Stress in der Großstadt : Kommt mir bloß nicht zu nah!

Berlin ist voll, es wird gedrängelt – oft ohne jede Rücksicht. Diese Enge macht aggressiv. Selbst wenn man das gar nicht will. Ein Kommentar.

Zurücktreten, bitte. Zu viel Nähe bekommt den Berlinern nicht.
Zurücktreten, bitte. Zu viel Nähe bekommt den Berlinern nicht.Foto: Christoph Soeder/p-a/dpa

Ich rieche ihn, bevor ich ihn sehe. Wäre ich ein Hund, würden sich meine Nackenhaare aufstellen, ganz instinktiv. Der Typ atmet mir die Reste seines Döners in den Nacken, dabei gibt es genug Platz, die S-Bahn ist nur mittelvoll. Mein ungebetener Nachbar ist sich seiner übergriffigen Nähe anscheinend nicht bewusst.

Um ihn darauf aufmerksam zu machen, müsste ich ihn ansprechen. Darauf habe ich aber überhaupt keine Lust. Ich möchte weiter aus dem Fenster schauen, ohne jemandem zu nahe zu kommen. Und vor allem: ohne dass mir jemand zu nahe kommt.

Die Stadt ist voll, schon klar, eine gewisse Nähe ist unvermeidlich. Das müsste kein Problem sein, wenn alle nur ein bisschen Rücksicht nähmen. Leider ist das oft nicht der Fall, die Menschen in Berlin leiden unter täglichem Dichtestress. Und der kann aggressiv machen. In anderen Worten: Haltet Abstand, bleibt mir vom Leib!

„Den persönlichen Freiraum eines anderen zu respektieren, ist ein fundamentaler Aspekt der sozialen Interaktion unter Menschen“, schreibt der österreichische Psychologe Werner Stangl über Distanzzonen und Territorialität. Im städtischen Raum ist besonders die sogenannte Intime Distanz von Bedeutung, die vom direkten körperlichen Kontakt bis zu einem Abstand von etwa 60 Zentimetern reicht: „Im Normalfall werden nur sehr eng Vertraute in diese Intimzone gelassen, also Intimpartner oder enge Verwandte.“ Alle anderen würden auf eine Armlänge Abstand gehalten.

Ungewollte Nähe löst Reaktionen aus, der Körper kann beispielsweise Kampfhormone ausschütten (aufgestellte Nackenhaare!). Häufig – gerade in unauflösbaren Situationen wie in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Rolltreppe – behandeln wir den anderen als Un-Person, wenn er uns zu nahe kommt.

Stangl schreibt dazu: „Man ist unbewegt, spannt die Muskeln an, fixiert irgendeinen fernen Punkt, um Blickkontakt zu vermeiden.“ Wo es eng wird, trennt uns die Nähe also sozial voneinander, anstatt uns zusammenrücken zu lassen.

Kinder werden besonders oft bedrängt

Meine These: Kleine Menschen werden häufiger Opfer von solchen Nähe-Distanz-Störungen. Ich zähle mich dazu. Und stelle fest, dass auch Kinder im öffentlichen Raum oft besonders bedrängt werden. Eine Erinnerung: ich als vielleicht Neunjährige in der Schlange vor einer Supermarktkasse. Immer wieder rollt die Frau hinter mir ihren Einkaufswagen in meine Hacken. Sie will vorwärtskommen. Aber da bin ich! Sieht sie mich nicht?

Warteschlangen sind mir immer noch ein Graus. Ich schätze einen gewissen Abstand zu den vor mir Stehenden. Rücken die auf, lasse ich gerne etwas Platz. Doch wenn hinter mir Menschen mit Abstandsstörungen warten, werden sie in dem Moment näher rücken. Als ob der Distanz-Instinkt aufgehoben wäre. Kein Wunder, dass die Stimmung an Supermarktkassen meist besonders mies ist.

Wer die Intimzone des anderen respektiert, genießt übrigens einen angenehmen Nebeneffekt: Erwünschter Blickkontakt ist einfacher, weil der andere aus angemessenem Abstand viel leichter zu betrachten ist. Ohne Kampfhormone. Und vielleicht sogar mit einem Lächeln.

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