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© Julian Stratenschulte/dpa

Tagesspiegel Plus

„Von einer Frau lasse ich mir nichts sagen“: Wie sich patriarchalische Strukturen auf Berliner Schulen auswirken

Psychologe Ahmad Mansour über Probleme beim Aufeinanderprallen deutsch-arabischer Erziehungskulturen – und warum Lehrer mit dem Verhalten vieler arabischer Schüler überfordert sind.

Herr Mansour, ein arabischstämmiger Sozialarbeiter aus Neukölln sagte kürzlich: „Im Libanon erzieht der Lehrer die Kinder. In arabischen Ländern ist es normal, dass ein Lehrer schlägt. Eltern akzeptieren das als Erziehungsmethode. Es kommt öfter vor, dass Eltern einem Lehrer sagen: Schlag, wenn’s nützt.“ Das Problem ist nicht neu, aber noch immer virulent, wenn man von den Berichten Berliner Pädagogen ausgeht.
Das stimmt, aber ich möchte gleich vorweg sagen, dass natürlich nicht alle Menschen aus diesen Gebieten so denken und dass sie solche Methoden ablehnen. Aber es gibt im arabischen Raum ein Sprichwort: Die Knochen gehören mir, das Fleisch Dir. So ein Satz sagt ein Vater zum Lehrer seines Sohnes. Gewalt gehört dort zu den legitimen Erziehungsmethoden, sie dient auch dazu, das Kind auf Linie zu bringen.

Ich bin in einer Schule im arabischen Teil Israels groß geworden. Da gehörte Gewalt zum Alltag. Wenn ich meinem Vater davon erzählt habe, hat er dem Lehrer immer recht gegeben und mich dann nochmal geschlagen, weil der Lehrer mich geschlagen hat. An dieser Schule ist Schlagen mittlerweile verboten, aber in vielen arabischen Ländern ist Gewalt an der Schule immer noch normal.

Sie widmen sich seit vielen Jahren intensiv dem Thema arabische Migranten und Schule, sie bieten Workshops an Schulen und Fortbildungen an. Welcher Erfahrungen erzählen Ihnen arabische Schüler, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind?
Viele sind erstmal sehr überfordert. In ihrer Heimat basiert Schule auf Gehorsam. Dort wird auswendig gelernt, und was der Lehrer sagt, ist Gesetz. Schule ist dort kein Ort für Selbstentfaltung, an dem man auch mal widersprechen kann.

Das heißt, sie treffen auf eine völlig andere Welt.
Ja, hier schlagen Lehrer nicht, und die Strafenkataloge orientieren sich an Eigenverantwortung, auf Zusammenarbeit mit den Eltern. Und ganz wichtig: In der arabischen Heimat der Schüler ist der Lehrer Teil einer patriarchalischen Gesamtstruktur. In Deutschland ist er es längst nicht mehr. Und das führt zu ganz vielen Problemen in der Kommunikation.

© Stephanie Pilick/dpa

Welche?
Viele Schüler nehmen diese Art der Schule als Schwäche wahr. Sie bemerken: Wenn ich zu spät komme, den Unterricht störe oder frech zu Lehrern bin, spüre ich nicht wirklich klare Konsequenzen. Die ganze Gesellschaft wird von ihnen als antiautoritär und schwach erlebt. Sie haben auch enorme Probleme mit der Methode des Lernens. Sie wollen auswendig lernen, selbstständiges Arbeiten haben sie nicht gelernt. Deshalb scheitern sie immer wieder, das führt dann erneut zu Frustration. Nochmal aber: Wir reden nicht von allen Schülern aus arabischen Ländern.

Solche Schüler stecken in einem emotionalen Dilemma. Ihre Eltern betrachten Gewalt als legitime Erziehungsmethode, sie betrachten die Schule als Erziehungsanstalt, aber genau dort sollen die Schüler und die Schülerinnen Selbstständigkeit lernen und zeigen.
Das Problem ist komplexer. Die Eltern können in Deutschland nicht mehr im gleichen Maße diese patriarchalische Rolle spielen wie in ihrer Heimat. Der Sohn kann viel besser Deutsch als sie, und er kennt sich hier oft viel besser aus als Vater und Mutter. Und selbst wenn der Vater seine patriarchalische Rolle spielen will, stößt er sehr schnell an Grenzen. Wenn er sich mit Lehrern unterhalten soll, ist er oft absolut überfordert und darauf angewiesen, dass sein Sohn übersetzt oder zumindest klar ausdrückt, was der Vater möchte. Viele Väter reagieren auf solche Situationen zu Hause mit noch mehr Gewalt, um ihrer bekannten Rolle gerecht zu werden. Das schaffen sie aber nicht, stattdessen werden sie von ihren Kindern nun eher auch als schwach wahrgenommen.

