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Bildnummer: 14666462  Datum: 19.09.2013  Copyright: imago/Frank Sorge
19.09.2013, Berlin, GER - Pferde und Fahrer vor der Tribuene. Trabrennbahn Berlin-Karlshorst.

© imago sportfotodienst / Frank Sorge

Tagesspiegel Plus

Umstrittenes Bauprojekt auf Trabrennbahn: In Berlin-Karlshorst steht intakte Natur gegen mehr Wohnraum

200.000 neue Wohnungen sollen in Berlin entstehen, 500 davon an der Trabrennbahn Karlshorst. Den Konflikt, der am Tempelhofer Feld noch ansteht, sieht man hier hautnah.

Die Trabrennbahn Karlshorst hat zwei Weltkriege erlebt, vier Staaten, tausende Pferde. Gelegen im Bezirk Lichtenberg, zwischen dem schicken Vorort Karlshorst und dem Volkspark Wuhlheide, war sie die einzige Trabrennbahn, die in der DDR geöffnet hatte. 1894 wurde sie eingeweiht, Teile von ihr stehen unter Denkmalschutz. Bald könnte an ihrem Rand Wohnraum entstehen.

200.000 neue Wohnungen will der rot-grün-rote Senat bis 2030 in der Stadt bauen. Eine Randbebauung des Tempelhofer Felds ist weiter im Gespräch und hat es doch nicht in den Koalitionsvertrag geschafft. Umso begehrter sind andere, bislang freie Flächen – etwa die am Rand der Karlshorster Rennbahn.

Was im Großen erst bevorsteht, kann hier im Kleinen schon länger beobachtet werden. Ein Verfahren, um die Bürger:innen vor Ort zu beteiligen, ist auch in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) mindestens so umstritten wie die Frage, wem das Bauprojekt am meisten nutzt: den Bürger:innen? Dem Betrieb der Trabrennbahn? Oder den privaten Eigner:innen der Grundstücke, auf denen die gut 500 Wohnungen errichtet werden sollen?

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Widerstand hat sich formiert. Der Verein „Karlshorst e.V.“ besuche jede Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses, erzählt der Vorsitzende Götz Frommer stolz – um Druck zu machen auf die Bezirkspolitik. Deren Argumente für das Bauprojekt lässt Frommer, der selbst eine Ortsgruppe der Freien Wähler ins Leben gerufen hat und knapp an der Drei-Prozent-Hürde gescheitert ist, nicht gelten: „Mit Wohnraum als Begründung kann man jede Grausamkeit rechtfertigen.“ Das zu bebauende Gelände ist im Flächennutzungsplan (FNP) des Landes als „Grünfläche“ ausgewiesen. „Berlin hat diese Flächen hundert Jahre gesichert“, findet Frommer. „Natur muss sich nicht rechtfertigen.“

Der bisherige und gerade für weitere fünf Jahre gewählte Stadtrat für Stadtentwicklung Kevin Hönicke (SPD) verteidigt das Vorhaben. „Hier sind Potenziale für Wohnungsbau vorhanden“, schreibt er auf Tagesspiegel-Anfrage. Auch dementiert er die Vorwürfe des Vereins, für diesen Wohnungsbau würden knappe Erholungsflächen geopfert. Denn noch sei nichts entschieden. „Wie und was entwickelt wird, wird im Rahmen eines Bebauungsplanverfahrens geklärt.“ Am Dienstag beschloss das Bezirksamt, dieses Bebauungsplanverfahren zu beginnen.

Frommer dagegen fürchtet, in einem solchen Verfahren sei die Entscheidung schon gefallen: dass überhaupt gebaut wird. Die Initiative geht davon aus, dass auf dem Areal sogar bis zu 1000 Wohnungen entstehen könnten . Um das Bauprojekt zu verhindern, hat sein Verein im April dieses Jahres einen Einwohnerantrag in der BVV gestellt und mehr als 2000 Unterschriften gesammelt. Nach zwei Vertagungen wurde der Antrag erst Ende August im Bezirksausschuss für Stadtentwicklung besprochen. Das Ergebnis: „Die Entscheidung zur DS/2141/VIII wird ausgesetzt, um dem Ergebnis des Runden Tisches (DS/2171/VII) nicht vorzugreifen.“

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Einen solchen runden Tisch hatte die Lichtenberger Linke vorgeschlagen. Sie steht zwischen den beiden Positionen. Die im Dezember 2020 in einem Youtube-Video des Bezirks vorgestellte Bebauung lehne seine Fraktion ab, erklärt ihr Vorsitzender Norman Wolf am Telefon. Auch stört er sich an der Nähe des Stadtrats Kevin Hönicke zur Projektarchitektin Anika Wolff und den Grundstückseignern: Gemeinsam präsentieren Hönicke und Wolff im Video den Vorstellungsprospekt. Lobend hebt Hönicke die „enge Zusammenarbeit mit den Vorhabenträgern“ hervor. „In den Vorstellungsvideos des Bezirksamts auf Youtube sind die Bürger nicht repräsentiert“, kritisiert Norman Wolf.

