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Studie zu Quereinsteigern in Berlin : Forscher raten von Brennpunktzulage ab

Bertelsmann-Studie sieht Gefahr der "Stigmatisierung" und nennt andere Möglichkeiten, die Attraktivität von Brennpunktschulen für Lehrer zu steigern.

Erst die Zuckertüten, dann das Lernen. Aber mit wem? Vor allem an Grundschulen fehlen Lehrer.
Erst die Zuckertüten, dann das Lernen. Aber mit wem? Vor allem an Grundschulen fehlen Lehrer.Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

„Von Berlin lernen“ lautet der aktuelle Appell der Bertelsmann-Stiftung: Da kein Bundesland derart stark vom Lehrermangel betroffen ist wie die Hauptstadt, sollen ihre Erfahrungen den anderen Ländern, die auch alle auf einen Lehrermangel zusteuern, helfen, Fehler zu vermeiden. Aber nicht nur das: Auch Berlin selbst soll geholfen werden, mit seiner schwierigen Lage besser zurecht zu kommen. Darum haben die Bildungsforscher der Bertelsmann-Stiftung die Berliner Lage seziert und Handlungsempfehlungen gegeben.

Je ärmer die Schüler, desto mehr Quereinsteiger

Das Sezieren war nicht so schwer: Die Bildungsverwaltung hatte den Forschern Daten zur Verfügung gestellt – die zum Teil schon durch den SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck zu Tage befördert worden waren: Wie berichtet hatte er – unter Androhung rechtlicher Schritte – gegenüber Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) durchgesetzt, dass sie für jede einzelne Schule im Schuljahr 2017/2018 den Anteil der Quereinsteiger nennen musste. Dabei war herausgekommen, dass sich Quereinsteiger in den sozialen Brennpunkten ballen. Dies wurde nun näher untersucht, und es bestätigte sich: Je mehr arme Schüler, je mehr Zuwanderer und je höher die Schwänzerquote, desto mehr Quereinsteiger landen an einer Schule. Zudem stellte sich heraus, dass an jeder fünften Berliner Grundschule der Anteil von Quereinsteigern bei über zehn Prozent lag.

Eine bundesweite Lücke von 35.000 Lehrern

Das aktuelle Schuljahr wurde von den Forschern noch nicht erfasst, aber auch so ist klar, dass sich die Quereinsteigerquoten nochmal deutlich erhöht haben. Und nicht nur das: Unter den neuen 1700 Quereinsteigern sind sogar rund 800 so genannten Lehrer ohne volle Lehrbefähigung (LovL), die in der Regel noch weniger qualifiziert sind als herkömmliche Quereinsteiger, weshalb ihnen der Weg in das Referendariat verschlossen ist und sie ihre Defizite viel schwerer ausgleichen können. Insofern haben die Mahnungen und Vorschläge der Forscher seit diesem Schuljahr noch mehr an Relevanz gewonnen, zumal eine Entspannung der Lage nicht in Sicht ist: Bis zum Schuljahr 2025/2026 entsteht laut einer früheren Bertelsmann-Studie eine voraussichtliche Lücke von 35.000 Lehrkräften.

"Geringeres Vorwissen" bei Quereinsteigern - oder?

In Bezug auf die Eignung von Quereinsteigern behaupten die Autoren der Studie zwar nicht pauschal, dass diese schlecht qualifiziert seien. Allerdings verweisen sie auf „Befunde eines Projekts zur Qualifizierung von Quereinsteigern in Sachsen“, die nahelegen, „dass die Teilnehmenden bei Eintritt in den Schuldienst im Hinblick auf die fachwissenschaftlichen Inhalte tatsächlich über ein geringeres Vorwissen verfügen als grundständig ausgebildete Lehrkräfte“, wie es etwas gewunden heißt. Die Forscher schieben aber gleich hinterher, dass Quereinsteiger „zum Teil über ausgeprägtere pädagogische Vorerfahrungen – etwa als Vertretungslehrkraft verfügen. Inwiefern sich Quereinsteigende im Vergleich zu grundständig ausgebildeten Lehrkräften darin unterscheiden, wie gut sie das Lernen von Schülern unterstützen können, sei „derzeit noch unklar“.

"Es kann eine Bereicherung sein"

Allerdings weisen alle von den Forschern befragten Akteure „übereinstimmend darauf hin, dass der Einsatz von Quereinsteigern eine Bereicherung für die Schule darstellen kann“. Insbesondere die Schulleitungen betonten demnach „den Mehrwert, den Personen mit einer anderen beruflichen Perspektive und Lebenserfahrung für die Schule und den Unterricht entstehen lassen“ – wenn sie auch feststellen müssen, dass sie bei einem sehr hohen Anteil an Quereinsteigern eine adäquate Betreuung nicht realisieren zu können. Daraus schließen die Forscher, dass die Bildungsverwaltung die Aufgabe habe, den Einsatz und die Verteildung der Quereinsteiger aktiv zu steuern und zu unterstützen.

