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Corona-Impfung

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Tagesspiegel Plus

Unsicherheit bei Impfung Nr. 4: Geboostert, unter 70, suche Viertimpfung

Zur Drittimpfung wird grundsätzlich allen geraten, zur Viertimpfung nur wenigen. Wie sich Impfärzte in Berlin verhalten, wenn früh Geboosterte jetzt ihren Impfschutz auffrischen wollen. 

Die Boosterimpfung liegt für viele Menschen bereits ein Vierteljahr und länger zurück. Ende November empfahl die Ständige Impfkommission (Stiko) grundsätzlich allen Personen ab 18 Jahren die Auffrischungsimpfung, damals noch mit einem Abstand von einem halben Jahr zur letzten Impfung. Im Dezember wurde diese Frist auf drei Monate verkürzt, weil Studien Hinweise auf einen nachlassenden Impfschutz gaben.

Intensiv wirbt das Bundesgesundheitsministerium seither für die Drittimpfung. Diese sei gerade jetzt besonders wichtig, weil das Immunsystem nach und nach vergesse, das Virus effektiv zu bekämpfen. Mit diesen Informationen im Hinterkopf sehen sich früh Geboosterte zunehmend nach einer vierten Impfung um, die aktuell nur wenigen Personengruppen empfohlen wird. Wo bekommt man den zweiten Booster in Berlin?

Rund 70.000 Viertimpfungen wurden in Berlin laut Senat bereits verabreicht, über öffentliche Impfstellen und niedergelassene Ärzte. Dazu kommen noch Impfungen in Krankenhäusern und bei Betriebsärzten. Die Stiko empfiehlt eine Viertimpfung Menschen über 70 Jahren und Personen, die gesundheitlichen Risikogruppen angehören oder in medizinischen Bereichen arbeiten. Die letzte Impfung sollte mindestens drei Monate zurückliegen, bei Pflegepersonal ein halbes Jahr.

Bei den vier landeseigenen Impfzentren sind zur Zeit viele Termine offen, doch hier müssen Impfwillige jenseits der Stiko-Einstufung mit Ablehnung rechnen. Im ICC am Messedamm, am ehemaligen Flughafen Tegel, im Ring-Center in Friedrichshain oder am Drive-In an der Landsberger Allee in Lichtenberg hält man sich „primär“ an die Empfehlungen der Impfkommission, wie die Gesundheitsverwaltung mitteilt.

Laut Senat sei es die Entscheidung der jeweiligen Ärzt:innen, ob dort im Einzelfall auch außerhalb der genannten Personenkreise geimpft wird. Ein Anspruch bestehe nicht. Der Senat verweist deshalb alle Impfwilligen ohne Stiko-Empfehlung auf Haus- und Fachärzte. Diese könnten in Kenntnis der Krankheitsgeschichten umfassender aufklären.

Wiederholen sich Fehler aus der ersten Boosterkampagne?

Man wiederhole alte Fehler, ärgert sich Michael Budde aus Siemensstadt. Der Endvierziger war im Impfzentrum Tegel, um sich einen Zweitbooster abzuholen. Vergeblich, schreibt er auf Twitter. Weil er zu jung sei, habe man ihm in der weitgehend leeren Landeseinrichtung die Impfung verweigert. Eine Erfahrung, die offenbar auch andere machen, den Reaktionen in Internet nach zu urteilen.

Lässt man den Impfstoff lieber verfallen, als ihn an Jüngere herauszugeben? Der Senat will diesen Vorwurf nicht gelten lassen. Es würden tagesaktuell nur so viele Impfdosen vorbereitet, wie Personen zu erwarten seien.

Michael Budde vergleicht die Situation mit dem Beginn der ersten Boosterkampagne. Anfangs wurden Interessenten abgelehnt, deren Zweitimpfung noch kein halbes Jahr her war. Budde will seine Viertimpfung in einigen Wochen noch einmal angehen. Er habe schon Adressen, „wo jeder geboostert wird.“

Hausärzte können besser auf individuelle Wünsche eingehen

Erfolgsversprechender scheint eine Nachfrage bei Hausärzten, wie eine 60-Jährige aus Schöneberg berichtet. Sie habe angesichts der hohen Inzidenzen und der bevorstehenden Lockerungen vor drei Wochen ihre Hausärztin angeschrieben. „Sie empfahl Impfungen immungeschwächten Menschen und über 70-Jährigen“, getreu der Stiko.

Trotzdem respektierte die Ärztin den Wunsch ihrer Patientin, die sich unterdessen noch eine zustimmende Zweitmeinung eingeholt hatte. Ein paar Tage später hatte sie ihre Viertimpfung. „Mich beruhigt es, auch wenn ich weiß, dass ich mich dennoch infizieren kann“, sagt die 60-Jährige.

Wie viele Hausarztpraxen bei der Viertimpfung primär nach den Wünschen ihrer Patienten verfahren, ist der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV) nicht bekannt. Dort geht man davon aus, „dass sich die Praxen an den Stiko-Empfehlungen orientieren“.

Dritte Möglichkeit: Medizinische Versorgungszentren und private Impfzentren

Im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) „Docs of Berlin“ aus Neukölln reagiert der hausärztlich tätige Internist Peter Velling eher gelassen auf solche Anfragen: „Da kein Impfstoffmangel mehr besteht, sind wir sicher großzügig bei gewünschten Impfungen, aber eher sechs Monate nach der letzten.“

Es gebe zu dieser Frage keine gesetzliche Grundlage, weshalb eine vierte Impfung prinzipiell ab drei Monaten nach dem letzten Booster möglich sei. Rein fachlich sieht Velling die Viertimpfung eher kritisch: In Deutschland sei es nicht üblich, den gleichen Stoff vier mal zu impfen. Zudem wisse man aus Israel, „dass auch von der vierten Impfung kein langfristig besserer Schutz als von der dreimaligen ausgeht.“

Rijahd Sahmer Boustani, der das „Booster Impfzentrum“ am Schlesischen Tor in Kreuzberg betreibt, registriert seit einigen Wochen eine steigende Nachfrage nach Viertimpfungen aus allen Altersklassen, besonders von Jüngeren. Viele seien von der eingeschränkten Stiko-Empfehlung verunsichert. Zwischen 50 und 100 Impflinge kämen täglich zu ihm. Darunter seien Menschen, die vor einer Auslandsreise ständen, in direktem Kontakt mit vielen Menschen wären oder ein ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein hätten.

Die vierte Impfung müsse sich nicht in jedem Fall zwingend lohnen, sagt der Impfarzt. Dies werde in einer ausführlichen Impfberatung erörtert, auch vor dem Hintergrund von Zahlen aus Israel. Auf der anderen Seite hält es Boustani für vermessen, jüngeren Menschen pauschal die Auffrischung zu verwehren. Gerade jetzt, wo die Zahl der Neuinfektionen Rekorde erreicht, viele Maßnahmen fallen und genügend Impfstoff da ist. Immer wieder müsse abgelaufener Impfstoff entsorgt werden. „Es schadet nicht, wenn man sich auffrischen lässt.“

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