Stummfilmfestival : Liebe in Zeiten der Revolution

„Das neue Babylon“ im alten Babylon - Schostakowitschs erste Filmmusik als "composer's cut"

Ein Opfer der Zensur. Der Komponist Dimitri Schostakowitsch.
Ein Opfer der Zensur. Der Komponist Dimitri Schostakowitsch.Foto: dpa

Hätte es das alte Babylon nicht gegeben, man müsste es erfinden – als Synonym für einen sehr speziellen, irgendwie zügel- und maßlosen Ort. In dem Stummfilm „Das neue Babylon“, vom Regieduo Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg gedreht und am 18. März 1929 in Leningrad uraufgeführt, ist es der Name eines Kaufhauses in Paris zu Zeiten der Commune 1871. Im Mittelpunkt stehen die Verkäuferin Louise, leidenschaftliche Kommunardin, und Jean, ein politisch unbedarfter junger Mann vom Lande, Soldat der französischen Armee. Keine gute Konstellation, wenn sich solche zwei gegensätzliche Personen ineinander verlieben. Die Geschichte geht denn auch nicht gut aus.

Mit dem Film „Das neue Babylon“ eröffnet das alte Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz, 1929 kurz vor dem Start des Tonfilms noch als Stummfilmkino eröffnet, am 29. August, 19.30 Uhr, sein „10. StummfilmLiveFestival“, das bis zum 8. September den End- und Höhepunkt der Stummfilmära präsentiert: 40 Filme aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweden, aus der Sowjetunion und den USA, alle aus dem Jahr 1929, darunter „Menschen am Sonntag“ von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer, unter Mitwirkung eines gewissen Billie Wilder, „Mutter Krauses Fahrt ins Glück“ von Phil Jutzi, Joe Mays „Asphalt“, Alfred Hitchcocks „Blackmail“, Fritz Langs „Frau im Mond“ und eben „Das neue Babylon“. Alle Vorführungen sind gratis, nur „Das neue Babylon“ kostet 25 Euro Eintritt.

Der Film nimmt musikgeschichtlich eine Sonderstellung ein: Erstmals versuchte sich der junge Dimitri Schostakowitsch an einer Filmmusik – für ihn keine ermutigende Erfahrung. „Der Dirigent ist betrunken“, sollen Zuschauer der Premierenvorstellung gerufen haben, sie geriet zu einem Fiasko. Verwunderlich war das nicht. Wenige Wochen vor der Premiere war der Film von der Zensur um etwa 30 Minuten gekürzt worden. Die in den Augen der Zensoren zu private Leidensgeschichte um Louise und Jean war zusammengeschnitten worden zugunsten der Szenen über die Leistungen des – wenngleich nicht gerade siegreichen – Kollektivs. Schostakowitsch musste seine musikalische Montage in kürzester Zeit überarbeiten. Das ist ihm nicht so gut gelungen, dass das Premierenpublikum überzeugt oder sogar zufrieden gewesen wäre.

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Im Babylon ist nun erstmals in Deutschland die ungekürzte Film- und Musikversion zu sehen und zu hören – Composer’s Cut sozusagen. Aufgeführt wird er vom Babylon Orchester Berlin unter der Leitung von Marcelo Falcão. Wenn das Stalin wüsste.

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