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Der damalige Interflug-Ingenieur Jörn Lehweß-Litzmann war Mitglied der Untersuchungskommission des Flugzeugunglücks von 1972.
© dpa/Soeren Stache

Flugzeugkatastrophe bei Berlin vor 50 Jahren: Warum DDR-Behörden die Absturzursache der Iljuschin verschwiegen

1972 ereignete sich in der DDR das größte deutsche Flugzeugunglück, 156 Menschen starben. Warum die Maschine in der Luft zerbarst, wurde vorerst geheimgehalten.

Die kleine Familie wollte eigentlich zum Badesee, als Ursula B., ihr Mann und die Kinder über der Garage einen lauten Knall hörten. „Wir dachten, das hört sich ja ganz komisch an, wie ein Hubschrauber“, erzählt Ursula B. Dann waren in ein, zwei Kilometern Entfernung Rauchschwaden zu sehen. Schnell wurde klar: Es war ein Flugzeug. Abgestürzt.

Die heute 80-Jährige erinnert sich glasklar an jenen 14. August 1972, als die Iljuschin IL-62 der DDR-Gesellschaft Interflug fast auf ihren Heimatort Königs Wusterhausen südlich von Berlin gestürzt wäre.

Ursula B. war Krankenschwester, sie wollte helfen, ihr Mann fuhr sie sofort in Richtung Unglücksstelle. Doch da war schon alles abgesperrt. Die beiden drehten um, zur Klinik, wo Ursula B. arbeitete. Dort warteten sie stundenlang auf Verletzte. Alle saßen zusammen, Ärzte, Schwestern, Helfer. „Aber es kam niemand“, sagt Ursula B. „Es waren sofort alle tot.“

Der Absturz des DDR-Ferienfliegers von Schönefeld in Richtung Burgas in Bulgarien vor nun genau 50 Jahren gilt bis heute als schlimmste Flugzeugkatastrophe auf deutschem Boden. 148 Passagiere - die meisten aus Cottbus, Dresden oder Berlin - und acht Crewmitglieder starben. Bis heute ranken sich Gerüchte um die Ursache, weil die DDR-Behörden ihre Erkenntnisse aus politischen Gründen unter Verschluss hielten.

Wenige Tage später trauerte die DDR in einem Staatsakt und bettete 60 nicht mehr identifizierbare Opfer in einem gemeinsamen Grab zur Ruhe. Doch warum die Iljuschin in der Luft zerbarst, erfuhren auch die Angehörigen damals nicht - obwohl Fachleute das sehr schnell ermittelten. „Es kam nie was raus“, sagt Ursula B. „Die durften alle nichts sagen.“

Die Maschine war an diesem schwülwarmen Montag um 16.29 Uhr in Schönefeld gestartet. Sie kam nur bis Cottbus, bis die Besatzung Probleme am Höhenruder feststellte und umkehrte. Die IL-62 ließ Treibstoff ab, um leichter zu werden. Es half nichts. Das Heck brach ab, das Flugzeug kippte vornüber.

Die Menschen an Bord hatten keine Chance

Die Piloten funkten Mayday, aber die Menschen an Bord hatten keine Chance. Um 17.00 Uhr ging die Maschine auf dem Gelände des Wasserwerks Königs Wusterhausen nieder. Feuerwehr und Rettungskräften fanden den brennenden Rumpf, Trümmer, Koffer, Leichenteile.

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Der damals zwölfjährige Carsten Häusler war mit dem Rad unterwegs von seinen Großeltern in Zeesen zurück nach Hause in Königs Wusterhausen. Als er die Rauchwolke sah, fuhr der Junge in die Richtung.

„Es war wahnsinnig schnell alles abgesperrt“, erzählt auch Häusler, der später selbst Flieger bei der Nationalen Volksarmee wurde und sich heute bei der Berliner Zeitzeugenbörse engagiert. Er kam auf Schleichwegen noch recht nah an die Unglücksstelle. „Auf der Wiese habe ich noch das Leitwerk der Maschine gesehen“, sagt er. Die Opfer sah er nicht.

Zwei Dinge sind ihm besonders in Erinnerung geblieben. Die ersten Schaulustigen vor Ort sollen Sachen aus verstreuten Koffern geklaut haben. „Das wurde schnell unterbunden, wer erwischt wurde, wurde zur Rechenschaft gezogen“, erzählt Häusler. Wer das genau war, sei nicht bekannt geworden.

Lastwagen fuhren verseuchte Erde ab

Das andere einschneidende Erlebnis für den Jungen: In den folgenden Tagen und Nächten hörte er pausenlos Lastwagen, die verseuchte Erde vom Unglücksort abfuhren. Denn in der Nähe lagen die Quellen für das Trinkwasser der Stadt.

Sehr schnell vor Ort war auch Jörn Lehweß-Litzmann, und das ganz offiziell. Der damals 28 Jahre alte Interflug-Ingenieur war vor der Katastrophe mit der Einstellung der erst 1970 in DDR-Dienst genommenen Iljuschin befasst. Er wurde eines von 63 Mitgliedern der Untersuchungskommission zur Unglücksursache.

Der Gedenkstein für die Opfer steht auf dem Waldfriedhof in Wildau. Links daneben sind die nicht identifizierten Toten des Absturzes bestattet.
Der Gedenkstein für die Opfer steht auf dem Waldfriedhof in Wildau. Links daneben sind die nicht identifizierten Toten des Absturzes bestattet.
© dpa/Soeren Stache

Klar war nach seinen Worten von Anfang an, dass ein Brand im Heck dem Flugzeug zum Verhängnis wurde. Doch warum brach er aus? Ein Anschlag oder der Flug durch die eigene Kerosinwolke seien rasch ausgeschlossen worden, schreibt Lehweß-Litzmann in einem Beitrag für den Heimatkalender Königs Wusterhausen von 2019.

Schuld war eine undichte Heißluftleitung

Stattdessen kam die DDR-Kommission in wochenlangen Untersuchungen zu dem Schluss, dass durch eine undichte Heißluftleitung im Heck 300 Grad heiße Luft so lange auf einen Kabelbaum strömte, bis die Isolierung verkohlt war. Die Folgen: Kurzschluss, Funken, Entzündung von im Flugzeug verbautem Magnesium, das mit 2000 Grad abbrannte, das Höhenruder zerstörte und schließlich das ganze Heck „abschweißte“.

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Binnen drei Monaten „erfolgte die Abarbeitung aller aufgeworfenen Fragen“, schreibt Lehweß-Litzmann. Doch die sowjetischen Konstrukteure der Iljuschin bestätigten die Ergebnisse der DDR-Kollegen nicht - liefen sie doch auf Konstruktionsmängel hinaus. Der Leiter der Regierungskommission, Paul Wilpert, habe der Regierung empfohlen, den Streit mit den sowjetischen Genossen auf sich beruhen zu lassen und nichts mehr über die Unglücksursache zu sagen. Staats- und Parteichef Erich Honecker habe dies Ende 1973 persönlich abgesegnet.

Hinter den Kulissen wurden Schlüsse gezogen. Die Konstrukteure der Iljuschin übernahmen von den DDR-Kollegen empfohlene Änderungen an dem Modell, die Interflug kontrollierte das Heißluftsystem der sowjetischen Maschine fortan besonders genau. Die ganze Wahrheit der Verschlusssache aber kam erst nach dem Umbruch in der DDR ans Licht.

Verena Schmitt-Roschmann - dpa

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