Wachsende Stadt : Berliner Sportbund warnt vor Verdrängung

Immer mehr Sportflächen verschwinden unter Schulbauten. Dabei gibt es schon jetzt zu wenig Großspielfelder.

Freifläche. In der Lichterfelder Athene-Grundschule wurde der Sportplatz auf das Dach verlagert
Freifläche. In der Lichterfelder Athene-Grundschule wurde der Sportplatz auf das Dach verlagertFoto: Mike Wolff

Es wird eng in der wachsenden Stadt – und das gilt auch für den Sport. Jetzt hat sich der Landessportbund mit einem Appell an seine gesamten Mitgliedsorganisationen und an die Berliner Sportvereine gewandt, um sie auf die „Risiken“ hinzuweisen, die sich insbesondere durch die Schulbauoffensive ergeben.

120 Großspielfelder müssen geplant werden

„An vielen Standorten drohen ungedeckte Sportanlagen wegzufallen, weil dort temporär oder dauerhaft Schulgebäude stehen sollen“, warnt Vizepräsident Thomas Härtel in dem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt. Zugleich weist er darauf hin, dass berlinweit bis zum Jahr 2030 etwa 120 zusätzliche „Großspielfelder“ gebraucht werden, wie die Senatsverwaltung für Sport prognostiziert hat. Noch ist völlig unklar, wie diesem Bedarf entsprochen werden kann, denn selbst für kleine Sportflächen gibt es vielerorts keinen Platz mehr: Gerade erst gab es eine Auseinandersetzung in Friedenau, wo ein Bolzplatz unter einer Sporthalle verschwinden soll. Und an der Adalbertstraße in Mitte ringt ein beliebter Tennisverein um seine Existenz in der Nähe einer Schule, mit der er kooperiert.

Modulbauten statt Sportplätze

Das aber sind nur die Vorboten, denn die Schulbauoffensive für die allein bis 2026 rund 5,5 Milliarden Euro fließen sollen, hat gerade erst begonnen. Härtel rechnet vor, dass an allen über 100 Schulstandorten, die erweitert werden, auch neue Sporthallen entstehen. Das heißt: Sportplätze verschwinden nicht nur unter den quaderförmigen Modularen Ergänzungsbauten, die bis zu 100 Jahre stehen können, sondern auch unter Typensporthallen: „Diese Hallen stellen für Sportvereine keine Lösung dar, wenn sie ihre Sportart überwiegend nur im Freien ausüben können“, mahnt Härtel und appelliert an die Betroffenen, sich darüber zu informieren, was in ihrer Umgebung geplant ist, um rechtzeitig intervenieren zu können.

Landessportbund will nicht übergangen werden

Denn täglich werden Entscheidungen gefällt – oftmals ohne Einbeziehung der Betroffenen, kritisiert Härtel. So sei der organisierte Sport bei der Wettbewerbsauslobung zur Entwicklung der Typensporthallen „leider nicht von Anfang an beteiligt worden“. Um alle Möglichkeiten zu nutzen, müssten die Vereine auch einbezogen werden, wenn es um die Nutzung „nicht klassischer Sporträume“ wie Mehrzweckhallen in Schulen gehe. Denn jeder Quadratmeter wird gebraucht, weshalb es im Herbst auch eine Veranstaltung zum Thema „bewegte Schule“ geben wird, bei der über „alternative Sporträume an Schulen“ diskutiert werden soll.

Was alles möglich ist, macht die Lichterfelder Athene-Schule deutlich: Da es in der Umgebung nicht genug Sportfläche gab, erhielt die Grundschule 1999 das sogenannte Sportdeck – eine komplette Sportfläche auf dem Dach. Schulleiterin Christiane Andorf-Seretis berichtet, das hier nicht nur eine Weitsprunganlage Platz hat, sondern sogar eine 50-Meter-Bahn und eine Ballspielfläche, die auch in den großen Pausen – etwa für Fußball oder Volleyball – genutzt wird. Selbst Sportfeste und Bundesjugendspiele könnten unabhängig von Belegungsplänen umliegender Stadien oder Sportplätzen organisiert werden, berichtet die Rektorin.

Laubenkolonien, Kitas, Wohnungen - die Konkurrenz ist groß

Härtel wünscht sich viel mehr solcher Beispiele, um die Konkurrenz um die Sportflächen im Rahmen zu halten. Dafür sei es aber unbedingt nötig, rechtzeitig zu erfahren, was an welcher Stelle geplant ist und gebaut wird. Denn nicht nur die Interessen der Sportler – vom Schulsport und Blindenfußball über den Tanzsport bis hin zum Fechten – müssen von den Bezirks- und Senatsplanern berücksichtigt werden: Auch die Vertreter von Laubenkolonien, Kitas und Wohnungsbauunternehmen ringen um die Flächen. Noch ein Grund mehr für den Landessportbund, seine Mitglieder aufzurütteln, bevor weitere Flächen ersatzlos verloren gehen.

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