Umstrittenes Kunstprojekt : Warum "Dau" 2018 in Berlin scheiterte

Kein Notfallplan, kein Fluchtkonzept: Das in Berlin geplante Kunstevent „Dau“ ist abgesagt, weil es an elementaren Standards mangelt, befand der Senat.

Zwar wird Unter den Linden gerade gebaut, aber nicht an "Dau".
Zwar wird Unter den Linden gerade gebaut, aber nicht an "Dau".Foto: Kai-Uwe Heinrich

Mit einem Blick auf die Modelllandschaft der Stadt, die im Glashof der Verkehrsverwaltung aufgebaut ist, konnte man es am Freitagmorgen bereits erkennen: In Berlin gibt es keine Mauer. Und das wird wohl auch so bleiben. Das umstrittene „Dau“-Projekt, bei dem der Nachbau einer 800 Meter langen Mauer im Herzen Berlins entstehen soll, bekommt von den Behörden keine Genehmigung. Nachdem der Tagesspiegel dies bereits am Donnerstagabend gemeldet hatte, bestätigte die zuständige Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) das Aus des Kunstprojektes am Freitagmorgen bei einem Pressegespräch mit der Kulturstadträtin von Mitte, Sabine Weißler. „Der Veranstalter des „Dau“-Projekts hat uns keine Unterlagen vorgelegt, die uns ermöglicht haben, das so zu genehmigen“, sagte sie.

SO REAGIEREN DIE FESTSPIELE

Am Nachmittag nach der Pressekonferenz melden sich die Mauerbauer von den Berliner Festspielen – und überraschen alle. „Entgegen der öffentlichen Darstellung hat der Veranstalter des Kunstprojekts ,Dau‘ Freiheit keine behördliche Absage erhalten.“ Es habe nur eine E-Mail der Verkehrslenkung gegeben, keine formelle Ablehnung. Etwaige fehlende Unterlagen wolle man nun nachreichen und hoffe deshalb noch auf eine Genehmigung. Kommt die Mauer also doch?

Wenig später bemüht sich der Sprecher der Verkehrsverwaltung, Matthias Tang, die Sache zu erklären. „Die Veranstalter des „Dau“-Projekts wurden heute vorab per E-Mail informiert, dass es aus Sicherheits- und Zeitgründen, wie heute beim Pressetermin dargestellt, keine Genehmigung für das Projekt geben kann. Das offizielle Schreiben mit Begründung folgt in der nächsten Woche.“ Eine Möglichkeit bleibt den Veranstaltern wohl noch: „Gegen jeden Verwaltungsakt kann man klagen“, sagte Tang auf Nachfrage. Ob das Sinn ergibt, ist eine andere Frage.

DIE ZEIT WAR ZU KNAPP

Das außergewöhnliche Vorhaben des russischen Filmemachers Ilya Khrzhanovsky sollte am 12. Oktober in einem ummauerten Areal rund um das Kronprinzenpalais starten. Dabei scheinen die Veranstalter die Vorbereitungszeit eines solchen Projekts unterschätzt zu haben. Erst Mitte August – mitten in der Ferienzeit – hatten sie Senat und Bezirksamt Mitte um Genehmigung gebeten. „Wir wurden in ein Zeitkorsett gepresst“, sagte Weißler und wies die Schuld von sich. „Der Zeitdruck ist nicht durch uns als Behörde entstanden, sondern durch diese enge Antragsstellung.“

Das sieht auch die Verkehrssenatorin so. „Es handelt sich hier um kein Kleinkunstprojekt“, erklärte Günther. „Dau“ rangiere mit seinen 35 000 Quadratmeter Fläche in der Innenstadt in einer Liga mit Marathon, Kirchentag und Fanmeile. „Das sind Veranstaltungen, die einen Vorlauf von einem Jahr haben.“

