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In Schöneweide baut das Unternehmen Buwog 900 Wohnungen auf einer ehemaligen Industriefläche.

© Thomas Loy

Tagesspiegel Plus

Volle Straßen, kaum günstiger Wohnraum: So wird der Tesla-Effekt den Südosten Berlins verändern

Die Tesla-Fabrik in Grünheide bringt starken Zuzug für Treptow-Köpenick. Günstiger Wohnraum ist knapp, Straßen sind teils jetzt schon überlastet.

Demnächst könnte Treptow-Köpenick in Tesla-City umbenannt werden. Immerhin blieben die Initialen vertraut – Köpenick wurde ja früher mit C geschrieben. Das mit dem neuen Namen würde Elon Musk sicher gefallen. Bisher trägt nur das brandenburgische Grünheide den informellen Beinamen, hier entsteht die „Gigafactory Berlin“, wie der Konzernchef sie weltweit bewirbt.

Doch Teslas infrastruktureller Fußabdruck wird vor allem Treptow-Köpenick prägen, als nächstgelegener Teil der Großstadt mit vielen Fabrikbrachen aus der DDR-Zeit. Hier wird mit dem stärksten Zuzug von Tesla-Mitarbeitern gerechnet, laut dem landesplanerischen Umfeld-Konzept könnten es für Berlin nach Fertigstellung der Fabrik insgesamt 14.000 sein, in Grünheide dagegen nur rund 500.

Insgesamt rechnen die Stadtentwicklungsexperten des Unternehmens Cima, das die Daten für das Umfeld-Konzept ermittelt hat, mit einem Zuzug von rund 25.000 Mitarbeitern in die Region, die übrigen 15.000 würden aus dem bereits vorhandenen Arbeitskräftepool rekrutiert. Dadurch würden aber andere Arbeitsplätze frei, die möglicherweise wieder einen Zuzug auslösen.

Tesla würde mit seinen prognostizierten 40.000 Arbeitsplätzen den Bedarf der Region verdoppeln, denn weitere 40.000 werden erwartet, wenn der Flughafen BER sein volles Potenzial ausschöpft. Das Land Brandenburg rechnet anfangs jedoch mit deutlich weniger Tesla-Beschäftigten.

Tesla könnte den Südosten bestimmen wie der BER

Tesla könnte, wenn alles klappt, wie Musk sich das wünscht, die Zukunft des Berliner Südostens genauso bestimmen wie der BER – allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass am BER-Konzept seit 25 Jahren gearbeitet wird. Tesla kam quasi über Nacht hinzu und hat das langfristig ausgetüftelte Ansiedlungs- und Verkehrskonzept in der Zukunftsregion Berlin-Südost über den Haufen geworfen. Davon steht in dem Umfeld-Konzept allerdings nichts.

Viele Tesla-Beschäftigte werden in Berlin wohnen wollen, weil sie ein urbanes Umfeld bevorzugen.

Die Cima-Experten über die Folgen für den Immobilienbereich

Beim Wohnungsbau sehen die Cima-Experten keine größeren Probleme. „Viele Tesla-Beschäftigte werden in Berlin wohnen wollen, weil sie – vor allem Jüngere – ein urbanes Umfeld bevorzugen.“ Die Experten rechnen mit einem zusätzlichen Bedarf von zunächst 8000, später 25.000 Wohnungen über die nächsten Jahre, der könne aber durch den Wohnungsbau in den umliegenden Gemeinden und vor allem in Treptow-Köpenick gedeckt werden.

Unklar ist allerdings, ob es für die weniger qualifizierten Beschäftigten mit einem Monatseinkommen zwischen 3500 und 4000 Euro preislich angemessenen Wohnraum geben wird. In Berlin eher nicht. Schon in den vergangenen Jahren haben sich die Baulandpreise teilweise vervierfacht, es entstehen zwar im Berliner Vergleich derzeit die meisten Wohnungen im Südosten, doch auch ohne Tesla ist die Nachfrage enorm. Schon vor Baubeginn sind viele Wohnungen verkauft. Was vermietet wird, geht weg, egal zu welchem Preis.