300 Euro für den Brennpunkt im Monat

Zur Frage des „Steuerns“ hatte sich die rot-rot-grüne Koalition schon vor einem Jahr Gedanken gemacht. Letztlich setzte die bildungspolitische SPD-Sprecherin Maja Lasic durch, den Brennpunktlehrern mehr Geld zu zahlen, was – nach endlosen Verhandlungen – möglicherweise ab November in einer monatlichen 300-Euro-Zulage mündet. Eine solchen Zulage sehen die Autoren der Studie aber eher negativ. Solche monetären Anreizsysteme könnten eine „weitere Stigmatisierung der Schulen bedeuten“. Auch von „Zwangsabordnungen“ wird abgeraten. Stattdessen schlagen die Forscher ein Bündel andere Maßnahmen vor:

Maximale Quote von Quereinsteigern pro Schule festlegen. Für die Umsetzung einer solchen Quote müssten Schulen, die in der Vergangenheit keine oder nur sehr wenige Quereinsteiger aufgenommen haben, für eine gewisse Zeit mit einem Aufnahmestopp für grundständig ausgebildete Lehrkräfte belegt werden“.

Strukturelle Maßnahmen wie etwa Umbau- und Sanierungsmaßnahmen der Schulgebäude oder die Ausstattung mit digitalen Endgeräten.

Weniger Pflichtstunden. Diese Option hatte Rot-Rot-Grün allerdings gerade erst verworfen, weil der Lehrermangel dann noch größer würde.

Schnellere Beförderungen oder die Übernahme von Funktionsstellen für Lehrer, die in Schulen mit sozial benachteiligter Lage arbeiten. Zu diesem Zweck solle die Zahl an Funktions- und Beförderungsstellen an Grundschulen erhöht werden.

Werben für statt schlecht reden von Brennpunktschulen: junge Kräfte über die Arbeit in sozial benachteiligten Schulen früher und besser informieren.

Zentrale Ansprechpartner für die Quereinsteiger an jeder Schule etablieren, da Quereinsteiger im Vergleich zu grundständig ausgebildeten Lehrkräften eine intensivere Betreuung und umfangreiche Information über die Organisation von Schule und Unterricht brauchen. Hierfür könnte sogar eine eigene Funktionsstelle geschaffen werden, die für diese Aufgabe eine entsprechende Entlastung erhielte.

Schulübergreifende Netzwerke zur Betreuung von Quereinsteigern sollen „basale Informationen über Schule und Unterricht aufbereiten. So könnten Aktivitäten gebündelt und die Belastungen der einzelnen Schulen reduziert werden, erwarten die Forscher. Zudem könne der Austausch zwischen den Schulen darüber entstehen, welche schulischen Maßnahmen sich bei der Qualifizierung von Quereinsteigern bewährt haben.

Mehr Verwaltungspersonal und sonstiges pädagogischem Personal soll Schulleitungen mit vielen Quereinsteigern entlasten

Teamteaching zusammen mit erfahrenen Lehrkräften soll Quereinsteigern „insbesondere zu Beginn ihres Einsatzes“ helfen, im Unterricht zurecht zu kommen.

Mentoring von Quereinsteigern durch erfahrene Lehrkräfte, die den Eintritt in den Ruhestand aufgrund des Lehrermangels aufgeschoben haben. Diesen Weg beschreitet Berlin bereits.

Schulische Willkommenskultur für Quereinsteiger könnte etwa darin bestehen, dass sie „Routinen und Materialien für den Berufseinstieg von Quereinsteigern etabliert werden“.

"Die Zulage ist das Richtige"

Besonders aufmerksam wurde die Studie am Donnerstag auch deshalb aufgenommen, weil sie die seit November geplante Brennpunktzulage als möglicherweise stigmatisierend ablehnt. Diese Einschätzung wies SPD-Bildungspolitikerin Lasic weit von sich: „Die Stigmatisierung dieser Schulen schöpft sich aus anderen Quellen“, betonte die Weddinger Abgeordnete, die selbst an Brennpunktschulen unterrichtet hat. Bei ihren Gesprächen in den Schulen habe sie aber als Botschaft mitgenommen, dass eine solche Zulage als Zeichen der Wertschätzung wahrgenommen würde. „Ich denke immer noch, dass es das Richtige ist“, sagte Lasic. Die Zulage tauge aber nicht dazu, den Schulen mehr Lehrer zu bringen: 300 Euro im Monat reichten dafür als Anreiz nicht aus. Im November klang das noch anders. Ein Missverständnis?

Die Zulage sollte zunächst im Sommer kommen, was sich aber verzögerte, weil auch Erzieher und Sozialarbeiter bedacht werden sollen. Jetzt hofft Lasic, dass das erste Geld „noch in diesem Jahr“ fließt. Für die Erzieher und Sozialarbeiter ist es noch komplizierter, zumal ein Großteil bei freien Trägern arbeitet.

