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Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine gehen am Hauptbahnhof Berlin zum Zelt der Berliner Stadtmission, das als Erstanlaufstelle für Geflüchtete dient. +++ dpa-Bildfunk +++

© picture alliance/dpa/ Annette Riedl

Tagesspiegel Plus

„Vielen ist nur wichtig, dass sie bei ihren Tieren bleiben“: Wie Berliner Ehrenamtliche sich um die Haustiere von Geflüchteten kümmern

Am Berliner Hauptbahnhof kommen viele Flüchtlinge aus der Ukraine mit ihren Haustieren an. Ehrenamtler von „Irina“ versorgen sie.

Das linke Ohr von Puzzle ist noch einigermaßen aufgerichtet, aber sein rechtes hängt an seinem Kopf wie ein Waschlappen. Und in den Blicken seiner Knopfaugen schwingt vieles mit: Erschöpfung, Trauer, Misstrauen. Sein Fell ist milchig weiß, durchsetzt mit Brauntönen, und es ist verfilzt, Spuren einer langen, anstrengenden Reise. Vor allem aber war der Terrier schwer krank, als er hier ankam, in der Tiefebene des Berliner Hauptbahnhofs, in dieser Halle, in der in einer Ecke hinter einem Tresen Plastikboxen aufgeschichtet sind, voll mit Tierfutter, Hundeleinen, Halsbändern und allem, was Tiere sonst noch benötigen.

Puzzles Frauchen floh mit ihm vor dem Krieg in der Ukraine, eine tagelange Reise, und als sie in Berlin endete, konnten Puzzle und seine Besitzerin erstmal durchatmen. Sie hatten auch die Ehrenamtler des Tierschutzstands „Irina“ erreicht. Die emotionale und physische Auffangstation, für die rund 50 bis 60 Helfer, die in Vier-Stunden-Schichten mit einem Ziel arbeiten: Menschen und ihren Tieren zu helfen. Kurzfristig für ein paar Stunden oder, wenn nötig, tagelang. Helfer haben den Terrier auch Puzzle getauft, sie fanden, der Name passe zu ihm.

An der Wand hängen Fotos von Tieren, die „Irina“ betreute“

Das Bild von Puzzle hängt an einer Wand, voll mit Fotos von Hunden, Katzen und anderen Haustieren in allen Größen und Farben. Leonie Bronke deutet auf die Galerie. „Wir haben von vielen Tieren Fotos gemacht, aber das sind längst nicht alle, die wir versorgt haben.“ Leonie Bronke gehört zum Organisationsteam von „Irina“, sie gehört zu denen, die für einen reibungslosen Ablauf sorgen.

Puzzle wurde erstmal geschoren und dann zu einem Tierarzt transportiert, der ihn gleich operierte. „Jetzt“, sagt Leonie Bronke, „darf er sich erholen.“ Natürlich fand die OP nicht am Hauptbahnhof statt, „eine tierärztliche Betreuung dürfen wir nicht machen“, sagt sie. „Hier findet nur eine Erstversorgung statt.“

Das Angebot ist umfassend

Das klingt bescheiden, aber in Wirklichkeit ist das Angebot umfassend. Eine Grundausstattung ist sowieso klar, Futter, Trinken, Halsbänder, Transportboxen, was immer nötig ist für die Fahrt. Viele Menschen, die bei „Irina“ auftauchen, fahren ja weiter ins Bundesgebiet. Berlin ist nur eine Zwischenstation.

Vielen ist es egal, wo sie schlafen, Hauptsache, sie bleiben bei ihren Tieren“

Tessa Jürgensen, Helferin

Sie hatten hier schon eine Katze, die fünf Tage nichts gegessen hatte, sie hatten einen American Staffordshire Terrier, der vier Tage unterwegs war und den sie Balu tauften. Das sind nur zwei der Tiere, die hier versorgt wurden. Wie viele es insgesamt bisher sind, kann Leonie Bronke gar nicht sagen.

„Wir haben auch Spezialfutter, zum Beispiel für Tiere, die Probleme mit der Leber oder den Nieren haben oder an einer Unverträglichkeit leiden“, sagt Tessa Jürgensen, eine der Helferinnen. Aber die Hilfe ist viel umfassender. Die Tierärztin Regina Korth hat den Tierschutzstand am 1. März mit einem Kollegen gegründet, lange bevor am Ankunftszentrum Tegel der Animal Point eingerichtet wurde, an dem man mit Tieren übernachten kann. „Wir beraten zur Weiterreise mit Tieren, Seuchenschutz, Einreisebestimmungen in andere Länder, kostenlose Tierarztvermittlung, Anmeldung der Tiere bei Veterinärämtern, Unterkünfte mit Tier“, sagt sie

„Irina“ hilft, dass sich Krankheiten nicht verbreiten

Gleichzeitig hilft „Irina“, dass Krankheiten wie etwa Tollwut, die Tiere aus der Ukraine eventuell mitbringen, sich nicht verbreiten. Die Helfer von „Irina“ besitzen eine Liste von Ärzten, die Tiere kostenlos behandeln, sie vermitteln auch Adressen, an denen Flüchtlinge mit ihren Tieren unterkommen, wenn sie in Berlin bleiben und nicht nach Tegel wollen. Und sie stoßen, sagt Tessa Jürgensen, „oft auf Menschen, denen es völlig egal ist, wo sie schlafen, Hauptsache, sie bleiben bei ihren Tieren. Tiere sind Brücken zu den Menschen.“

Am Stand von „Irina“ weinte mal ein Mann bittere Tränen, weil er seine Katze in der Ukraine hatte zurücklassen müssen. Als er Hals über Kopf floh, war sie irgendwo im Freien und nicht auffindbar. „Viele geben auf der Fahrt lieber ihrem Tier Nahrung, als dass sie selber essen“, sagt Leonie Bronke.

Natürlich sind die meisten Tiere bei „Irina“ Hunde und Katzen, aber die Helfer versorgten auch schon Frettchen, Vögel, sogar einen Leguan. Eine Frau zog mal einen Hamster aus ihrer Jackentasche. Zu „Irina“ führen Hinweisschilder auf dem Bahnhof, aber auch im Willkommenszelt vor dem Haupteingang.

Viele der Helfer studieren Veterinärmedizin oder sind Mitglied einer Tierschutzorganisation. Leonie Bronke arbeitet auch für die Wildtierrettung Oranienburg. Und alles, was in dieser Halle lagert, wird direkt gespendet oder mit Spendengeldern finanziert. „Die Spendenbereitschaft ist extrem“, sagt sie. Im Moment wären sie und die anderen Helfer über eine spezielle Spende besonders dankbar. Bei „Irina“ hatte sich eine Frau gemeldet, die mit ihren beiden Hunden weiterfliegen möchte.

Grundsätzlich kein Problem, nur: Jeder der Hunde wiegt 45 Kilogramm. Ohne spezielle Transportboxen kommen sie in kein Flugzeug. Auf Lager hat „Irina“ solche Riesenkäfige nicht. „Wir versuchen gerade“, sagt Leonie Bronke, „welche zu besorgen.“

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