Viele Schüler nehmen diese Art der Schule als Schwäche wahr

Ahmad Mansour

Wie reagieren viele Eltern auf diese Situation?
Sie sind völlig überfordert. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Eltern von den Lehrern eingeladen werden und hören, was ihre Kinder gemacht haben, sind sie völlig entsetzt und sagen: Das ist nicht mein Sohn. Zu Hause hatte der Vater lange mit Autorität den Jungen auf Linie gebracht, deshalb erklärt er jetzt den Lehrern: Was haben Sie mit meinem Sohn gemacht? Es ist Ihre Schule, es ist Ihre Verantwortung, den Jungen so zu erziehen, dass er sich vernünftig verhält. Ich als Vater habe damit nichts zu tun. Sie verstehen nicht, dass es hier anders funktioniert. 

Es gibt ja Sanktionen in der Schule für Fehlverhalten. Werden die also nicht ernst genommen?
Wissen Sie, mir hat ein junger Flüchtling mal schulterzuckend gesagt: Wenn ich drei Mal zu spät komme, darf ich nach Hause gehen. Das war für ihn keine Strafe, das war für ihn eine Belohnung. 

Schülerinnen aus arabischen Ländern müssten doch eigentlich glücklich sein, dass sie in der Schule den patriarchalischen Strukturen entgehen. Was erzählen Ihnen Schülerinnen?
Einige erzählen von ihren Sehnsüchten, sie wollen Freiheit, Emanzipation, sie wollen weg von den patriarchalischen Strukturen. Ich erlebe das immer wieder an den Schulen. Aber es sind nur einige. Man darf das System des sozialen Drucks nicht unterschätzen. Die Familien kontrollieren sich gegenseitig. Eine Schülerin, die kein Kopftuch trägt, wird massiv unter Druck gesetzt.

Und man darf nicht vergessen: Frauen, Mütter, haben einen großen Anteil daran, dass patriarchalische Strukturen funktionieren. Viele Frauen kontrollieren das Verhalten anderer Frauen und kritisieren, wenn die nicht patriarchalisch genug handeln. In arabischen Familien ist die Mutter die erste Instanz, die ihre Töchter kontrolliert, dass sie auch keusch bleibt, dass sie ja keinen Freund hat. 

„Frauen, Mütter, haben einen großen Anteil daran, dass patriarchalische Strukturen funktionieren“, sagt Psychologe Ahmad Mansour.

© imago/Winfried Rothermel

Was erzählen Ihnen Lehrer und Lehrerinnen, die ständig auf solche Probleme stoßen?
Ich merke oft, dass sie von dieser Art von Schülern und diesen patriarchalisch Strukturen und Erwartungen völlig überfordert sind. Sie sind auf diese Situationen und Probleme nie entsprechend vorbereitet worden. Deshalb ist mein politischer Appell: Die Ausbildung von Pädagogen muss sich erheblich ändern und an neue Herausforderungen anpassen. Solche Themen müssen viel mehr Platz in der Ausbildung einnehmen.

Wie schildern denn Pädagogen ihre Gefühlslage?
Sie haben keinen Plan, wie sie auf diese Probleme reagieren sollen. Vor allem Frauen spüren, dass sie in einem für sie unvorstellbaren Maße nicht ernst genommen werden. Sie hören immer wieder den Satz: Von einer Frau lasse ich mir nichts sagen. Die Schüler machen dicht, wenn Lehrer Themen wie Gleichberechtigung ansprechen, und die Pädagogen wissen dann nicht, wie sie die Schüler erreichen.

Welche Ratschläge geben Sie vor allem Lehrerinnen bei diesen Problemen?
Ich rate in meinen Workshops immer dazu, im Unterricht eine angenehme Diskussionskultur zu entwickeln. Also sollen Lehrer und Lehrerinnen nicht gleich mit Themen wie Gleichberechtigung oder mit patriarchalischen Strukturen beginnen, sondern immer wieder Interesse an der Meinung der Schüler zu anderen, unterschiedlichen Themen zeigen.

Wenn ein Vertrauensverhältnis geschaffen wird, wenn die Schüler merken, dass sie Raum für ihre Ansichten bekommen, dass sie lernen, dass Argumente gehört werden, dann ist eine Basis geschaffen. Dann kann ich Themen ansprechen, die mich als Lehrer sehr stören. Zum Beispiel zu spät kommen in den Unterricht oder respektloses Verhalten. Das A und O ist es, Empathie zu zeigen. Ein Lehrer sollte nie durch Mimik oder Kommentare abwerten, was die Schüler sagen. Und noch etwas ist wichtig.

Beruf mit Vorbildfunktion: Eine Lehrerin unterrichtet an einer Berliner Grundschule eine Schülerin.