"Lieber verbeamten"

"Statt Zulagen auszuloben, die neue Ungerechtigkeiten erzeugen, sollte Rot-Rot-Grün mit der Wiedereinführung der Verbeamtung schnellstens ein Kernproblem der mangelnden Attraktivität Berlins für ausgebildete Lehrer beheben," lautete der Appell der CDU-Abgeordneten Hildegard Bentele.

In Bezug auf den Vorschlag der Forscher, Quereinsteigerquoten festzulegen, sagte Lasic, es gebe die „legitime Sorge“, dass Lehrer in andere Länder abwanderten, wenn sie an Berliner Brennpunktschulen zwangsverpflichtet würden. Stattdessen gebe es jetzt die Überlegung, die „Steuerung“ zu verbessern, indem an die Stelle dezentraler Castings eine zentrale Einstellung treten könnte.

"Spaltung der Gesellschaft wird vertieft"

Der Grundschulverband nannte es „nicht hinnehmbar, dass an Schulen in einem schwierigen sozialen Umfeld weit mehr Menschen ohne genuine Lehramtsausbildung zum Einsatz kommen als in den vorwiegend bürgerlichen Stadtvierteln“. Diese gegenwärtige Berliner Praxis schmälere die Bildungschancen insbesondere von Kindern mit schwierigen Lebens- und Lernbedingungen weiter und vertiefe „ die Spaltung der Gesellschaft in Bildungsgewinner und Bildungsverlierer“. Daher befürwortet der Verband staatliche Eingriffe und Steuerung bei der Personalverteilung „zugunsten einer größeren Bildungsgerechtigkeit“. Insbesondere der Einsatz der LovL in den Hauptfächern der Schulanfangsphase müsse als „hochgradig unverantwortlich“ bezeichnet werden. Denn wenn die Grundlegung der mathematischen Bildung und die Alphabetisierung der Kinder misslinge, habe das negative Folgen für den gesamten weiteren Bildungsweg eines Kindes, warnt der Grundschulverband. Zu den Autoren der Mitteilung vom Mittwoch gehörte auch FU-Grundschulforscher Jörg Ramseger, der kürzlich im Tagesspiegel dringend vor dem Einsatz der Quereinsteiger in der Schulanfangsphase gewarnt hatte. Zudem forderte der Verband, die Lehrerbedarfsplanung „nicht länger dem Zufall zu überlassen“. Die Kltusminister müssten ddie Lehrerbedarfsplanung insgesamt „ professionalisieren und von einer traditionell reaktiven zu einer prinzipiell proaktiven Personalplanung zu wechseln“. Dazu müssen Bevölkerungswissenschaftler beauftragt werden.

"Drohender Bildungsnotstand"

Landeselternsprecher Norman Heise nannte den hohen Anteil an Quereinsteigenden in Schulen mit hohen Quoten von Schülern aus armen Familien „äußerst beunruhigend“. Gerade hier würden besondere pädagogische Erfahrungen benötigt, die Quereinsteigende nicht mitbringen könnten. Individuelle Förderungen seien an diesen Schulen besonders wichtig, würden aber nur im geringer werdenden Anteil von den grundständig ausgebildeten Lehrkräften erteilt.

Der Landeselternausschuss begrüßte daher die Handlungsempfehlungen der Bertelsmann-Stiftung, insbesondere die Empfehlung, diese Schulen den grundständig ausgebildeten Lehrkräften vor der Auswahl einer anderen Schule vorzustellen. Erfahrungsgemäß seien diese Schulen wesentlich besser als ihr Ruf, und die pädagogischen Teams in den Schulen hätten „eine wunderbare Willkommenskultur, um neue Kollegen in ihr Team aufzunehmen“.

Für den Fall, dass die Empfehlungen der Studie nicht fruchten, geht der Landeselternausschuss aber noch einen Schritt weiter und appelliert „dringend“ an ausgebildete Lehrkräfte, von sich aus an Brennpunktschulen zu wechseln, um dem „drohenden Bildungsnotstand“ entgegenzutreten „und möglichst vielen Berliner Kindern eine gleiche Bildungschance auf ihrem Lebensweg zu ermöglichen“. Schließlich gehe es um das Recht auf Bildung.

"Mehr steuern"

Auch der SPD-Abgeordnete Joschka Langenbrinck, der Anteil der Quereinsteiger an Brennpunktschulen frühzeitig thematisiert hatte, forderte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) auf, stärker das Personal der Schulen zu steuern. Wichtig sei außerdem, die jetzte eingestellten Quereinsteiger gut zu qualifizieren. Passiere das nicht, laufe Berlin Gefahr, „eine ganze Schülergeneration weniger zu fördern als sie es braucht und verdient“. Aktuell werde der Lehrermangel „auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen“.

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