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Stellungnahme zur „Bürger*innenversammlung“ im Olympiastadion : „12062020Olympia“ ist ein „Experiment"

Die Crowdfunding-Aktion „12062020Olympia“ erhält viel Gegenwind. Die Initiatoren verteidigen ihre Idee auf einer Pressekonferenz am Dienstag.

Carry-Ann Fuchs Sophie Kratzer
Die Initiatoren standen auch wegen der Wahl des Versammlungsorts in der Kritik: das Berliner Olympiastadion.
Die Initiatoren standen auch wegen der Wahl des Versammlungsorts in der Kritik: das Berliner Olympiastadion.Foto: Paul Zinken/dpa

Nach der Kritik an der Crowdfunding-Aktion „12062020Olympia“ haben die Initiatoren am Dienstag persönlich Stellung bezogen.

Einhorn-Gründer und Initiator Waldemar Zeiler zeigte sich unzufrieden mit der bestehenden Klimapolitik: „Wir haben ein kleines Klimapaketchen an die Hand bekommen“, sagte er und verwies auf eine aus seiner Sicht fehlende Motivation in der Politik, den drängenden Problemen der Zeit wie dem Klimawandel angemessen zu begegnen. Die Wissenschaft zeige, dass Lösungen längst vorhanden seien, daher sei es an der Zeit, diesen Lösungen eine Bühne zu bieten.

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Thomas Loew vom Institute of Sustainability Berlin bezeichnete die Aktion als ein Projekt, in dessen Verlauf Petitionen gemeinschaftlich entwickelt werden sollten. Der Politik warf er ein Demokratieversagen vor. Stattdessen verteidigte er die Idee der Crowdfunding-Aktion: „Wenn Menschen spüren, dass es Lösungen gibt, werden sie tätig“, sagte Loew. Die Vernetzung zwischen Wissenschaftlern, Aktivisten und Interessierten könne langfristig mehr Wirkung entfalten, als es derzeit geschehe.

Noch vor der inhaltlichen Auseinandersetzung müsse allerdings zuerst eine gesicherte Finanzierung stehen. „Viele Menschen in Deutschland kennen das Prinzip von Crowdfunding nicht“, sagte Zeiler. Daher sehe er das Projekt als großes Experiment mit Potenzial.

Schriftliche Äußerung zur Kritik bereits am Donnerstag

Bereits am vergangenen Donnerstag hatten sich die Initiatoren schriftlich zu Kritik geäußert.

Die Reaktionen bezogen sich unter anderem auf die Wahl des historisch belasteten Austragungsortes und die Größe der Veranstaltung, die Kosten von 1,8 Millionen Euro verursache. In der online veröffentlichten Replik heißt es hierzu: „Große Veranstaltungen unterliegen technisch, personell und organisatorisch gesetzlichen Vorgaben. Diese Vorgaben verursachen den Aufwand und die entsprechenden Kosten.“ Auch CO2-Emissionen würden kompensiert und seien in den Gesamtkosten eingerechnet.

Vorwürfe wegen der Kosten

Zudem hatte es Kritik am Exklusivcharakter der Veranstaltung durch die Ticketkosten gegeben: Um auch finanziell schwächer gestellten Interessierten eine Teilnahme zu ermöglichen, würden gemäß den Initiatoren aktuell 42 Prozent der Tickets als Soli-Ticket verkauft. Nach welchen Kriterien diese vergeben werden, sei derzeit noch offen. Trotzdem solle die Veranstaltung aber „frei von Sponsoren, Werbung oder Lobbygruppen“ bleiben.

Der „historischen Verantwortung“, die das Berliner Olympiastadion mit sich bringe, wollten sich die Initiatoren bewusst stellen, indem die Veranstaltung „der Vergangenheit des Stadions entgegensteht und unsere Zivilgesellschaft stärken wird“. Jegliche „rhetorische Blüten“, die entsprechende historische Parallelen erkennen lassen könnten, hätten die Initiatoren aus dem ursprünglichen Kampagnentext entfernt.

Rahmen und Infrastruktur für politische Initiativen

Alternative Veranstaltungsorte wie das Tempelhofer Feld verursachten ebenfalls Kosten, da auch hier eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden müsse, ließen aber eine adäquate Sicht- und Hörbarkeit vermissen. Zudem bestehe das Tempelhofer Feld in Teilen aus einem Biotop- und Artenschutzgebiet.

Hinter den Motiven der Organisatoren der Crowdfunding-Aktion stehe, „vor allem einen Rahmen und eine Infrastruktur“ für politische Initiativen bereitzustellen. Die Versammlung solle ein Forum werden, in dessen Vorfeld durch Expertengremien entsprechende Themen und Petitionen ausgearbeitet würden. Interessierte könnten sich dort im Rahmen einer Online-Plattform einbringen.

Der Politikverdrossenheit entgegenwirken

Zum Vorwurf mangelnder Diversität äußert sich das Organisationsteam so: „Wir wissen, dass ein Projekt wie unseres nur gerecht auf den Weg gebracht werden kann, wenn wir als Team dahinter selbst Diversität leben und uns unserer eigenen Privilegien bewusst sind.“ Letztendlich sei den Organisatoren wichtig, der „Politikverdrossenheit aus einem Gefühl der Machtlosigkeit heraus“ entgegenzuwirken, wie sie am Dienstag noch einmal bekräftigten. Durch die Veranstaltung wollten sie „keine demokratischen Prozesse ersetzen“, sondern die Beteiligungsformen der Zivilgesellschaft nutzen: Petitionen. Denn solche „können ein wichtiger Anfang und Anstoß sein, auf Missstände aufmerksam zu machen und über ihre Öffentlichkeit Druck auf die Politik“ auszuüben.

Die Aktion „12062020Olympia“ will im Juni 2020 bis zu 90.000 Menschen im Berliner Olympiastadion zusammenbringen, um dort gemeinsam Live-Petitionen an den Bundestag zu verabschieden. Die Finanzierung findet durch Crowdfunding statt. Neben den Ideengebern Waldemar Zeiler und Philip Siefer vom Berliner Kondom- und Tamponhersteller einhorn machen sich auch die Fridays for Future-Bewegung Berlin sowie die Scientists for Future für die Veranstaltung stark.

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