© Britta Pedersen/dpa

Ja?
Lehrer und Lehrerinnen sollen Vorbilder sein. Ein Beispiel: Wenn eine Lehrerin erzählt, wie sie ihre Kinder erzieht, wenn sie sagt, dass sie finanziell unabhängig von ihrem Mann ist, dann wird sie bei vielen erstmal auf große Widerstände stoßen. Viele werden sie nicht verstehen. Aber viele werden darüber nachdenken. Viele erfahren zum ersten Mal relativ intensiv, dass es auch andere Lebensformen gibt. Das wird nicht über Nacht ihre Meinung ändern, aber es ist gut möglich, dass sie nach ein paar Jahren umdenken. Ich habe dazu ein wunderbares Beispiel. 

Lehrer und Lehrerinnen sollen Vorbilder sein

Ahmad Mansour

Bitte.
In Neukölln erzählte eine Lehrerin, dass sie alleinerziehend ist und hat zwei Kinder hat. Arabische Schülerinnen und Schüler waren total schockiert. Sie fragten fassungslos: Warum hast du keinen Mann? Warum hast du ihn verlassen? Deine Kinder kommen als Bastarde auf die Welt.

Die Lehrerin war natürlich erschüttert, als sie das gehört hat. Sie hat mir die Geschichte Jahre später erzählt. Aber gleichzeitig sagte sie, dass ihr zehn Jahre, nachdem sie der Klasse das alles mitgeteilt hatte, eine dieser damaligen Schülerinnen auf Facebook geschrieben habe: „Durch das, was sie damals erzählt haben, hatte ich die Kraft, mich heute von meinem Mann zu trennen.“ Aber viele Lehrer und Lehrerinnen haben ein grundsätzliches Unbehagen.

Welches?
Sie sind verunsichert, ihnen fehlt das Selbstbewusstsein, die Werte einer freiheitlichen, westlichen Gesellschaft klar zu vertreten. Sie fragen sich: Was darf ich sagen? Darf ich über Gleichberechtigung reden? Darf ich patriarchalische Strukturen kritisieren? Diese Gesellschaft hat so viel Positives anzubieten, so viele wertvolle Werte, aber wenn man sie nicht selbstsicher vertritt, kann man andere auch nicht gut überzeugen, die aus anderen Kulturen kommen. Natürlich braucht eine Schule auch Autorität, natürlich muss es für Fehlverhalten Konsequenzen geben. Aber wenn ich mich individuell mit einem Lehrer unterhalte, sage ich immer: Denken Sie daran, Sie sind ein Vorbild.

Die Pädagogen müssen aber auch die Eltern überzeugen. Wie soll ein richtiger, effektiver Elternabend aussehen, bei dem die Väter und Mütter erreicht werden?
Die müssen erstmal zum Elternabend kommen, da beginnt das Hauptproblem. In vielen Schulen sind nur 15 bis 20 Prozent der Eltern überhaupt da. Berlin hat seit vielen Jahren alles versucht, das zu ändern, es gelingt nicht. Also müssen Elternabende anders konzipiert werden. Eine Möglichkeit besteht darin, Elternabende in verschiedenen Sprachen anzubieten, Arabisch, Türkisch, Farsi, was immer nötig ist. Wenn Eltern zu einem Elternabend kommen und trauen sich nicht, etwas zu sagen, weil sie 90 Prozent des Gesprächs nicht verstehen, ist nichts gewonnen.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie beziehungsweise Lehrer von ehrenamtlichen Hilfsorganisationen oder Einrichtungen, die mit der arabischen Community arbeiten, bei diesen Bemühungen angemessen unterstützt werden?
Von vielen leider nicht. Ich habe oft das Gefühl, dass viele dieser Helfer Angst davor haben, Themen wie Gleichberechtigung oder patriarchalische Strukturen anzusprechen. Sie haben Angst, von der falschen Seite Unterstützung zu bekommen. Stattdessen redet man eindimensional über Diskriminierung und Rassismus und dass die Minderheit Opfer der Mehrheitsgesellschaft sei. Man macht sogar vielen Lehrern oder Lehrerinnen Vorwürfe und sagt, sie seien selber Schuld an der Situation.

In einer Fortbildung mit solch einer Organisation hatte eine Lehrerin mal thematisiert, dass ihr ein Schüler gesagt habe, von einer Frau lasse er sich nichts sagen. Die Antwort des Leiters der Fortbildung lautete: Die Lehrerin sei selbst schuld an dieser Situation. Sie habe eine rassistische Einstellung, weil sie denke, dass der Schüler ein machohaftes Verhalten habe und aus patriarchalischen Strukturen komme. Damit erst habe sie den Schüler zu diesem Satz provoziert.

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