Eigentümerin der Grundstücke, auf denen gebaut werden soll, ist unter anderem die „Krause Bauträger-Holding GmbH“, die in vielen Projekten eng mit dem ehemaligen Berliner Bürgermeister und Projektentwickler für Immobilien Walter Momper (SPD) zusammenarbeitete. Wohl auch in diesem Fall: Momper stellte schon 2013 bei einer Veranstaltung Pläne für eine „Randbebauung Treskowallee“ vor.

Eine Wette auf die Zukunft

Weitere Grundstücke gehören der „Afarm Immobilien GmbH“ und der „Berlimio Immobilien GmbH und Co. KG“. Ihre Geschäftsführer sind laut Handelsregisterdienst North Data die beiden Brüder Nils und Eiken Albers, die ihr Vermögen mit Pferdewetten gemacht haben – unter anderem in Karlshorst. Nicht nur Wetten kann man dort mit Albers-Firmen abschließen, sondern sich seit 2004 auch in „Albers – Das Sportrestaurant“ verköstigen lassen.

Vermögen gemacht haben dürfte auch der Betreiber der Trabrennbahn, der „Pferdesportpark Berlin-Karlshorst e.V.“. 2004 hatte das etwa 40 Hektar große Gelände von der Treuhand-Nachfolgerin „TLG Projektentwicklung Karlshorst“ für 200 000 Euro erworben, wie die Zeitung „Neues Deutschland“ damals schrieb.

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Trotz ihrer Bedenken befürwortet aber auch die Lichtenberger Linke eine Bebauung an der Rennbahn, wie Norman Wolf ausführt: nicht zum Volkspark Wuhlheide hin, aber an der Treskowallee, die die Rennbahn nach Westen hin begrenzt.

Bald vielleicht nicht nur an Renntagen gut besucht: der Eingang zur Trabrennbahn Karlshorst.

© imago/Schöning

Frommer vom Verein „Karlshorst e.V.“ schwant Böses für seinen Einwohnerantrag. Nachdem der zugunsten des runden Tisches „ausgesetzt“ – Frommer meint, ausgehebelt – wurde, ist nun sogar dieser runde Tisch, eigentlich eine Kompromisslösung, in Gefahr. Wie viel Macht soll er bekommen? Das Kevin Hönicke unterstehende Bezirksamt beantwortet diese Frage recht klar. Es vermerkt in der entsprechenden Drucksache, „dass die wesentlichen Voraussetzungen für eine gute Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger aktuell nicht gegeben sind.“ Und weiter: „Es wird geprüft, ob und wie der Öffentlichkeit die Verfahrensschritte des Bebauungsplanverfahrens sowie eine hierfür notwendige Anpassung des Flächennutzungsplans niedrigschwellig erläutert werden sollen.“ Erläutert? Klingt nicht so, als sei hier Widerspruch erwünscht.

Ja, wo wohnen sie denn? Womöglich bald hier.

© imago/Camera 4/sportfotodienst

Norman Wolf ist damit unzufrieden. „Wir wollen die Bürger nicht nur informieren, sondern wirklich beteiligen“, sagt er. Aber er glaubt auch, der Gegensatz lasse sich im Gespräch auflösen. „Wir haben ja vereinbart, konstruktiv zusammenzuarbeiten.“ In der BVV am 9. Dezember wurde der Tagesordnungspunkt ohne Aussprache überwiesen – zurück an den Stadtentwicklungsausschuss.

Heikel dürfte für die Unterstützer:innen des Vorhabens die ablehnende Haltung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen werden. Denn für eine Bebauung müsste der Flächennutzungsplan auf Landesebene geändert werden. Schon 2010 war der Bezirk mit dieser Absicht gescheitert, 2021 versuchte er es erneut. Die Antwort der Senatsverwaltung liegt dem Tagesspiegel vor: Die Planungsziele seien „als Gesamtkonzept in dieser Form nicht mit dem FNP vereinbar“, heißt es darin.

Hönicke lässt sich davon nicht beeindrucken. Womöglich auch, weil das Stadtentwicklungsressort auf Landesebene bald in SPD-Hand liegt.

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