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Eine Kerze steht während eines Stromausfalls im Südwesten Berlins in einem Fenster.

© dpa/Sebastian Gollnow

Wieder Stromausfall in Berlin: Die Verletzlichkeit des Alltäglichen ist beängstigend

Bei Minusgraden sind 45.000 Menschen in Berlin ohne Strom, verursacht offenbar durch einen Anschlag. Das löst selbst im warmen Wohnzimmer ein ungutes Schaudern aus.

Anke Myrrhe
Ein Kommentar von Anke Myrrhe

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Spätestens am Nachmittag, als die kurze helle Phase des Tages langsam zu Ende geht, sickert die Erkenntnis bei vielen Menschen endgültig durch: Es bleibt dunkel. Und das wahrscheinlich noch für mehrere Tage.

Ein einfacher Stromausfall – und das Leben, wie wir es kennen, funktioniert nicht mehr. Die Heizung aus, der Supermarkt geschlossen, das Handy leer, aber Empfang gibt es ohnehin nicht – und das mitten in der Großstadt.

45.000 Menschen sind unmittelbar betroffen, 2000 Gewerbebetriebe, im Gebiet befinden sich auch vier Krankenhäuser, viele Pflegeeinrichtungen und Altenheime. Der Aufzug fährt nicht, Supermarkttüren lassen sich nicht schließen, Rollläden gehen nicht hoch, die Garagentür bleibt unten – im Stromausfall zeigt sich auch die Verletzlichkeit der digitalisierten Gesellschaft.

Ohne Strom geht nichts mehr. Kein Internet, kein Telefon, keine Wärmepumpe. Immerhin fließt das Wasser noch. Hat jemand ein Kurbelradio? Die USA greifen Venezuela an – und im Berliner Südwesten bekommt davon niemand etwas mit.

Ein Stromkabel brennt nicht einfach so

Das Unbehagen verstärkt sich im Laufe des Tages, als sich bestätigt, was Experten schon seit dem Morgen vermuten: Ein Starkstromkabel brennt nicht einfach so. Am Nachmittag geht ein Bekennerschreiben bei der Polizei ein.

Wieder einmal zeigt sich, wie verwundbar unser Alltag ist. Wie einfach es ist, große Teile der Bevölkerung von der Außenwelt abzuschneiden, sie zu verunsichern, teilweise zu verängstigen.

Es braucht nicht viel Fantasie, um den Krimi fortzuschreiben: Was, wenn in einer – womöglich aus dem Ausland gesteuerten – Aktion mehrere solcher Kabel gleichzeitig beschädigt werden? Wenn die mobilen Notstromaggregate knapp werden, die Krankenhäuser und Wasserpumpen noch am Laufen halten?

Da kann auch kaum beruhigen, dass die Kommunikation diesmal besser lief als in Köpenick im Februar 2019. Im Katastrophenschutz scheint die Stadt heute besser aufgestellt zu sein. Und dennoch hat der Bezirk Steglitz-Zehlendorf mehr als 13 Stunden gebraucht, um die erste Notunterkunft zu öffnen. Ob diese Information wirklich all jene erreicht, die sie dringend brauchen, ist völlig unklar.

Niemand weiß, wie viele Menschen diesen Abend allein und frierend in ihrer Wohnung verbringen. Selbst im warmen Wohnzimmer löst diese Vorstellung ein Schaudern aus.

Bleibt die Hoffnung, dass die krisenerprobte Berliner Solidarität auch diesmal funktioniert. Es soll sehr kalt bleiben in den nächsten Tagen.

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