Die Cima-Experten haben sich vor allem mit den Baulandflächen befasst. Und sehen die Lage ganz positiv. Genug baureifes Land gebe es. „Für den Bezirk Treptow-Köpenick wurden insgesamt 203 Einzelflächen mit in Summe 276 ha Gesamtfläche erfasst.“ 147 Flächen mit einer Gesamtgröße von 107 Hektar seien „kurzfristig realisierbar“. Parallel zum Ausbau der Fabrik könnten 40.800 neue Wohneinheiten in der Umgebung entstehen, davon rund die Hälfte in Treptow-Köpenick.

Auch das Bezirksamt sieht hier gute Voraussetzungen: „Aktuell sind circa 17.000 Wohnungen bereits im Bau oder könnten in den nächsten drei Jahren kurzfristig realisiert werden.“ Weitere 10.000 Wohnungen könnten bis 2030 dazukommen. Die nötigen Kitas, Schulen und Nahversorgungsmärkte werden bei den größeren Vorhaben ohnehin mitgeplant.

Flaschenhals Verkehr: Schon jetzt lauter Staus

Der große Flaschenhals beim Wohnungsbau ist der Verkehr. Während an der Achse nach Schönefeld die Autobahn 113 und das Adlergestell große Pendlerströme aufnehmen, gibt es in Richtung Freienbrink – dem Grünheider Ortsteil, wo Tesla baut – nur zweispurige Vorortstraßen, die schon jetzt oft zugestaut sind. Gegen die meisten Wohnungsbauvorhaben im Bezirk formiert sich deswegen Protest der Anwohner, die den zusätzlichen Verkehr und den Verlust von Parkplätzen fürchten.

Der Große Müggelsee ist in ein Landschafts- und Naturschutzgebiet eingebettet.

© Sina Schuldt/dpa

Weil Grünheide mitten in einer Erholungsregion mit Naturschutzgebieten, Wäldern und Flüssen liegt, ebenso wie die Köpenicker Ortsteile am Müggelsee, verbietet sich ein weiterer Ausbau der Straßen. Senat und Bezirk setzen deshalb voll auf die Regionalbahnlinie RE1, die direkt an Tesla vorbeiführt und praktisch bis weit nach Berlin eine umsteigefreie und schnelle Zugverbindung ermöglicht.

Problem ist nur, dass es zwischen Ostkreuz und Erkner, der ersten Gemeinde in Brandenburg, keinen Halt gibt. Der Regionalbahnhof Köpenick soll nach derzeitiger Planung erst 2026 in Betrieb gehen. Zudem wird es nicht allen Mitarbeitern eines Autobauers zu vermitteln sein, auf ihren Privatwagen zu verzichten. Für einige Jahre dürfte es noch funktionieren, die A 113 zum Pendeln zu benutzen, da Teslas Beschäftigte in der Gegenrichtung des morgendlichen Berufsverkehrs unterwegs sind. Doch wenn Schönefeld weiter boomt, dürfte auch das schwierig werden.

Stadtplaner setzen eher auf Abschreckung

Auch die Cima-Experten schlagen keinen weiteren Ausbau der Verkehrswege vor, setzen eher auf Abschreckung. „Für den Bezirk Treptow-Köpenick erscheinen ausgeprägte Zuwächse durch Pkw-Pendelnde aufgrund der bereits jetzt problematischen Verkehrsbelastungen in Richtung Freienbrink unwahrscheinlich.“ Und weiter: „So sind die beiden möglichen Umfahrungen des Großen Müggelsees, im Norden der Fürstenwalder Damm und im Süden die Müggelheimer Straße in Köpenick, bereits jetzt problematische Verkehrspunkte mit ausgeprägten Staus.“

Die jung-dynamischen Tesla-Mitarbeiter, die Konzernchef Musk für seine Gigafabrik im Sinn hat, werden wohl teils per Rennrad oder E-Bike zur Arbeit fahren. Für sie soll ab Erkner ein attraktiver Radweg durch den Wald geschlagen werden, bis zum Fabriktor sind es dann nur noch fünf bis sechs Kilometer.

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