• Verschwundene Schülerin aus Berlin: Ali K. im Fall Georgine zu lebenslanger Haft verurteilt
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Verschwundene Schülerin aus Berlin : Ali K. im Fall Georgine zu lebenslanger Haft verurteilt

Die Schülerin Georgine Krüger aus Berlin verschwand vor dreizehneinhalb Jahren. Nun wurde ein Mann aus der Nachbarschaft des Mordes schuldig gesprochen.

Der Angeklagte sitzt vor Beginn der Verhandlung im Gerichtssaal.
Der Angeklagte sitzt vor Beginn der Verhandlung im Gerichtssaal.Foto: Paul Zinken/dpa

Sie war 14 Jahre alt, wollte Model oder Schauspielerin werden und wähnte sich am Ziel ihrer Träume: Eine Casting-Agentur hatte Georgine Krüger, genannt Gina, eine kleine Rolle in der Fernsehserie „Türkisch für Anfänger“ angeboten. An dem Tag, an dem sie zusagen wollte, verschwand die Schülerin spurlos.

Dreizehneinhalb Jahre später steht für das Landgericht fest, dass sie brutal aus dem Leben gerissen wurde. Gegen Ali K. erging am Dienstag lebenslange Haft wegen Mordes und Vergewaltigung. Mit Rechtsmitteln wird gerechnet. „Die gesamte Indizienlage verdichtet sich zu einem Bild, das keine Zweifel an seiner Täterschaft lässt“, begründet der Vorsitzende Richter Michael Mattern.

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Hauptbeweismittel seien Angaben des 44-jährigen K. gegenüber einem verdeckten Ermittler. Diese seien verwertbar, weil K. nicht zu einer Selbstbelastung gedrängt worden sei.

Vesna Krüger, Georgines Mutter, saß mit ihrer jüngeren Tochter im Saal, als das Urteil verkündet wurde. Es fiel ihr sichtlich schwer. „Für die Mutter ist es ein weiterer trauriger Tag“, sagte ihr Anwalt Roland Weber. „Sie hat sich zuletzt zunehmend mit dem Gedanken befasst, dass es dieses Fünkchen Hoffnung, das sie hatte, so nicht mehr geben kann.“ Die Hoffnung, dass Georgine irgendwo lebt.

Am 46. Verhandlungstag wurde nun das Urteil in einem der spektakulärsten Berliner Kriminalfälle verkündet. Ein schwieriger Indizienprozess. Denn es gibt keine Leiche, keine DNA-Spuren, keine Augenzeugen, keine Tatwaffe. Dafür umfassende Angaben des Angeklagten gegenüber einem verdeckten Ermittler zwölf Jahre nach dem rätselhaften Verschwinden von Georgine. Das Gericht befragte seit Ende Juli 83 Zeugen und zwei Sachverständige.

So verlief der Tag ihres Verschwindens

Der 25. September 2006. Georgine Krüger kam wie üblich aus der Schule. Sie stieg gegen 13.50 Uhr an der Perleberger Straße Ecke Rathenower Straße aus dem M27. Es waren rund 200 Meter, drei Minuten Fußweg, bis zur Wohnung ihrer Familie. Georgines Großmutter wartete dort mit dem Mittagessen. Um 14.06 Uhr rief sie bei Georgine an. Niemand nahm den Anruf an. Danach loggte sich Georgines Handy nie wieder ein.

Ali K. ist ein Deutscher mit türkischen Wurzeln aus der Nachbarschaft in der Stendaler Straße. Ein dreifacher Vater, zuletzt arbeitslos und viel auf der Straße. Immer wieder habe er sich Mädchen unangemessen genähert, sagten Zeugen. Erst 2016 geriet er im Fall Georgine ins Visier der Ermittler.

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Auslöser war eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung einer Jugendlichen in seinem Keller. Er sei „verrückt“ nach Georgine gewesen und habe sie für ein Mannequin gehalten, berichtete K. später gegenüber einem verdeckten Ermittler.

K. habe sie angesprochen und unter dem Vorwand, er benötige Hilfe beim Tütentragen, in seinen Keller gelockt, sagte der Richter. Georgine sei ihrem Charakter nach hilfsbereit und auch naiv gewesen. Ein Gefühl dafür, wie sie auf Männer wirkte, hätte sie noch nicht entwickelt.

Die undatierte Aufnahme zeigt die vor zehn Jahren verschwundene Georgine Krüger aus Berlin-Moabit.
Die undatierte Aufnahme zeigt die vor zehn Jahren verschwundene Georgine Krüger aus Berlin-Moabit.Foto: Polizei Berlin/dpa/pa

Ein Geständnis, das im Oktober 2018 aufgezeichnet wurde. Rund 200 Seiten umfasst die Abschrift des Bandes. Detailliert schilderte K., wie er Georgine in den Keller gelockt, niedergeschlagen, vergewaltigt und zur Verdeckung der Tat erwürgt, die Leiche im Hausmüll „entsorgt“ habe.

Ali K. sei „reingelegt“ worden

Ali K., ein unscheinbarer Mann mit graumeliertem Haar, nahm das Urteil regungslos auf. Er hatte bei der Polizei erklärt, man habe ihn „reingelegt“. Einer der Männer, die er für Freunde hielt, habe ihm 150.000 Euro für die Tötung einer „nervenden Freundin“ geboten.

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Er habe eine Geschichte erfunden, um geeignet zu erscheinen und an das Geld zu gelangen. Die Verteidiger sprachen von einer „provozierten falschen Selbstbelastung“ und forderten Freispruch.

„Die Angaben verknüpfte er mit Emotionen“, sagte der Richter. Dass er kopflos gehandelt und Glück gehabt habe, dass die Polizei auf der Suche nach dem Mädchen nicht mit Hunden in seinem Keller war, dass er die Tat später bereut habe – „das alles nur wegen der fünf Minuten, da hat mich der Teufel geritten“. Sprudelnd habe er das berichtet, hatte der verdeckte Ermittler geschildert. „Als wäre er erleichtert, alles loszuwerden.“

Der entscheidende Hinweis kam erst zehn Jahre nach der Tat

Jahrelang führten alle Hinweise ins Nichts. Bis die Mordkommission 2016 erfuhr, dass ein Mann aus der Nachbarschaft von Georgine Krüger wegen sexueller Nötigung einer Jugendlichen in seinem Keller 2013 eine Bewährungsstrafe erhalten hatte.

Die Ermittler stellten fest, dass das Handy von Ali K. am Tag des Verschwindens in derselben Funkzelle wie Georgines Telefon eingeloggt war. Ab Juni 2017 wurden drei verdeckte Ermittler auf ihn angesetzt. Sie freundeten sich mit ihm an - und agierten innerhalb ihrer Befugnisse zur Verbrechensbekämpfung, befand das Gericht.

Mit dem Urteil entsprach das Gericht im Wesentlichen dem Antrag des Staatsanwalts, der zudem die Feststellung einer besonderen Schwere der Schuld gefordert hatte. Schweigend ging Vesna Krüger an dem unscheinbar wirkenden Verurteilten vorbei, der hinter Panzerglas saß. Ihr Anwalt sagte: „Nach all dem, was wir hier gehört haben, steht fest, dass ihre Tochter getötet worden ist.“

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