Das stimmt, bestätigte Robert Fekl, Sprecher des Berlin Marathons. „Wir sind jetzt schon in der Planung für 2020“, sagte er. Eineinhalb Jahre vorher beginne man bereits, einen Termin zu suchen und sich mit den Behörden abzusprechen. Auch wenn sich die Strecke beim Marathon nicht verändert, muss das sportliche Großereignis mit umfangreichen Straßensperrungen jedes Jahr neu genehmigt werden. „Allein das Sicherheitskonzept ist über 250 Seiten stark“, sagte Fekl. Die Zusammenarbeit mit der Verwaltung sei immer „sehr gut“ gewesen. Ein „Meisterstück“ sei der letztjährige Marathon gewesen, der auf denselben Tag wie die Bundestagswahl fiel. In Absprache mit diversen Senatsverwaltungen, Polizei, Feuerwehr, BVG und dem Landeswahlleiter habe man auch das möglich gemacht. Entscheidend sei der Vorlauf, sagte Fekl: „In zwei Monaten könnten wir den Marathon definitiv nicht stemmen.“

KEINE BAUGENEHMIGUNG

Rund 800 Meter sollte die Mauer lang werden und aus mehr als 400 Stücken zusammengefügt werden. Die sind bereits produziert und lagern an einem unbekannten Ort in Brandenburg. Jedes Segment wiegt 2,75 Tonnen und hat eine Höhe von 3,70 Meter – wie das „Original“. Eine Sache fehlt aber, wie Stadträtin Weißler am Freitag mitteilte: „Eine Baugenehmigung lag nicht vor“.

Tatsächlich benötigt allein die Erteilung einer Baugenehmigung in der Regel drei Monate Vorlaufzeit – wenn alle Unterlagen vollständig vorliegen. Das bestätigten mehrere Baustadträte dem Tagesspiegel. „Bauen ist kompliziert“, sagte der Baustadtrat aus Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt (Grüne). Er erlebe es häufig, dass bei Events die Veranstalter von diesen baurechtlichen Vorgaben keine Kenntnis hätten. Mit Blick auf das „Dau“-Projekt sagte er: „Das ist absolut auf Kante geplant gewesen.“

Rund um das Brandenburger Tor und Unter den Linden kommt eine bauliche Besonderheit hinzu. An vielen Stellen sind die Straßen und Plätze untergraben mit Tunneln und Kabelschächten. Die Traglast muss dann überall geprüft werden. So war bei der Genehmigung des Riesenrads auf der Fanmeile entschieden worden, dass es einige Meter verrückt werden müsse, um die Sicherheit zu gewährleisten. Der Aufbau der Mauer erforderte die Aufstellung von schweren Kränen.

KEIN NOTFALLSYSTEM

Es sei ihrer Verwaltung nicht darum gegangen, das Projekt für gut oder schlecht zu befinden, betonte Senatorin Günther. Es habe auch nichts mit mangelndem Mut der Behörde zu tun, sondern mit Vorsicht und Umsicht. „Die Notfallpläne waren nicht zufriedenstellend. Feuerwehr und Polizei waren damit nicht einverstanden“, sagte die Senatorin. Ihr zufolge habe die Polizei das Fluchtkonzept als „unzureichend“ bewertet, weswegen „kein Einvernehmen zum Sicherheitskonzept hergestellt werden“ kann. Dieser klaren Empfehlung habe man sich nicht widersetzen können und wollen.

Für den Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Benjamin Jendro klingt das plausibel. Er sieht den Faktor Zeit als entscheidendes Kriterium bei der Bewilligung solcher Großveranstaltungen. „Die ,Dau‘-Veranstalter haben sehr sportlich gerechnet“, sagte er. Zwar seien Polizei und Feuerwehr auf Großlagen vorbereitet, aber die Sicherheit müsse vorgehen. „Seit der Katastrophe bei der Love-Parade in Duisburg ist man da sensibilisiert.“ Auch die Prüfung der Notfallpläne müsse akribisch erfolgen. „Wir müssen schauen, ob und wie schnell man die Menschen im Notfall in Sicherheit bringt“, sagte Jendro. Daran sei auch der Katastrophenschutz und die Kriminalprävention beteiligt.

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Zudem würden das Veranstaltungsgelände und die umliegenden Straßen mehrfach begangen, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. „Das Areal wirkt für mich nicht besonders prädestiniert“, sagte Jendro, der nicht traurig ist, dass das Kunstevent ausfällt. Mit dem Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Erdogan und den Feierlichkeiten rund um den 3. Oktober sei die Polizei in den kommenden Wochen gut ausgelastet.

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