, die er bei der Arbeit kennenlernte, den Fernsehturm als über der Erdkrümmung schwebende Zuhause-Markierung.

„Was würdest du tun, wenn Air Berlin mal nicht mehr wär?“ habe ihn mal eine Kollegin gefragt haben. „Irgendwas ohne Menschen“, hat Molter spaßeshalber geantwortet. Aus „ohne Menschen“ ist mittlerweile ein äußerst soziales Projekt geworden, auch wenn er nachts allein an der Werkbank steht.

Mit alter Fuchsschwanz-Säge, Raspel und einer soliden Vision baute Molter seine erste Gitarrenskulptur

Nach der Pleite seines Arbeitgebers begann er, mit Holz zu arbeiten. Das habe ihn schon immer fasziniert und Job-Angebote für Ex-Kabinenchefs seien lächerlich gewesen. Ohne handwerkliche Vorbildung, aber dafür mit alter Fuchsschwanz-Säge, Raspel und einer soliden Vision, baute er seine erste Gitarrenskulptur, „Luzifer“, die mit diabolischen Zügen bereits seine Ästhetik auf den Punkt brachte.

Auf Luzifer folgten weitere fragmentierte, gewürfelte, explodierende und in der Explosion eingefrorene Gitarrenwerke. Und weil E-Gitarren für sich, also ohne Verstärkung, nichts taugen, musste ein Objekt her, das den Rock-Kosmos vervollständigte. So entstand ein schwarzer, 2,40 Meter hoher Thron voller Rock’n’ Roll-Insignien, mit stilisierten Gitarren, Engelsflügeln und Dreizack.

Andy Sneap (r) und Rob Halford von der Heavy-Metal Band Judas Priest bei einem Auftritt auf dem Wacken-Festival 2018.
Andy Sneap (r) und Rob Halford von der Heavy-Metal Band Judas Priest bei einem Auftritt auf dem Wacken-Festival 2018.
© Axel Heimken/dpa

Als Holger Hübner, Chef des Heavy-Metal-Festivals Wacken, den Thron sah, bestellte er ihn kurzerhand in den Backstage Bereich der Metal-Band Judas Priest, wo sich Sänger Rob Halford spontan darauf fotografieren ließ.

Fortan sollten Molters Werke zur jährlich wiederkehrenden Installation des Festivals werden, bald folgten Anfragen Dritter und Kontakte zu manchen Rockstars. Wer das so war, will er aber nicht verraten, es habe etwas Anbiederndes, sich mit anderer Namen zu schmücken, sagt er. Corona und der Ausfall des Festivalsommers haben seinen Ausstellungsbetrieb auf Eis gelegt.

Sponsoren sind nicht immer leicht zu finden

Für das Clubrettungsprojekt sind mittlerweile zwanzig Gitarrenskulpturen fertig, zehn aktuell in der Mache. Wenn er seine beruflichen Verpflichtungen für zwei Monate abgeben könnte, sagt er, könne er eine am Tag fertigen. Nur streiken die alte Flex und Stichsäge zunehmend.

Rammstein-Gitarrist Richard Kruspe beim Rammstein-Konzert 2019 im Olympiastadion.
Rammstein-Gitarrist Richard Kruspe beim Rammstein-Konzert 2019 im Olympiastadion.
© Christoph Soeder/dpa

Und die Lohnarbeit zu pausieren, kann sich der vierfache Vater nicht leisten. Sponsoren sind nicht leicht zu finden, wenn man nicht anerkannt gemeinnützig ist. Nur ein netter Tischler aus der Nachbarschaft schenkte ihm ohne Aufhebens einen Stapel Leimholzplatten.

Dass er als Künstler außerhalb der Festival-Szene nicht gerade bekannt ist, ist dabei auch nicht hilfreich. „Keiner glaubt dir, wenn du einfach behauptest, du hast was zu verschenken. Die Leute erwarten irgendeinen Haken.“

[Weitere Informationen zu Alex Molters Arbeit finden Sie unter roxxta.com.]

Oder wenn man behauptet, man habe bereits Bands wie Die Ärzte, Mia, Silly, Culcha Candela, Bosshoss und Knorkator an Bord, spreche gerade mit den Beatsteaks und Rammstein. Dem Rammstein-Gitarristen Richard Kruspe sei er auf dem Markt im Prenzlauer Berg über den Weg gelaufen, erzählt Molter, habe ihn spontan angesprochen, jetzt suchten sie nur noch einen Termin für die Signierstunde.

Mit dem eigentlichen Kunstmarkt ist Molter übrigens noch nie in Berührung gekommen, mit Kuratoren, Vernissagen oder der strategischen Positionierung der eigenen Künstlermarke innerhalb seiner Diskurse. Ist auch nicht so wichtig, Künstler sei, wer Kunst macht, sagt er.

Er ist schon ein Original, zumal wenn man Ursprünglichkeit darunter versteht. Der Ursprung liegt irgendwo im Punk, vermengt mit ein wenig Beuys, ein bisschen Trash, ein bisschen des skurrilen Glamours einer anderen Zeit. Handwerkliche Ausbildung? Mitnichten. Qualifikationen als Künstler? Keine vorhanden. Mittel und Zeit? Auch nicht. Selbst auferlegtes Ziel 2020: Die Clubs der Hauptstadt retten.

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